Erstaunlich viele filmische Bezüge gibt es im (Theater-)Programm der diesjährigen Wiener Festwochen: vom kanadischen Film- und Theater-Magier Robert Lepage über eine Cassavetes-Bühnenadaption und die Star-Schauspielerinnen Bulle Ogier, Valéria Bruni-Tedeschi und Sophie Rois bis hin zu den Regisseuren Patrice Chéreau und Kornel Mundruczó. Ein Überblick.
Vor Galileos Blick durchs Teleskop glaubte die Menschheit, der Mond sei ein großer Spiegel und die sichtbaren Erhebungen und Krater lediglich die Reflexion der irdischen Berge und Täler. Als 1959 die sowjetische Raumsonde Lunik 3 die ersten Bilder der bisher unbekannten Hinterseite des Trabanten sandte, war die Welt von der vernarbten, von Meteoriten bearbeiteten Ansicht schockiert, weswegen sie von amerikanischen Wissenschaftlern lange Zeit die „entstellte“ Seite des Mondes genannt wurde, vielleicht aber auch, weil die Krater nach russischen Kosmonauten, Dichtern und Erfindern benannt wurden. Laut dem franko-kanadischen Regisseur Robert Lepage ist die Hinterseite des Mondes demnach der ideale Ort für Menschen, die ein schweres Leben haben.
Der Wettlauf zum Mond sowie die Melancholie des Weltraums bilden den Hintergrund von „La Face cachée de la lune“. Es ist die (semi-autobiografische) Geschichte von Philippe, einem scheiternden Wissenschaftler, der versucht, mit dem Verlust seiner Mutter sowie der äußerst schwierigen Beziehung zu seinem Bruder, dem Meteorologen André, umzugehen. Im Jahr 2000 als Theaterproduktion entwickelt, adaptierte Lepage diese 2003 für das Kino. Bei den diesjährigen Festwochen ist diese Arbeit, seine vielleicht poetischste, wieder auf der Bühne zu sehen.
Robert Lepage inszeniert keine Stücke, er lässt Epen – Spielzeiten von sechs bis neun Stunden sind keine Seltenheit – entstehen, die getragen sind von der Suche nach Identität und Veränderung, oftmals durchdrungen von seiner Faszination durch Ostasien durchdrungen und das Verhältnis von Zeit- und Lebensgeschichte auslotend. Seine Werke sind immer im Fluss, verändern sich während und zwischen den Aufführungen: So wie man laut Heraklit nicht zweimal in denselben Fluss steigt, wird man niemals exakt die gleiche Lepage-Inszenierung sehen. „Er ist ein Beobachter und Verwandler mit der Gabe, aus dem Widerspruch Funken zu schlagen und das Alltägliche geheimnisvoll zu machen, ein Kind, das vom Baum der Erkenntnis gegessen hat.“, beschreibt ihn Renate Klett, ehemalige Programmdirektorin des Festivals Theater der Welt und eine genaue Kennerin seines Werks. Zwischen zwei Augenblicken wird aus einer Waschmaschine eine Raumkapsel, das Ungeborene im Bauch zum Kosmonauten an der Leine. Szenen fließen ineinander wie Räume in einem Traum. Alles durchdringend: Lepages Gespür für tragische Komik und feine Ironie. Formen und Mittel, die er immer wieder gekonnt einsetzt, sind Schatten- und Puppenspiel, Perspektivwechsel, szenische Zooms und der Einsatz von High-Tech, der jedoch niemals zum Selbstzweck geschieht, sich vielmehr organisch in seine magisch-kindliche Form des inszenierten Spiels einfügt.
Geboren wurde der Regisseur 1957 in Québec, wo er nach einer intensiven Beschäftigung mit Geografie Schauspiel studierte und durch die Leitung des Théâtre Repère und besonders durch die „Trilogie des Dragons“ – die Drachentrilogie – rasch internationale Beachtung fand. 1994 entstand Lepages künstlerisches Zuhause, die Kompanie Ex Machina, die er gründete, um unabhängig von den rigiden Strukturen großer Theaterhäuser arbeiten zu können. Neben gut zwei Dutzend Bühnenproduktionen drehte er zwischen 1995 und 2003 fünf Filme, inszenierte zwei Tourneen für den Musiker Peter Gabriel, eine Show für den Cirque du Soleil, Opern, Ausstellungen und die Verwandlung des Hafens von Québec in ein Zauberland. Er ist immer auf Reisen und arbeitet stets an mehreren Projekten – überall und gleichzeitig. Dem Medium Film jedoch, von dem man glauben würde, es verliehe ihm die Gabe, all das auszuprobieren, was auf der Bühne rein technisch unmöglich ist, hat Lepage den Rücken gekehrt, enttäuscht und verärgert über die Zwänge, die vor allem ein großes Produktionsbudget mit sich bringt. Alle seine Filme seien Kompromisse gewesen, erstickt am Picture Lock und an der Unmöglichkeit, während des Prozesses noch Änderungen vorzunehmen. La Face cachée de la lune wird sein vorerst letzter Film gewesen sein. Ein Besuch bei den Wiener Festwochen ist darum umso dringender zu empfehlen.
Die Beziehung von Theater und Film ist mal geschwisterlich, mal wie Goldmarie und Pechmarie. Zwei Medien mit unterschiedlich funktionierenden Mitteln, und doch kann keines davon lassen, mit den Vokabeln des anderen zu spielen oder gleich Stoffe hin und her zu adaptieren. Interessant wird es dann, wenn ein Film, der auf oder mit dem Theater spielt, auf die Bühne zurückgeholt wird, wie in Ivo van Hoves Inszenierung von John Cassavetes’ Klassiker Opening Night über eine ihr Alter panisch verleugnende Schauspielerin, die sich ihren Dämonen stellen muss, um spielen zu können, was sie ist: eine alternde Frau. Dem flämischen Regisseur reicht eine bloße Darstellung der Geschichte jedoch wie gewohnt nicht. Indem er das Publikum auf die Bühne setzt und Teil des Spiels werden lässt, thematisiert er das, was zum Schwierigsten und gleichzeitig Schönsten an der Theaterarbeit gehört: das Verschwimmen der Grenzen zwischen Privat und Beruf, Stück und Leben.
Für Schauspieler verhält sich die Entscheidung zwischen Theater und Big (oder Small) Screen immer wieder wie eine Entscheidung zwischen Liebe und Geld, ein andermal wie Kür und Pflicht. Es birgt in jedem Fall großen Reiz, Schauspielende, die man sonst nur zweidimensional kennt und schätzt, quasi „live in concert“ zu erleben – wenn auch ohne Konzert. Vorneweg seien hier Bulle Ogier und Valéria Bruni-Tedeschi genannt, die Patrice Chéreau in seiner Inszenierung von Jon Fosses „Rêve d’automne“ („Traum im Herbst“) besetzt hat. Ogier spielte bei jedem großen Namen des Autorenfilms: von Claude Chabrol und Marguerite Duras über Rainer Werner Fassbinder bis hin zu Jacques Rivette und Werner Schroeter. Bruni-Tedeschis Vita führt eine nicht weniger illustre Reihe auf: Claire Denis, François Ozon oder Steven Spielberg, um nur einige zu nennen. Auch Chéreau ist in beiden Welten mehr als zu Hause, wenn auch das Theater seine erste Liebe war. Mit 15 Jahren als Wunderkind ausgerufen, begann seine professionelle Karriere nur vier Jahre später. „Rêve d’automne“ wurde in den heiligen Hallen des Louvre entwickelt. Der Friedhof im Stück ist hier ein Museum, in dem alte Bekannte sich und ihrer Entfremdung zueinander begegnen; Lust und Leid in einer aus den Fugen geratenen Chronologie. Die Stücke des norwegischen Dramatikers bewegen sich immer in den Zwischenstadien von Liebe, Leben und Tod. Dies trifft gleichermaßen auf Chéreaus zweite Fosse-Produktion zu: „I Am the Wind“, diesmal in einer englischsprachigen Inszenierung des Londoner Young Vic, das jeweils direkt im Anschluss an „Rêve d’automne“ gezeigt wird und so nicht nur Vergleiche zulässt, was den unterschiedlichen Klang derselben Dichtersprache betrifft, sondern auch im Bezug auf Chéreaus Regiestil spannend zu werden verspricht.
Wer der Ansicht ist, Theater sei ihm oder ihr zu lasch, sei auf „Nehéz istennek lenni“ („Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“) des 1975 geborenen Ungarn Kornél Mundruczó verwiesen. Sein erster Spielfilm Szép napok (Schöne Tage) erhielt 2002 in Locarno den Silbernen Leoparden, seit 2005 ist er Stammgast bei den Filmfestspielen in Cannes. Im aktuellen Stück ist das Publikum mit zwei LKW-Ladeflächen voller junger ungarischer Mädchen konfrontiert. Diese erhoffen sich ein besseres Leben im Westen, sind jedoch in die Hände von Sadisten gefallen, die sie zu Aufnahmen für Gewaltpornos zwingen. Via „Reality Show“ und Schauspiel erlebt man Folter, Demütigungen und Tod, live gefilmt und auf eine Leinwand übertragen. Brüche gibt es zwischen den Szenen, wenn die Darsteller Songs (etwa Burt Bacharachs „What the World Needs Now is Love“) darbieten. Das Stück spielt mit dem Showcharakter und Voyeurismus, sowie der Desensibilisierung gegenüber visueller Gewalt als alltäglichem Konsumgut. Body Cinema, nur live, wenn man sich des Spielcharakters auch bewusst bleibt – Betonung auf: wenn …
Bewusst machen sollte man sich zu guter Letzt noch: Wer Sophie Rois noch nie auf einer Theaterbühne erlebt hat, kennt Sophie Rois nicht. Und das ist ein immenser Verlust; aufzuholen im diesjährigen Festwochen-Programm in Frank Castorfs Inszenierung von Dostojewskijs Kurzgeschichte „Der Spieler“.
