2009 wurde die Vienna Film Commission als Anlaufstelle für in- und ausländische Produktionsfirmen etabliert. Geschäftsführerin Marijana Stoisits zog kürzlich Bilanz der bisherigen Aktivitäten.
„Die Vienna Film Commission hat sich im vergangenen Jahr als anerkannte Partnerin von nationalen und internationalen Filmproduktionsfirmen und als österreichweite Netzwerkpartnerin etabliert.“ So knapp und positiv fasste Marijana Stoisits, einst selbst FIlmemacherin (Und damit tanzen sie noch immer – Stinjacke cizme, 1986) und danach viele Jahre lang im Fernsehbusiness („Spiegel TV“) tätig, anlässlich einer Pressekonferenz in Wien die Resultate ihrer Arbeit und der ihres Teams zusammen. 2010 war sozusagen das erste volle Arbeitsjahr der Vienna Film Commission, die im wesentlichen die Agenden des früheren Wiener Filmbüros übernommen hat, und es war, so Stoisits, ein intensives Jahr. An ihrem Standort in Neu-Marx ist die Commission nunmehr zuständig für alle Drehansuchen, die den Bereich der Wiener Magistrate betreffen, und das waren im vergangenen Jahr nicht weniger als 430. Sie werden von der Vienna Film Commission überprüft und an die zuständigen Magistratsabteilungen weitergeleitet. 366 Filmprojekte wurden beantragt, wovon rund 10 bis 15 Prozent auf Werbe- und Imagefilme entfielen. Insgesamt 387 Empfehlungsschreiben wurden von der Commission ausgestellt. Für Cineasten war die Tatsache, dass David Cronenberg für einen Teil der Dreharbeiten zu A Dangerous Method in Wien war, unzweifelhaft das Highlight; an weiteren größeren Produktionen sind vor allem heimische Spielfilme zu nennen, etwa Peter Patzaks Kottan ermittelt, Barbara Gräftners Echte Wiener 2, David Schalkos Glavinic-Verfilmung Wie man leben soll, Karl Markovics Atmen oder Markus Schleinzers Regiedebüt Michael. Dazu kamen TV-Serien wie „Schnell ermittelt“, „Tatort“-Folgen und vieles andere.
Mit Oskar Roehlers Jud Süß war 2010 bei der Berlinale erstmals ein Film bei einem großen Festival zu sehen, der intensiv von der Commission unterstützt worden war; im heurigen Jahr lief in Berlin Wolfgang Murnbergers Mein liebster Feind. Die Wettbewerbsnachteile Wiens gegenüber den Film-Städten des „ehemaligen Ostens“, wie Prag, Bratislava, Budapest, Sofia oder Bukarest, sind hinlänglich bekannt, allen voran die deutlich höheren Personalkosten, dennoch kann Stoisits auf 42 internationale Produktionen verweisen, die allein im Jahr 2010 bei der Vienna Film Commission um Drehgenehmigungen ansuchten. Die meisten ausländischen Anfragen kamen naturgemäß aus Deutschland, aber auch aus England, China, der USA, dem Iran, der Schweiz und Frankreich.
Am engsten kooperiert die Vienna Film Commission mit der Magistratsabteilung 46, die für Verkehr und technische Verkehrsangelegenheiten zuständig ist. Allein 954 Drehbewilligungen (im Unterschied zu 781 im Jahr 2009) wurden 2010 von der MA 46 ausgestellt. Dabei geht es meist darum, dass Straßenabschnitte kurzfristig gesperrt werden und dass Filmcrews intensiven Parkplatzbedarf haben. Hier ortet Stoisits am ehesten Reibungspotenzial: „Die Wiener lieben nun einmal ihre Autos und ihre Parkplätze.“ Die mit Abstand gefragtesten Motive bei Dreharbeiten in Wien sind, ein wenig überraschend, nicht die üblichen Touristenattraktionen, sondern Krankenhäuser („Jede Krimiserie braucht Szenen im Spital“, so Stoisits.), gefolgt von Parks und Gärten, Märkten, Bädern, Liegenschaften des Forstamtes, Gemeindebauten, dem Rathaus, Sportbetrieben, Friedhöfen, Schulen, der MA 48 (Müllabfuhr) und den Wiener Gewässern.
Werden Drehansuchen von Seiten der Magistratsabteilungen, von Immobilienbesitzern oder von Bezirksseite abgelehnt, so interveniert die Vienna Film Commission im Sinne der Antragsteller bzw. wird mediatorisch tätig. 2010 erfolgten die meisten Interventionen beim Krankenanstaltenverbund (KAV), bei Wiener Wohnen, bei der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), dem Sportamt, dem Justizpalast, den Märkten, der ASFINAG, dem 6. und dem 3. Bezirk und bei den Wiener Linien. „Insbesondere mit dem KAV und den Wiener Linien konnte die Zusammenarbeit erheblich verbessert werden“, zeigt sich Stoisits erfreut. Nach intensiven Gesprächen mit den Magistratsabteilungen gebe es seit Herbst 2010 nun auch erstmals einen einheitlichen Vertragsentwurf für Dreharbeiten.
Neben der Arbeit am Zustandekommen real existierender Projekte gehört das Lobbying für den Filmstandort Wien und für das filmische Geschehen in Wien zu den Hauptaufgaben der Institution: „Hier haben wir in vielen Bereichen den Grundstein für Aktivitäten gelegt, die in den kommenden Jahren vertieft und ausgebaut werden. Ich bin überzeugt, dass es inzwischen eine positive Grundstimmung für Filmdreharbeiten in Wien gibt.“ Dazu gehört auch die Abhaltung so genannter „Stammtische“: Der bislang letzte Termin fand am 24. Februar statt und widmete sich dem Thema „Drehen in Wiener Gemeindebauten“. Stoisits freut sich über große Akzeptanz, vor allem bei Aufnahmeleitern, Produktionsleitern und -koordinatoren.
Auch Kultur- und Wissenschaftsstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, Initiator der 2009 geschaffenen Einrichtung, ist mit dem Fortgang der Dinge offenkundig zufrieden: „Die Vienna Film Commission ist zu einer unverzichtbaren und wertvollen Akteurin an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Raum und heimischer Filmproduktion geworden. Mit Information, Service, Mediation und Lobbying im In- und Ausland steht die Vienna Film Commission den Filmschaffenden engagiert zur Seite“, sagt Mailath-Pokorny, dessen Kulturabteilung neben dem Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien, dem Wien Tourismus, der Wirtschaftskammer Wien, der Wirtschaftsagentur und dem Filmfonds Wien zu den Geldgebern der Vienna Film Commission (Jahresbudget, laut Stoisits, 500.000 Euro) zählt. Intensiv gearbeitet wird auch an der Online-Präsenz der Vienna Film Commission. Nicht nur ist seit Frühjahr 2010 die Bearbeitung von Ansuchen auch online möglich, auch die Location- und Branchendatenbank wurde im letzten Jahr beständig erweitert und aktualisiert. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Erfassung von Straßen, Plätzen, Gemeindebauten und Spitälern der Stadt Wien. Alle diese Locations sind seit dem Spätherbst auf der Website der Vienna Film Commission abrufbar. Die Locationdatenbank enthält derzeit 720 Einträge, die Branchendatenbank 620.
Die Vienna Film Commission unterstützte darüber hinaus diverse filmpolitische Aktivitäten der Stadt Wien, etwa den Wiener Filmmusikpreis und die Ausstellung „Wien im Film“ im Wien-Museum. Im Herbst 2010 startete die Commission mit großer Beteiligung der Filmbranche die Veranstaltungsreihe „Literatur und Film“, gemeinsam mit dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels, um die Verfilmung von „Wien-spezifischen“ Buchvorlagen zu forcieren. Auf Initiative und Betreiben der Vienna Film Commission schlossen sich fünf regionale österreichische Filmcommissions unter der neu gegründeten Dachmarke „On Location: AUSTRIA“ zusammen, um das Filmland Österreich in einem gemeinsamen starken Auftritt im Ausland zu präsentieren. „On Location: AUSTRIA“ war 2010 etwa bei der Location Tradeshow in Los Angeles, bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes und bei der International Locations Expo 2010 in Sevilla vertreten. Diese Aktivitäten will die Geschäftsführerin im Jahr 2011 weitertreiben und ausbauen. So will man sich auch auf dem „immer wichtiger werdenden Markt internationaler Fernsehproduktionen“ präsentieren, z.B. bei der TV-Messe MIPCOM, die alljährlich in Cannes stattfindet. Ein neu gedrehtes „Showreel“ soll internationalen (Fernseh-)Produzenten die Location Wien schmackhaft machen. Darin, so Marijana Stoisits, sollen vor allem Schauplätze zu sehen sein, die man international noch nicht so kennt und die Wien auch von einer anderen Seite, abseits der gängigen Tourismusklischees, zeigen werden.
