Unknown Identity

Identity

Unknown Identity

| Alexandra Seitz |

Wer ist Dr. Martin Harris? Und was will er in Berlin? Die Antworten fallen unterhaltsam aus.

Neu ist die Idee nicht: Nach einem Unfall aus der Bewusstlosigkeit erwacht, muss ein Mann feststellen, dass ihm sein altes Leben abhanden gekommen ist. Seine Frau erkennt ihn nicht mehr, den Platz an ihrer Seite hat ein anderer eingenommen. Niemand glaubt ihm, keiner hört ihm zu. Und bald schon trachten finstere Gesellen unbekannter Herkunft danach, ihn um die Ecke zu bringen; auf den Verlust der Identität soll der der Existenz folgen. Von allen Seiten bedroht, kämpft nun der Mann darum, das eine zu behalten und das andere zurückzuerlangen. Er kommt bei der Gelegenheit einer üblen Verschwörung auf die Spur – und wenn alles gut geht, rettet er sich und die Welt und bekommt das Mädchen.

Ein klassischer Mystery-Thriller-Stoff; ein Stoff, der an den Meister des Suspense denken lässt, denn wie kein zweiter konnte Alfred Hitchcock dergleichen wilde Geschichten unter Hochspannung setzen. Hoch also liegt die Messlatte, aber Jaume Collet-Serra nimmt sie mit Unknown – der vom US-amerikanischen Wissenschaftler Dr. Martin Harris (Liam Neeson) handelt, der zu einem Kongress nach Berlin reist und sich in der fremden Stadt alsbald nackt und hilflos findet – ziemlich souverän. Der spanisch-stämmige, in Los Angeles arbeitende Collet-Serra hat sich bereits mit House of Wax (2005) und Orphan (2009) um das Genre-Kino verdient gemacht. Ihren jeweiligen Drehbuchmängeln zum Trotz merkte man beiden Filmen doch immer auch den vollen Einsatz ihres Regisseurs an, und dessen unbedingte Begeisterung für eine Weise des Erzählens, die mit vorgegebenen Mustern und Formeln, die keineswegs nach Belieben variiert werden dürfen, zu einer der schwierigeren gehört.

In Unknown gelingt es Collet-Serra diesmal besonders gut, narrative Unebenheiten, dramaturgische Holperer und psychologische Löcher mit dem atemlosen Furor seiner Inszenierung wettzumachen. Zu verdanken hat er das nicht zuletzt der exzellenten Besetzung der Nebenrollen – allen voran Bruno Ganz, der mit seiner Rolle eines Ex-Stasi-Offiziers ein geradezu diebisches Vergnügen hat. Sowie einem hochprofessionellen Stunt-Team, das es mit Spaß an der Sache krachen, quietschen und stauben lässt. Standards wie Autoverfolgungsjagden, Chargen wie „der schweigsame Killer“ (Stipe Erceg im Eine-finstere-Miene-Modus), Klischeebilder von Berlin haben schon lange nicht mehr so frisch und überzeugend ausgesehen wie hier. Es ist eine Freude, diesen Film zu sehen.