Immigrantenkomödie über eine türkische Familie zwischen Integration und Identitätssuche
Almanya, im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz vorgestellt, erreichte in Deutschland in nicht einmal drei Wochen eine halbe Million Zuschauer. Das ist ein kalkulierter Erfolg: Einerseits reiht sich der Film in die seit langem schwelende und immer wieder heftig aufflackernde Immigrations- und Integrationsdiskussion ein, andererseits bereitet er sie durchwegs humoristisch und auf Spaß getrimmt auf. Es geht um das Damals und um das Jetzt einer türkischen Familie: Die Schwestern Nesrin und Yasemin Samdereli erzählen auf zwei Zeitebenen von Hüseyin, der am 10.September 1964 als türkischer Gastarbeiter im Ruhrpott ankommt; und der 45 Jahre später Oberhaupt einer ganz normalen türkischen Großfamilie ist, die er mit dem Vorhaben überrumpelt, wieder zurück in die Türkei zu ziehen. Mit gekonntem Schwung fliegen die bunten Bilder des Heute in die ebenfalls bunten, aber nostalgisch angehauchten Bilder von damals, als Hüseyin das rückständige Ostanatolien mit dem hypermodernen Wirtschaftswunderdeutschland tauschte.
Mit allen Mitteln wird dabei eine stets heiter-angenehme Atmosphäre erzeugt: Wenn in kleinen Scherzen das Dilemma der Nicht-Zugehörigkeit veranschaulicht wird – der sechsjährige Cenk wird im Schulsport weder in die deutsche noch in die türkische Mannschaft gewählt –, wenn mit ostentativer Ironie in den Klischees gebadet wird – die laute, wild durcheinander redende Familie beim Abendessen, die lustige Türkeimusik –, wenn das typisch Deutsche dem typisch Türkischen gegenübersteht.
Konventionelle Figuren und konventionelle Konflikte, ins Komische getrieben, tun keinem weh und sollen jeden ansprechen. Das generiert oberflächlichen Witz und hohe Zuschauerzahlen, aber keine neuen Impulse im Islam-Integrations-Diskurs. Im Dauerfeuer des Komödiantischen – geschürt von deutsch-türkischen Stereotypen – werden auch gerne die Filmcharaktere dem höheren Gott des Gags geopfert. Nur eines ist wirklich originell: In ihrem Gang durch die deutsche Zeitgeschichte spricht die türkische Familie untereinander deutsch; und wenn ein Deutscher sie anspricht, plappert aus dessen Mund nur unverständlicher Kauderwelsch: so, wie sich für Türken das Deutsche eben anhört. Wenn das Sprachverständnis gegen eine Wand rennt, werden die Schwierigkeiten der Gastarbeiter in Deutschland wirklich spürbar – und eigentlich nur darin wird der Film seinem von Max Frisch entlehnten Motto gerecht: „Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen.“
