Mit „The Hangover“ brachte Todd Phillips neuen Schwung in Hollywoods Comedy-Szene. Anlässlich des nunmehr anlaufenden Sequels erscheint es angemessen, die Erfolgsgeschichte ein wenig näher zu betrachten.
Vier Freunde, alle so im Alter von etwa Mitte dreißig, reisen aus einem feierlichen Anlass nach Bangkok – einer aus ihrer Mitte soll dort seine Hochzeit feiern. Vor der Trauung wollen die vier noch einmal ganz gemütlich Zeit miteinander verbringen, doch die Feier gerät offenbar gewaltig außer Kontrolle. Als sie am nächsten Tag in einem derangierten Hotelzimmer aufwachen, sind die Spuren einer wilden Nacht unübersehbar, doch die Erinnerung daran ist wie weggespült – und zu allem Überfluss ist auch noch der 16-jährige Schwager des Bräutigams wie vom Erdboden verschluckt. Und bis zur anstehenden Hochzeit bleibt nicht viel Zeit, um die verlorene Erinnerung – und vor allem den verschwundenen Schwager – wiederzufinden.
Wem dieser Plot bekannt vorkommt, liegt natürlich völlig richtig, denn bei The Hangover: Part II handelt es sich um das Sequel zu einer der besten Komödien, die Hollywood in den letzten Jahren hervorgebracht hat. The Hangover mit seiner turbulenten Geschichte um einen völlig aus dem Ruder gelaufenen Junggesellenabend in Las Vegas samt anschließendem Chaos wurde der Überraschungserfolg des Jahres 2009, der bei gerade einmal 35 Millionen Dollar Produktionskosten weltweit mehr als 400 Millionen Dollar einspielte und auch bei den Kritikern durchaus gut ankam. Also hat Regisseur Todd Phillips seine vier Protagonisten Phil (Bradley Cooper), Stu (Ed Helms), Alan (Zach Galifianakis) und Doug (Justin Bartha) erneut versammelt, um sie eben diesmal statt in Vegas in Südostasien ins totale Chaos zu stürzen.
Etablierte Kräfte
Die Erfolgsgeschichte von The Hangover mag selbst für die daran Beteiligten ein wenig überraschend gekommen sein, denn der Fachbereich Komödie, traditionell eines der potenziell ertragreichsten Genres, ist insbesondere auf dem US-amerikanischen Markt hart umkämpft – entsprechend umtriebig agierten in jüngerer Vergangenheit dann auch die üblichen Verdächtigen, um ihr angestammtes Revier zu verteidigen.
Da sind zunächst die Repräsentanten des Brachialhumors, die Brüder Peter und Bobby Farrelly, die zwischen politischer Unkorrektheit (There’s Something About Mary) und ihrem als Markenzeichen eingesetzten Fäkalhumor (Dumb and Dumber) schon einmal zwecks Gewinnmaximierung auch einen Abstecher zur konventionellen Komödie unternehmen (Fever Pitch). Als nächstes zu nennen wäre der zumeist völlig sinnbefreite Humor aus der unteren Schublade eines Adam Sandler (Happy Gilmore, The Waterboy, I Now Pronounce You Chuck & Larry). Und natürlich tummeln sich auf diesem Markt auch noch die diversen romantischen Komödien mit ihren zumeist stockkonservativen Sujets.
Dominiert wird das Genre seit gut einem Jahrzehnt vor allem vom so genannten Frat Pack, jenem losen Konglomerat an Comedians, zu dessen Kerntruppe Ben Stiller, Owen und Luke Wilson, Vince Vaughn, Will Ferrell und Jack Black zählen, und die in verschiedensten Konstellationen immer wieder zusammenarbeiten. Das Frat Pack zeichnet sich vor allem durch einen ausgeprägten Lausbubenhumor aus, den sie in ihren Filmen ungehemmt ausleben. Ihre Charaktere sind zumeist Männer, die am liebsten nie erwachsen werden wollen und sich ungeachtet ihres Alters bevorzugt spätpubertär zu verhalten pflegen. Dass diese Art von Humor von Hollywood ziemlich umfassend eingesetzt wird, lässt sich anhand von Ben Stiller belegen. Sein Repertoire umfasst – mit nur leichten situationsbedingten Anpassungen – schräge, skurrile Filme (Zoolander) genauso wie zotige Komödien mit brachialem Humor (Dodgeball), familientaugliche Blockbuster (Night at the Museum) und Komödien mit romantischem Touch (Along Came Polly). Schon allein wegen der hohen Produktivität, die die Mitglieder des Frat Packs in den letzten Jahren entwickelten, schien da auf den ersten Blick also wenig Raum für Überraschungserfolge zu sein.
Mit dem Plot wird sich der Erfolg von The Hangover jedenfalls nicht erklären lassen, denn der zählt zum komödiantischen Standardrepertoire. Doch in einigen wesentlichen Elementen unterscheidet sich der Film recht deutlich von den diversen Produktionen der Frat-Pack-Fraktion, die den Markt davor so stark dominiert hatten.
Neuer Schwung in klassischer Tradition
Zunächst sind die Protagonisten in The Hangover keine Zwangsneurotiker vom Schlag eines Ben Stiller in Along Came Polly, Karikaturen wie bei Will Ferrell (Anchorman: The Legend of Ron Burgundy; Talladega Nights: The Ballad of Ricky Bobby) oder tragikomische Nerds wie Steve Carell in The 40-Year-Old Virgin, sondern zunächst recht normale Durchschnittstypen (vielleicht abgesehen von dem von Zach Galifianakis gespielten Charakter, der ein wenig die Rolle des Freaks übernehmen muss). Sie sind auch keine ewigen Berufsjugendlichen wie Owen Wilson und Vince Vaughn in The Wedding Crashers, sondern haben sich in ihrem gutbürgerlichen Leben einigermaßen ordentlich zurechtgefunden und steuern schlimmstenfalls einer kleinen Midlife-Krise entgegen. Die Protagonisten von The Hangover sind, ganz im Gegensatz zu Ben Stiller & Co, nicht permanent am Verursachen von Ungemach jedweder Art, um dadurch den Lausbuben in ihnen zu befriedigen, sondern versuchen verzweifelt, einen Weg aus dem Chaos, das sie versehentlich angerichtet haben, zu finden und ihr Leben wieder in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken. The Hangover bezieht seine Komik aus den – zunehmend vergeblichen – Versuchen, die wildesten Turbulenzen zu glätten, aus misslichen Lagen möglichst schnell wieder herauszukommen und Ordnung wieder herzustellen. Dabei kann der Film auf beste Hollywood-Traditionen zurückblicken: Mit seinem Tempo, den pointierten Dialogen, einem herrlichen Sinn für Situationskomik und dem nicht enden wollenden Chaos, das die Protagonisten von einem Missgeschick zum nächsten stolpern lässt, erinnert The Hangover mehr an Klassiker wie Billy Wilders One, Two Three oder Stanley Kramers It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World als an zeitgenössische Produktionen, ohne aber deswegen auch nur im entferntesten angestaubt zu wirken.
Todd Phillips wäre vermutlich auch nicht der erste Tipp dafür gewesen zu sein, eine Komödie zu inszenieren, die auf eine erfrischend originelle Art und Weise einen deutlichen Kontrapunkt zur derzeit vorherrschenden US-amerikanischen Comedy-Ware darstellt. Der Regisseur hat zwar einige Anknüpfungspunkte an die Frat-Pack-Community, so drehte er bereits mit Will Ferrell, Luke Wilson und Vince Vaughn Old School, und mit Ben Stiller und Owen Wilson in den Hauptrollen Starsky & Hutch, die satirische Wiederaufbereitung einer erfolgreichen Fernsehserie aus den Siebziger Jahren. Doch Phillips, der zu Beginn seiner Karriere auch einige viel versprechende Dokumentarfilme gedreht hatte, war ganz offensichtlich nicht bereit, sich damit zu begnügen, erprobte Rezepte einfach nur neu aufzukochen. So legte er nach Differenzen mit Sacha Baron Cohen die Regie von Borat nieder, eine angesichts des Endprodukts gut nachvollziehbare Entscheidung. Mit The Hangover (bei dem Phillips auch am Drehbuch mitschrieb) dürfte er hingegen von Anfang an einiges richtig gemacht haben: Schon die Test-Screenings verliefen so erfolgreich, dass das Studio, Warner Bros., Phillips bereits vor dem Kinostart des Films einen Vertrag für das Skript des Sequels anbot.
Dass der Erfolg und die Qualität von The Hangover keineswegs ein One Hit Wonder war, bewies Todd Phillips gleich mit seinem nächsten Film Due Date (2010). Peter Highman (Robert Downey Jr.), ein erfolgreicher Architekt, beabsichtigt auf schnellstem Weg von Atlanta nach Los Angeles zu reisen, um bei der Geburt seines ersten Kindes dabei sein zu können. Doch am Flughafen trifft er auf den Möchtegern-Schauspieler Ethan Tremblay (Zach Galifianakis) – eine Begegnung, die nicht ohne Folgen bleibt, denn der schrullige Ethan stürzt den ansonsten perfekt organisierten Erfolgsmenschen ins absolute Chaos. Aus dem Flugzeug geworfen und auf die Flugverbotsliste gesetzt, sehen sich die ungleichen Männer durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen gezwungen, gemeinsam mit einem Mietwagen die Reise nach Kalifornien anzutreten. Doch der Trip wird vor allem für Peter zum Albtraum, denn Ethans Manierismen treiben den Yuppie fast in den Wahnsinn; zudem verursacht Ethan auch noch ein Missgeschick nach dem anderen, was die Reise immer wieder verzögert – dabei rückt doch der Geburtstermin unaufhörlich näher. Die Grundidee der unfreiwillig zusammen Reisenden ähnelt natürlich Planes, Trains & Automobiles (1987, mit Steve Martin und John Candy in den Hauptrollen), doch Todd Phillips beschränkt sich dabei nicht auf ein vergnügliches Roadmovie. Seine Inszenierung setzt herrliche, komisch-groteske Situationen mit großer Präzision in Szene, und Due Date hat darüber hinaus pointenreiche, geschliffene Dialoge und eine sarkastische, streckenweise sogar ins zynische gehende Atmosphäre, die sich zu Anfang etwa darin manifestiert, dass der werdende Vater Peter schon einmal lästige kleine Mädchen mit einem gezielten Schlag in die Magengrube zur Räson bringt. Doch die beiden Protagonisten bleiben nicht bloß Stereotypen. Regisseur Todd Phillips gibt ihnen Raum zur Entwicklung, und versteht es im Verlauf des Films – obwohl eine witzige Grundstimmung vorherrscht – durchaus auch elegische und nachdenkliche Momente einzubringen, die die tragischen Seiten der Charaktere zum Vorschein bringen. Zudem gelingt es Phillips, wie auch bereits im Fall von The Hangover, aus dem Fundus der Pop- und Rock-Geschichte zu schöpfen und Due Date mit einer ganzen Reihe Songs auf kongeniale Weise zu unterlegen und gleichzeitig zu kommentieren.
Mit The Hangover und Due Date hat sich Todd Phillips als führende Kraft im Genre der Komödie positioniert, die Zeichen stehen also nicht so schlecht, dass The Hangover: Part II mehr als nur ein brauchbares Sequel wird.
