François Ozon, der große Vielseitige des französischen Gegenwartskinos, legt eine hintergründige Komödie vor, die das Flair der Siebziger Jahre mit Anspielungen auf die Gegenwart verbindet und Catherine Deneuve eine Paraderolle beschert.
François Ozons neuer Film beginnt berückend und bezaubernd. Catherine Deneuve, 67 Jahre jung und Frankreichs größte lebende Filmdiva, joggt – herrlich selbstironisch – im knallroten Trainingsanzug und mit perfekt sitzender Frisur durch den Wald. Dabei trifft sie auf süße Vögelchen und putzige Eichhörnchen, die sie zu poetischen Ergüssen animieren, die sofort in einem ständig mitgeführten Notizblock verewigt werden. Suzanne Pujol, die Hauptfigur in Das Schmuckstück (Potiche) ist gelangweilte Fabrikantengattin, schmückendes Beiwerk eines erfolgreichen Industriellen. Als dieser, nach einer Herzattacke gesundheitlich angeschlagen, seine protestierenden Arbeiter nicht mehr unter Kontrolle bekommt, übernimmt Madame das Zepter und zeigt als neue Firmenchefin unvermutete Qualitäten, die auch ihre wieder entdeckte Jugendliebe, den kommunistischen Bürgermeister Maurice Babin (Gérard Depardieu) verblüffen. Schließlich steigt sie selbst in die Politik ein. François Ozon macht aus dem gleichnamigen Theaterstück von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy eine nostalgische Seventies-Boulevardkomödie mit Anspielungen auf das heutige Frankreich. „ray“ traf den Regisseur zum Gespräch.
Das Schmuckstück basiert auf einem 30 Jahre alten Theaterstück. Was hat Sie an dem Stoff interessiert?
François Ozon: Es war toll, wieder eine Komödie zu drehen und in die Siebziger Jahre einzutauchen, die Zeit meiner Kindheit. Ich hatte noch ein paar Erinnerungen, vor allem was Klamotten angeht, aber ich habe viel über die politische Situation dieser Jahre in Frankreich recherchiert und viele Parallelen zu heute festgestellt.
Zum Beispiel?
François Ozon: Natürlich hat sich viel verändert, aber einiges ist immer noch ähnlich. Nach wie vor verdienen Männer in der gleichen Position mehr als Frauen. Auch der Chauvinismus existiert immer noch. Ich kenne das Theaterstück, auf dem der Film basiert, schon sehr lange, noch vor 8 Frauen, hatte jedoch immer das Gefühl, dass es zu alt ist und nichts mit der heutigen Realität zu tun hat. Aber im Präsidentschaftswahlkampf 2005 zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal wurde mir klar, dass in der Politik noch immer frauenfeindliche Attitüden herrschen. Nicht so sehr im rechten Lager, sondern vor allem bei den Linken selbst. Darauf las ich das Stück noch einmal und dachte: „Hm, vielleicht gibt es da doch ein paar Gemeinsamkeiten.“ Aber ich wollte wegen der Komik trotzdem in den Siebzigern bleiben.
Bei den Fernsehduellen war Sarkozy doch auch recht chauvinistisch und herablassend …
François Ozon: Hatten Sie den Eindruck? Ich glaube nicht, dass er frauenfeindlich ist. Er liebt die Frauen. Die aggressivsten Sprüche kamen doch aus Madame Royals eigenen Partei, den Sozialisten, weil sie von der Basis gewählt worden war und nicht von der Par-teispitze.
Sind die Klassenunterschiede, die Potiche zeigt, heute noch ein Thema in Frankreich?
François Ozon: Der große Unterschied ist, dass die Kommunistische Partei in den Siebziger Jahren sehr bedeutend war und 1981 von Mitterand sogar an der Regierung beteiligt wurde. Nach dem Fall der Mauer änderte sich natürlich alles, wie überall in Europa. Damals war die Gesellschaft klar in zwei Klassen unterteilt, die Arbeiter und die Oberschicht. Auch heute gibt es noch Unterschiede, aber sie sind nicht mehr so stark. Ich hege große Sympathie für den von Gérard Depardieu gespielten Kommunisten im Film. Auf eine Art ist er eine Metapher für das, was mit der kommunistischen Partei passierte. Man merkt, dass da eine Ära zu Ende geht und damit eine bestimmte Vision der Welt verschwindet.
Warum haben Sie den Film in Belgien gedreht und nicht in Frankreich?
François Ozon: Zum einen aus finanziellen Gründen, aber vor allem wegen der Locations. Man findet in Brüssel und Umgebung noch immer viele Orte, die wie in den Siebziger Jahren aussehen. Und die belgischen Komparsen haben ganz besondere Gesichter, ganz anders als in Frankreich, als wären sie selbst noch in den Siebzigern.
Die Inszenierung des Films balanciert zwischen dem Realismus der politischen Zustände und dann wieder fast surrealen Momenten wie etwa dem Tanz von Catherine Deneuve und Gérard Depardieu, der an Ihre früheren Filme wie Tropfen auf heiße Steine (Gouttes d’eau sur pierres brûlantes, 2000) oder 8 Frauen (8 femmes, 2002) erinnert …
François Ozon: Sie fanden den Tanz etwa nicht realistisch?! Wenn man eine gute Komödie machen will, braucht man einen ernsthaften Kontext. Der Hintergrund muss realistisch sein, die Beziehungen zwischen den Figuren müssen stimmen, damit man mit den anderen Elementen spielen kann. Genauso bei dem Tanz im Nachtclub Badaboum: Die Situation ist realistisch, aber der Tanz selbst wird zum surrealistischen Moment und schafft eine gewisse ironische Distanz. Das gefällt mir. Manchmal funktioniert es nicht, aber hier schon. Das liegt natürlich auch an Catherine und Gérard, weil sie zwei bekannte Filmstars sind, deren Vergangenheit man kennt, auch die Rollen, die sie zusammen gespielt haben und diese Chemie hilft, sie überhöht die Szene.
Hatten Sie überlegt, mehr dieser Tanznummern unterzubringen?
François Ozon: Nein, nicht wirklich. Man hätte aus dem Stück auch ein Musical machen können, aber die beiden sind keine besonders guten Tänzer.
Sie drehen pro Jahr mindestens einen Film und jeder unterscheidet sich von den anderen. Wonach wählen Sie Ihre Stoffe aus?
François Ozon: Viele meiner Freunde sind auch Regisseure und ich höre immer wieder von ihnen, wie viel Anstrengung es sie kostet, einen Film zu drehen. Mir geht das nicht so. Mir bereitet es viel Freude, es ist meine Leidenschaft. Dadurch wird es kein Kinderspiel, aber ich mag meinen Beruf.
Ist Das Schmuckstück auch eine Reaktion auf Ihren letzten Film, das Drama Rückkehr ans Meer (Le Refuge, 2009)? Wollten Sie bewusst einen leichteren Stoff inszenieren?
François Ozon: Sicherlich. Ich wechsle gerne die Genres, jedes Mal ist ein Abenteuer und mir gefällt es, auf unterschiedliche Weisen zu arbeiten. Denn jeder Film muss seinem Thema entsprechend umgesetzt werden, auch in Bezug auf das Budget. Le Refuge war ein kleiner, schwieriger Film mit einem ernsten Thema und für ein kleineres Publikum als Potiche.
Das Ehepaar wird von Catherine Deneuve und Fabrice Luchini gespielt …
François Ozon: Das sind zwei Schauspieler, die von verschiedenen Planeten kommen. Für die Figur Luchinis hatte ich immer die Filme von Louis de Funès im Hinterkopf, der den typischen französischen Boss in Perfektion verkörperte: nervös, gemein und sehr komisch.
Der Humor hat viel mit sexuellen Anspielungen zu tun. Wie sehr unterscheidet sich Ihr Film vom Theaterstück?
François Ozon: Sex gab es dort auch, das gehört zur französischen Boulevardkomödie einfach dazu, auch Inzest ist hintergründig oft Thema. Das hat mit der Tradition Molières zu tun und wahrscheinlich einfach mit unserer Kultur. Aber am Ende ist die Ordnung wiederhergestellt, alles ist an seinem Platz. Es war alles bereits im Stück angelegt, ich habe es nur ein bisschen verändert.
Sie haben mit Catherine Deneuve bereits bei 8 Frauen zusammengearbeitet, auch eine Komödie und auch eine Theateradaption. Was war diesmal anders?
François Ozon: Bei 8 Frauen habe ich auf Neutralität gegenüber meinen Darstellerinnen wert gelegt, das war nicht ganz einfach. Diesmal war Catherine bereits sehr früh in der Vorbereitungsphase involviert und sie hat sich stark eingebracht. Sie liebte die Figur und ihr ist bewusst, dass eine solche Rolle ein großes Geschenk für sie ist. Wenn sie am Ende inmitten all der Komparsen singt, vergisst man fast die Rolle. Das ist Catherine Deneuve pur.
Wollen Sie mit dem Film eine politische Botschaft vermitteln?
François Ozon: Ich persönlich habe bestimmte Ansichten, aber ich bin Künstler und möchte in meinen Filmen keine Propaganda betreiben. Das Publikum soll sich selbst eine Meinung bilden.
Catherine Deneuves Figur begegnet dem Arbeiterkampf mit einer gewissen Naivität und ist damit erfolgreich. Finden Sie die Realpolitik zu zynisch?
François Ozon: Ich bin ganz sicher nicht für mehr Naivität in der Politik, im Gegenteil. Das Ende ist doch sehr ironisch, wenn sie versucht, allen eine Mutter zu sein. Das Matriarchat ist sicher keine Lösung, aber ich weiß selbst nicht, was der richtige Weg wäre.
Was hat es mit Suzannes Trainingsanzug auf sich? Zu Beginn ist er rot, später plötzlich blau …
François Ozon: Ja, und am Ende trägt sie ein weißes Kleid – die Trikolore, die französischen Nationalfarben!
