Jean Grémillon – Der Makel der Vieldeutigkeit

Der Makel der Vieldeutigkeit

| Gerhard Midding |

Das Österreichische Filmmuseum würdigt den französischen Regisseur Jean Grémillon.

Würde man sich einmal die Mühe machen, das Werk von Filmregisseuren mit der Liste ihrer nicht-realisierten Projekte abzugleichen, müsste man in den meisten Fällen das Bild wohl nicht revidieren, das man sich von ihnen gemacht hat. Gewiss, Don Siegel würde in einem anderen Licht erscheinen, wäre es ihm gelungen, den massiven Widerstand der Hollywood-Studios zu überwinden und tatsächlich Franz Werfels „Die 40 Tag des Musa Dagh“ zu verfilmen. Aber Jacques Becker, Sam Fuller, Howard Hawks, Ozu Yasujiro, Wolfgang Staudte und andere würde man gewiss nicht mit anderen Augen betrachten, hätten sie ihre tatsächliche um ihre Phantom-Filmografie erweitern können.

Das Werk von Jean Grémillon (1901–1959) freilich hätte ganz neue Konturen gewonnen, wenn er jene vier höchst ambitionierten Stoffe hätte inszenieren können, an denen er nach der Befreiung Frankreichs ab 1945 arbeitete. Es hätten allesamt historische Fresken werden sollen: ein Film über die Pariser Kommune, einer über den Spanischen Bürgerkrieg, ein dritter über die Bartholomäusnacht und schließlich eine Chronik der Revolution von 1848, die den schönen Titel „Der Frühling der Freiheit“ tragen sollte. Hätten sie diesem Regisseur, der sich sonst ausschließlich mit Gegenwartsstoffen auseinandersetzte, eine neue thematische Dimension eröffnet? Den übergeordneten historischen Umbrüchen hatte er sich bis dahin stets auf intime, konzentrierte Weise genähert. Le Six juin à l’aube (1944–1946) ist eine bestürzend lyrische Dokumentation der Verheerungen des Krieges, eine Elegie auf die nach der alliierten Invasion zerstörte Schönheit seiner Heimat, der Normandie. Mit Lumière d’été (Wetterleuchten/Sommerlicht, 1943) hatte Grémillon sich erstmals auf das Terrain der Allegorie einer Gesellschaft am Abgrund gewagt; ein Schritt, der sich indes wesentlich dem erzählerischen Temperament seines Drehbuchautors Jacques Prévert verdankt.

Mithin liegt etwas Uneingelöstes in der Spätphase seiner Karriere. Aber unter den großen Klassikern des frühen französischen Tonfilms ist Grémillon neben Julien Duvivier ohnehin der Regisseur, der sich am schwersten greifen lässt. Voller Brüche steckt seine fast vier Jahrzehnte umspannende Karriere. Ungemein geschmeidig vollzog er mit La Petite Lise (1930) den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, eroberte der Kamera ihre einstige Mobilität zurück und gewann zugleich eine Empfindsamkeit für Stimmen, Musik und Geräusche. Immer wieder bewies er die Gabe, vielfältigste Wurzeln zu fassen. Zeitweilig hat er in Spanien (unter der Aufsicht Luis Buñuels) gearbeitet. In Babelsberg drehte er 1937 zwei Filme (Gueule d’amour/Eine Fresse zum Verlieben und L’Étrange M. Victor/Der merkwürdige Monsieur Victor), die mediterraner nicht wirken könnten. Sein größter Publikumserfolg, Le Ciel est à vous (Sprung in die Wolken, 1944), darf stolz den Makel der Vieldeutigkeit tragen: Während der Besatzungszeit wurde er gleichermaßen begeistert von der offiziellen Kritik des Pétain-Regimes wie von der Widerstandsbewegung gefeiert.

Der 1901 in Bayeux geborene Grémillon kam als Musiker zum Kino, begleitete Stummfilme auf der Violine. Von 1923 an führte er Regie bei Dokumentar- und Industriefilmen. Diese Herkunft ist in seinen Spielfilmen deutlich zu spüren. Intensiv versenkt er seinen Blick in das jeweilige Ambiente seiner Geschichten. Er ist einzigartig empfänglich für Landschaften, in denen sich die Elemente begegnen: die Kanäle von Briare in seinem Debüt Maldone (1927), die Küstenorte in Remorques (Schleppkähne, 1941) und Pattes blanches (Tödliche Leidenschaft, 1948), der Staudamm in den Bergen in Lumière d’été.

Die Schauplätze sind stets poetisch aufgeladen in Grémillons Filmen. Dekors, Requisiten und Darsteller lässt er ein enges Bündnis eingehen (Treppen inszeniert er mit ähnlichem Nachdruck wie William Wyler). Die unverfilmten historischen Fresken hätten durchaus einen erzählerischen Strang fortsetzen können, der sich bereits zuvor durch sein Werk zieht: Sorgsam bettet er seine unsentimentalen Melodramen um vergebliche, unerwiderte Liebe in Ambiente und Gesellschaft ein. Grémillons Dreiecks- und Vierecks-Geschichten erzählen regelmäßig von der Begegnung der Klassen und sozialen Sphären. Der Gemeinschaft gilt seine schönste erzählerische Sorge, aber meist zeigt er das Zusammentreffen als Mésalliance, nur in dem ungewohnt zuversichtlichen Le Ciel est à vous formuliert er eine Utopie. Der Historiker Jean-Pierre Jeancolas rühmt Lumière d’été als einen der ganz wenigen Filme der Besatzungszeit, in denen man Arbeiter sieht. Fast nebenbei und stets mit größter Selbstverständlichkeit entwirft er Milieustudien. Ihn fasziniert, wie filmisch Atmosphäre entstehen kann: aus dem, was an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zwischen den Figuren zirkuliert. Der Bal populair, zu dem Maldone in Grémillons erstem Spielfilm aufspielt, ist als furioser Taumel inszeniert, in dem Sehnsüchte, Brauchtum und soziale Identität verschmelzen. Dem trostlosen Alltag der Häftlinge in der Strafkolonie von Cayenne verleiht er zu Beginn von La Petite Lise in langen, ausdauernden Kamerafahrten plastische Gegenwärtigkeit. Auch die Hochzeitsfeier in Pattes Blanches ist ein solches Kabinettstück der Milieuzeichnung, bei dem die widerstrebenden Impulse der Gäste in die Bildtiefe gestaffelt sind.

Bei aller Vielstimmigkeit der Perspektiven verliert Grémillon das Individuum nie aus den Augen. Maldone ist der erste von mehreren Filmen, die den (Kose-)Namen der Hauptfigur im Titel tragen. Das ist kein Zufall. Im Kern sind Grémillons Filme Charakterstudien, die vom Hadern mit der Rolle handeln, die den Protagonisten von der Gesellschaft und in der Liebe zugewiesen werden. Das Dasein als reicher Großgrundbesitzer lastet schwer auf Maldone, der sich zurücksehnt zu seinem einfachen Leben als Fuhrmann. Paul Bernard, ein überaus vornehmer Schauspieler, verkörpert in Lumière d’été und Pattes blanches die Noblesse als Abglanz, ist Vertreter eines Adels, der keiner ruhmreichen Zukunft mehr entgegenblicken kann. Grémillon wirft ebenso empathische wie schonungslose Blicke hinter die Fassaden: Der von Raimu gespielte Titelheld von L’Étrange M. Victor ist allem Anschein nach ein ehrbarer Kaufmann, entpuppt sich jedoch als Chef einer Diebesbande und als Mörder. Auch Gabin spielt in Gueule d’amour eine gebrochene Figur: Der selbstgewisse Frauenheld des Anfangs ist im zweiten Teil nur mehr ein Schatten seiner selbst. Die von Madeleine Renaud verkörperte Heldin aus Le Ciel est à vous schließlich gibt sich nicht mehr zufrieden mit ihrer Hausfrauenrolle und wird Flugpionierin. Derlei Tatkraft widersprach eigentlich der Ideologie des Pétain-Regimes, welche die Frauen an Heim und Herd halten wollte. Also hatten die begeisterten Kritiker aus der Widerstandsbewegung wohl eher Recht.