Können Pornos inhaltlich und ästhetisch anspruchsvoll sein, gar etwas Neues bieten? Die Buchveröffentlichung „Sex und Subversion. Pornofilme jenseits des Mainstreams“ widmet sich den Themen Subversion und Körperinszenierung.
Der Porno ist die Wiederholung des immer Gleichen, ein Sammelsurium bizarrer und schöner Bilder, eine Form von symbolischer Gewalt, der Inbegriff sexueller Tristesse, das filmische Versprechen auf eine lebendigere Sexualität. Eine Frage gleich zu Anfang: Lassen sich überhaupt Aussagen über ein Genre treffen, die pauschale Gültigkeit für sich beanspruchen können und den Filmen keine Gewalt antun? Eine erste Vermutung: Je vertrauter man vor allem mit den Rändern eines Genres ist, desto geringer die Motivation, kategorisch zu behaupten, es sei dieses oder jenes. Genres sind widerspruchsvolle Gebilde und dementsprechend sind auch die genannten Zuschreibungen alle für sich richtig, obwohl sie einander widersprechen. Mit „Sex und Subversion“ ist jetzt ein Band erschienen, der der Leserin und dem Leser eben jene Ränder, also „Pornofilme jenseits des Mainstreams“ nahebringen möchte.
Beginnen wir mit der Wiederholung. Auch für den ungeübten Rezipienten wird schnell erkennbar, dass das Experiment ganz offensichtlich nicht das erste Ziel der Pornoindustrie ist. Die Vorgänge sind in ihrer Variationsbreite überschaubar, die Choreografien wiederholen sich in minimal variierter Endlosschleife: Blowjob, Frau oben, Doggystyle, Analverkehr, Cumshot. Der französische Philosoph Michel Foucault konstatierte bereits Mitte der Siebziger Jahre: „Wie arm ist doch unser Bildervorrat! Und wie dringlich ist es, einen neuen anzulegen.“ Der inszenierte Sex konnte sich Ende der Sechziger Jahre, als das Wünschen noch geholfen hat, mit utopischen Vorstellungen vom befreiten Körper verbinden. Inzwischen neigt das Genre zur Omnipräsenz, und der Sex hat im typischen Porno einen eher verbissenen Charakter angenommen: Alles ist Arbeit. „Schaut man beim money shot weg vom abspritzenden Glied auf die Gesichter der Protagonisten, so scheint in ihnen weniger Lust als Anstrengung zu stehen – harte Mühsal“, schreibt Herausgeber Oliver Demny in seinem den Band einleitenden Aufsatz „Per Anhalter durch die Pornolandschaft“.
Jenseits des Mainstreams sollen nun weniger disziplinierte Bilder zu finden sein. Und die Fundstücke sind mitunter ganz erstaunlich. Die Autoren des Bandes (es sind überwiegend Männer) berichten von sexuell aktiven Robotern, Bruce LaBruces schwulen Skinhead-Pornos und BDSM-Internetclips. Auch das wirklich obskure Zeug findet Platz: Christian Keßler stellt wie gewohnt gut aufgelegt das filmische Schaffen von Eduardo Cemano vor, einem begnadet-wahnsinnigen Regisseur der Hippie-Ära, in dessen Werk Fongaluli (1973) lüsterne Hummer eine zentrale Rolle spielen. Und auch eines der bizarrsten Exemplare des Genres, die Porno-Dystopie Café Flesh (1982), bekommt ein eigenes Kapitel. Sowohl für die Filme von Bruce LaBruce als auch für die wieder ans Licht gezerrten Raritäten gilt, dass sie sich nicht in lustvoll zelebrierter Merkwürdigkeit erschöpfen, sondern selbstreflexive Kommentare zum Genre liefern. Die reflexive Ebene in Café Flesh legt Martin Richling frei: „Sex ist in Café Flesh kein Königsweg zum Glück oder zur Selbstbefreiung, wie es gerade im Zuge der 68er-Bewegung noch viele Pornofilme propagiert haben. Vielmehr wird klar, dass die gelebte, genau wie die unterdrückte Sexualität untrennbar mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft sind.“
Die Autoren tappen dann auch nicht mehr in die verlockende Falle, den Porno als Rückkehr einer irgendwie verdrängten Sexualität zu feiern. Das Glücksversprechen liegt hier nicht in der exzesshaften Überschreitung angeblich hemmender Tabus, sondern darin, Bilder abseits der konventionellen Exzesse des Mainstreams zu finden. Unerlaubte Schönheit blitzt etwa dort auf, wo die Darstellerinnen und Darsteller in Gelächter ausbrechen – zu den Regeln des Mainstreampornos hingegen gehört, „dass frau angesichts des mächtigen Phallus nicht zu lachen hat“ (Jochen Werner). Und auch Fongaluli und Café Flesh zeugen von einem Witz, der dem Genre heute weitgehend verloren gegangen ist.
Es war Foucaults vielleicht beste Idee, die These, Sexualität würde in der bürgerlichen Gesellschaft prinzipiell der Verdrängung anheim fallen, in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Macht ist weniger darauf aus, das Begehren zu unterdrücken, stattdessen feuert sie es ständig an und zwingt es, sich zu zeigen. Sexualität ist nicht der naturhafte Widerpart zur bürgerlichen Gesellschaft, sondern mit ihr verwoben. Und auf den Bekenntniszwang, das Versprechen, die Körper auf der Leinwand würden im somatischen Exzess ihre Wahrheit preisgeben, wollen auch viele jener Produktionen nicht verzichten, die aktuell als „Alternative Porn“ vermarktet werden. Selbst was sich als innovativ oder gar subversiv geriert, läuft Gefahr, die etablierten Formeln schlicht zu reproduzieren. Ein Film wie Eon MacKais The Doll Underground (2007) kommt inhaltlich wie formal mit einem an der Ästhetik der amerikanischen Subkulturen geschulten Gestus daher, der allerdings, wie Jochen Werner herausstellt, „über selbstzweckhaften Ästhetizismus selten hinausreicht“. Gevögelt wird dann doch wie gehabt, mit eiserner Disziplin. Die in „Sex und Subversion“ versammelten Beiträge wollen kein einfaches Rezept für eine wie auch immer geartete bessere Pornografie liefern, sondern nehmen genau solche Widersprüche und Ambivalenzen in den Blick.
Der Zusammenhang von Pornografie und Macht war es dann auch, der in den Siebziger und Achtziger Jahren große Teile der feministischen Bewegung dazu brachte, die Filme als symptomatischen Ausdruck männlicher Herrschaft zu verdammen. Andrea Dworkin identifizierte das pornografische Bild als den Inbegriff patriarchaler Gewalt. Alice Schwarzer importierte die ursprünglich in den USA geführte Debatte mit der PorNo-Kampagne nach Deutschland. Noch 2007 hieß in „Emma“: „Pornografie ist die Verknüpfung in Text oder Bild von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung.“ Wie gesagt, so ein Satz gilt niemals pauschal. Wer aber im Umkehrschluss die klassisch-feministische Ablehnung der Pornografie für ausschließlich spießig und lustfeindlich hält, kann sich bei Gelegenheit Eli Cross’ 242 Minuten andauernden Film Corruption (2006) zu Gemüte führen. Unter den Produktionen der vergangenen zehn Jahre gehören gerade jene zu den kommerziell erfolgreichsten, die auf eine unverhohlene Brutalisierung gesetzt haben. Der Band spart dankenswerter Weise auch die Ebene Sexualität und Gewalt nicht aus. Marcus Stiglegger, wie immer zuständig für die dunkleren Ecken, gibt in seinem Text einen Überblick über die offen sadistischen Vertreter des Genres. Im Fall von Corruption heißt das: Würgen, Anspielung auf Vergewaltigung, Tränen auf den Gesichtern der Darstellerinnen. Stiglegger: „Die Popularität der billig produzierten und schnell gedrehten gonzo-Pornos setzte einen Standard an Rohheit, den diese Großproduktion ständig überbieten muss – mit dem Effekt, dass die Inszenierung den Potlatsch der Körper an eine Grenze treibt, die in Länge und Drastik schwer rezipierbar wird und (möglicherweise gezielt) eine freudlose Melancholie beschwört.“ Filme wie Corruption beziehen ihre erregende Wirkung aus den antizipierten Gewalt- und Überwältigungsfantasien des anvisierten Zuschauers und wirken nicht zuletzt bemerkenswert trostlos. Christian Keßler bringt es auf den Begriff: „Der Mensch definiert sich über seine Nutzbarkeit, DarstellerInnen und KonsumentInnen sitzen fest in der gemeinsamen Wurstmühle.“
Was also bleibt übrig vom Versprechen der Pornografie? Spuren lebendigerer und vielschichtigerer Körperinszenierungen: die Filme von Regisseurinnen wie Anna Brownfield, Shine Louise Houston oder Ovidie, die versuchen, eigene Vertriebswege zu etablieren; dezidiert feministische Kommentare zum Genre wie Baise-moi (2000); verschiedene Ausprägungen queerer Pornografie; und – last but not least – die Heteropornos, die spielerische und weniger hierarchisch gedachte Bilder in Szene gesetzt haben. Ob der Begriff der Subversion in diesem Zusammenhang stimmig ist, sei einmal dahingestellt. Aber schon die nachhaltige Erweiterung des Bildervorrates wäre mehr, als man angesichts der überwältigenden Dominanz der buchstäblich nervtötenden Disziplinarästhetik zu hoffen wagt. Das würde schlicht bedeuten: Die Verbreitung von Filmen, die – noch einmal Christian Keßler – einen Sinn schaffen für „all die Ängste und all die Freuden, die in den menschlichen Körpern wohnen.“
