Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Das gilt nicht nur für „Irish“ Micky Ward, das gilt auch für den Film, der seine Geschichte erzählt. Mit „The Fighter“ haben David O. Russell, Mark Wahlberg, Christian Bale, Melissa Leo und die Leute von Lowell, Massachusetts, einen Boxfilm geschaffen, der dem Genre alle Ehre macht und es zugleich transzendiert.
The pride of Lowell“, der Stolz von Lowell – das ist Dicky Eklund. Doch die Tage des Ruhms liegen hinter Dicky, ebenso wie die strahlenden Zeiten hinter Lowell liegen. Hinter Lowell liegen sie sogar noch wesentlich länger. Der Niedergang des Textilindustriezentrums nordwestlich von Boston setzte in den Zwanziger Jahren ein. In der Folge erfreute sich der Faustkampf dort großer Beliebtheit. Auf Ruhm im Ring hoffend, reagierten die jungen Männer ihre überschüssigen Energien in den zeitweise über 30 Boxhallen der Stadt ab. Lowell, die viertgrößte Stadt von Massachusetts, ist einer jener geschichtsträchtigen Orte, an denen die Spuren von Blüte und Vergehen des klassischen Proletariats konserviert sind. Bette Davis und Jack Kerouac stammen aus Lowell. Und Dicky Eklund und Micky Ward, die beiden Halbbrüder und Weltergewichts-Boxer, von denen David O. Russells The Fighter erzählt.
Ungleiche Brüder
Der Film spielt Anfang der Neunziger Jahre, die Stadt ist von Armut, Arbeitslosigkeit und Crack geprägt. Ein Fernsehteam hat sich an Dicky Eklunds Fersen geheftet, vorgeblich, um einen Film über dessen geplantes Comeback zu drehen. Zum wiederholten Male reminisziert Dicky seinen moment of glory, erzählt, wie er damals Sugar Ray Leonard zu Boden schickte. Etwas später wird man in einer Originalaufnahme des Kampfes sehen, wie Dicky über seinen liegenden Gegner hinwegsteigt. Eine ebenso triumphierende wie demütigende Geste. Doch zunächst führen Dicky und Micky das Fernsehteam durch die Straßen der Stadt, und Russell vermittelt bei der Gelegenheit nicht nur einen ersten Eindruck vom Handlungsort (gedreht wurde in Lowell), sondern auch vom Charakter seiner Bewohner. Bodenständig, freundlich, zupackend wirken die Leute im Viertel. Allgemein bekannt und überall gut gelitten scheinen die Brüder. Das geht ganz schnell, in einer dieser wunderbar rhythmisierten und zur Musik getimten Montagen, mit denen in The Fighter die Sachverhalte auf den Punkt gebracht und die Geschehnisse vorangetrieben werden. Förmlich hineingesogen in die Geschichte, merkt man sogleich: Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Dicky. Die Pupillen sind zu groß, die Augen zu unruhig, die Bewegungen zu fahrig, der Mann ist insgesamt zu dünn und wirkt, als stünde er unter Strom. Man ahnt, dass Dicky zu Lowells unzähligen Drogensüchtigen gehört. Aber dass das Fernsehteam in Wirklichkeit eine Dokumentation über Crack-Konsum in Amerika und dessen Folgen dreht, und dass Dicky darüber auch Bescheid weiß, das stellt sich erst um einiges später in einem beiläufig geäußerten Satz heraus.
Bei dieser Gelegenheit wird auch deutlich, dass Dicky zwar süchtig ist, aber nicht vollkommen verantwortungslos. Dass er außerdem in einem schrecklichen Dilemma stecken muss, wenn er einerseits die Entdeckung der Wahrheit insbesondere durch seine Mutter fürchtet (von ihr und ihren sieben Töchtern wird noch die Rede sein) und andererseits die mediale Öffentlichkeit sucht, um vor der Droge zu warnen. Man kann das widersprüchlich, gar unlogisch finden. Bei näherer Betrachtung aber offenbart sich darin eine Struktur, die viele Familien betrifft: Verdrängung hält das Kollektiv stabil, so lange, bis sich das Verdrängte, wie es eben dessen Art ist, mit Macht den Weg an die Oberfläche bahnt. Anders gesagt: Da Dicky zuhause niemandem sein Herz ausschütten kann, stößt er eben alle vor den Kopf. Dementsprechend groß fällt der Schock für die Seinen aus, als sie sich vorfreudig vor dem Fernsehgerät versammeln, um den Film über Dickys Comeback zu sehen, und stattdessen mit der Crack-Sucht des Stolzes von Lowell konfrontiert werden, der im Übrigen mittlerweile im Knast sitzt. Dramaturgisch markiert die Sequenz – eine Parallelmontage der Reaktionen der Betroffenen an ihren verschiedenen Aufenthaltsorten – den klassischen Wendepunkt. Jenen Moment, in dem Micky endlich zu sich selbst findet bzw. einen Entschluss fasst bzw. realisiert, was er eigentlich will.
Mark wahlbergs Micky ward
Micky. Dickys jüngerer Halbbruder, immer ein wenig im Schatten des Älteren, weit weniger laut, auch nicht so redselig, geschieden, Straßenbauarbeiter, Boxer. The Hope of Lowell, wenn man so will. Micky Ward ist derjenige, dessen Geschichte den Boxfilm-Anteil von The Fighter stiftet, der sich auch als Familiendrama sehen lässt, und natürlich zugleich als Milieustudie. Mit The Fighter ist David O. Russell nämlich ein ähnlich facettenreiches, tiefgründiges und nicht zu vergessen humorvolles Werk gelungen wie Three Kings, mit dem der Filmemacher 1999 dem verdienten Genre der Kriegssatire ein Glanzlicht aufsetzte. Auch The Fighter ist zweifelsohne ein Glanzlicht. Und ein Herzensprojekt.
Die treibende Kraft war Mark Wahlberg, der nicht nur die Rolle des „Irish“ Micky Ward übernahm, sondern den Film auch koproduziert hat. Über fünf Jahre bemühte sich Wahlberg (der in Boston in vergleichbaren Verhältnissen in einer ähnlich vielköpfigen Familie aufgewachsen ist) darum, die Geschichte eines seiner Kindheitshelden ins Kino zu bringen. Drei dieser Jahre bereitete er sich mit täglichem Training auf seine Rolle als Boxer vor, obwohl weder Finanzierung, noch Regisseur noch die weitere Besetzung feststanden. Ein Engagement, nein, eine Hingabe, die auf der Leinwand nun nicht nur in Form beträchtlicher Muskelmasse zu bestaunen ist, sondern vor allem in Gestalt von boxerischem Vermögen. Welches wiederum dazu führt, dass die Kampf-Sequenzen in The Fighter sich vor jenen in den üblichen Verdächtigen (Raging Bull, Rocky, Million Dollar Baby etc.) nicht zu verstecken brauchen. Ganz im Gegenteil. Wenn Mark Wahlberg Micky Wards berühmt-berüchtigten linken Haken auspackt, dann wächst kein Gras mehr.
Sowieso ist Wahlberg als Micky eine Wucht. Obwohl er auf den ersten Blick den undankbarsten, weil unauffälligsten Part hat. Alle um ihn her sorgen ständig für Unfrieden, machen Krach, werden hysterisch, gockeln, stolzieren und prahlen herum – und mittendrin steht er, ruhig wie das Auge des Hurrikans, schaut ein wenig erstaunt um sich und scheint sich zu fragen, wie zum Teufel er eigentlich in dieses Irrenhaus geraten ist. Es ist eine ausgesprochen verhaltene Performance, doch sie braucht sich vor den exaltierten und vollkommen zu Recht Oscar-gekrönten schauspielerischen Meisterleistungen Christian Bales in der Rolle Dickys und Melissa Leos in der von Mutter Alice nicht zu verstecken. Eher ist es so, dass Wahlbergs introvertiertes Unterspielen Bales und Leos extrovertierte Charakterisierungen erst so richtig zur Geltung kommen lässt. Und umgekehrt könnte man sich mit Mickys zwischen Schüchternheit und Passivität angesiedeltem Naturell weit weniger gut identifizieren, wäre er nicht von diesen beiden erdrückend starken Persönlichkeiten flankiert, die ständig vorgeben, sein Bestes im Auge zu haben und dabei immer vergessen, ihn nach seiner Meinung zu fragen.
Als Managerin und als Trainer, als Mutter und als großer Bruder verfügen Alice und Dicky über Micky mit einer Totalität, die diesen zum Leibeigenen stempelt. Zu einer Art familieneigenem Gladiator, der die Träume vom Ruhm, die es Dicky nicht einzulösen gelang, wahr machen soll, koste es was es wolle. Das geht so lange einigermaßen gut, bis Micky die Kellnerin Charlene (Amy Adams) kennen lernt, die ihm dabei hilft, die Prioritäten in seinem Leben klarer zu erkennen und neu zu sortieren. Ohne Konflikte geht eine derartige Neuorientierung aber freilich nicht über die Bühne.
Einmal kommt es tatsächlich zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Charlene und Alice, die mit ihren sieben Töchtern wie ein Trupp von Erinnyen anrückt, um den abtrünnigen Micky in den Schoß der Familie zurückzuholen. Dieser Catfight entbehrt nicht einer gewissen Komik und zeigt zugleich, wer hier eigentlich das Heft in der Hand hat. Es kann einen erheitern, dass der starke Mann im Zentrum der Geschichte lange kein Mittel gegen die ihn umgebenden Frauen findet. Allerdings ist er mit diesem Problem nicht allein. Angesichts der unleugbaren Überzahl und offensiv, ja geradezu stolz zur Schau getragenen Zickigkeit der Frauen der Familie wundert es einen nicht, dass deren Männer lieber keine Angriffsfläche bieten möchten und die Unauffälligkeit suchen. Dass die sieben Ladies, die da als Dickys und Mickys Schwestern zu sehen sind, so ungeheuer authentisch rüberkommen, liegt übrigens daran, dass sie Dickys und Mickys Schwestern sind.
Auch Mickey O’Keefe, der Polizist, der schließlich Mickys Training übernimmt, stellt sich selbst dar. Und die Boxhalle, in der trainiert wird, ist kein Set, sondern der Lowell West End Gym. Auf vielen Ebenen ist die Textur von The Fighter von Partikeln der Wirklichkeit durchdrungen, und diese Verwurzelung im Realen ermöglicht es Russell wiederum, Teile der Geschichte auf ihren abstrakten und grundsätzlichen Gehalt hin zu inszenieren. Das gilt für die pointierten Beobachtungen und scharfen Gags, mit denen er die Geschlechterkampf-Szenen aufbricht. Und es gilt für die komplexe Gemengelage aus fantastischer Verblendung und mangelnder Reflexion, die die inneren psychologischen Dynamiken der porträtierten Familie prägt. „I want my family“, haut Micky irgendwann mal auf den Tisch, „what’s wrong with that?“ Eben. Dysfunktionalität ist kein Kriterium für Glück.
