The Tree

Filmkritik

The Tree

| Alexandra Seitz |

Großes Land, großer Baum, große Gefühle – nicht ganz so großer Film

Auf dem Heimweg von der Arbeit erleidet Peter O’Neil einen Herzinfarkt. Wie in Zeitlupe rollt er in seinem Truck über die leicht abschüssige Wiese auf das frei stehende, geräumige Haus zu, in dem er mit seiner Frau Dawn und den Kindern Simone, Tim, Lou und Charlie wohnt. Schließlich prallt der Wagen sanft gegen den mächtigen Stamm des riesigen Feigenbaumes, der neben dem Anwesen aufragt und sich ausbreitet wie ein seltsamer Nachbar. Peter ist tot. Dawn verfällt in Schockstarre. Die achtjährige Simone aber ist davon überzeugt, dass der Vater im Baum weiterlebt. Sie erzählt der Mutter, Peters Stimme sei im Rascheln der Blätter zu hören, und Dawn findet Trost in der Vorstellung des beseelten Gehölzes. Der Feigenbaum wird zum Symbol. Umso mehr, als die anhaltende Dürre ihn Wurzeln bis in die Wasserleitungen des Hauses treiben lässt. Und ein trockener Ast durchs Dach auf Dawns Bett kracht, just als die sich mit dem Klempner George Elrick anfreundet und allmählich einen Weg aus ihrer Trauer findet.

The Tree von Julie Bertuccelli ist in Australien angesiedelt. Mithin in einer Weltgegend, die für ihre eigenwillig betörende Schönheit bekannt ist. Australische Landschaften aber sind nicht nur erhaben, unergründlich, zauberisch, seltsam, magisch und tausend Dinge mehr, sie bergen in sich auch ein beträchtliches naturmystisches Potenzial. Eine Affinität zum Animismus, die der Spiritualität der Ureinwohner des spät entdeckten Kontinents Down Under zu verdanken ist und die ihren Niederschlag beispielsweise in Filmen wie Nicolas Roegs Walkabout, Peter Weirs Picnic at Hanging Rock oder Greg McLeans Wolf Creek findet.

In einem australischen Film sollte einen also weder ein möglicherweise beseelter Baum verwundern, noch dessen enge Einbindung in den schmerzhaften Prozess der Trauerarbeit einer fünfköpfigen Familie. Es liegt sozusagen in der Natur der australischen Natur, als dienstfertiger Spiegel den sich in ihr zutragenden menschlichen Konflikten zu dienen. Dass das zurückgeworfene Bild, wie im vorliegenden Fall, etwas plakativer als nötig ausfällt, ändert nichts an dem besonderen Reiz, den der Vorgang der Spiegelung an sich bereithält. Mit der Grenze zwischen so unterschiedlichen Existenzformen wie Mensch und Pflanze wird in The Tree auch die Grenze zwischen Genres durchlässig, es schleicht sich gerade genug Unheimliches ein, um dem Familiendrama einen reizvollen doppelten Boden einzuziehen.