Planet of the Apes

Master and Servant

| Michael Pekler |

Anlässlich des im August startenden Prequels „Rise of the Planet of the Apes“: Notizen über Zivilisation, Angst und Eroberung in der ursprünglichen „Planet der Affen“-Reihe (1968 bis 1973).

Auf dem Fliegenplaneten,
da geht es dem Menschen nicht gut:
Denn was er hier der Fliege,
die Fliege dort ihm tut.
(Christian Morgenstern, 1910)

1.
„Was jetzt geschieht, war vorauszusehen. Geistige Trägheit breitet sich unter den Menschen aus. Keine Bücher mehr, sogar Kriminalromane strengen das Gehirn zu sehr an, und nicht einmal so etwas Kindisches wie das Kino kann uns mehr reizen. Inzwischen machen sich die Affen ihre Gedanken – und sie sprechen.“

In Pierre Boulles „Planet der Affen“, erschienen 1963 unter dem Originaltitel „La Planète des Singes“, wird der Erzähler Ulysse Mérou gegen Ende des Romans in einen geheimen Raum geführt. Es ist ein Labor mit allerhand technischem Gerät, diverse Transformatoren und Generatoren stehen herum. Zwei Menschen liegen auf nebeneinander stehenden Pritschen, ein Mann und eine Frau mit Elektroden an den Köpfen. Kaum narkotisiert, beginnen die beiden zu sprechen. „Unglaublich!“, entfährt es Mérou. Der Mann stammelt nur ein paar wirre Sätze, doch bei der Frau lösen die Elektroschocks einen wahren Wortschwall aus. „Atavistische Erinnerungen, die eine ferne Vergangenheit wieder auferstehen lassen“, erklärt ihm der Archäologe Doktor Cornelius. Doch nicht die Tatsache, dass die Frau sprechen kann, sondern was sie spricht, löst bei Mérou Entsetzen aus. Denn die Frau liefert einen mehr oder weniger vollständigen Bericht aus jenen Tagen, als die Menschen die Herrschaft über den Planeten verloren. Was Mérou hört, übersteigt seine Vorstellungskraft: Während die Menschen das Sprechen verlernten, verständigten sich die bis dahin als Haustiere gehaltenen Affen zum ersten Mal mit Worten. Die Menschen, aus ihren Städten in die Wildnis vertrieben, verfielen in eine rohe Dummheit, die Affen hingegen übernahmen die Führung und begannen, die Menschen zu versklaven. Nun weiß Mérou, warum er auf dem fremden Planeten, auf dem er gelandet ist, noch keinen Menschen hat sprechen hören. Und Doktor Cornelius besitzt ein Geheimnis, das er als Schimpanse wohl besser für sich behält.

2.
Der Franzose Pierre Boulle, ein gelernter Ingenieur, der 1936 nach Malaysia ausgewandert war, im Zweiten Weltkrieg in Indochina gekämpft hatte, dort in Gefangenschaft geraten war und seine Erlebnisse im Roman „Die Brücke am Kwai“ – von David Lean 1957 verfilmt – verarbeitet hatte, wandte in „Planet der Affen“ zwei simple dramaturgische Kniffe an, die ihre Wirkung erst in ihrem Zusammenspiel entfalten. Zum einen lässt er seinen Erzähler, der sich als „wenig bekannter Journalist“ einer Expedition ins Weltall anschließt, am Ende seines Abenteuers auf die Erde zurückkehren. Vom fremden Planeten, den er Soror getauft hat, ist ihm mit seiner stummen Frau Nova und seinem plappernden Sohn Sirius die Flucht geglückt, doch als er mehrere hundert Erdenjahre später – für die Reisenden dauert die Fahrt nur wenige Monate – auf dem Pariser Flughafen Orly landet, muss er feststellen, dass sich das „Schicksal“ des fremden Planeten auf der Erde wiederholt hat. Der Heimkehrer in die vermeintlich menschliche Zivilisation wird von Gorillas empfangen.

Zum anderen umrahmt Boulle den Bericht Mérous mit einer zweiten Erzählung, in der zwei Raumfahrer seine Aufzeichnungen als Flaschenpost im Weltall finden und sich an der Lektüre delektieren. Aber sie haben an dem in ihren Augen fiktiven Reisebericht dann doch etwas auszusetzen: „Vernünftige Menschen? Denkende Menschen? Zivilisierte Menschen? Nein, das ist ausgeschlossen“, sind sich die beiden Schimpansen einig. „Da hat der Erzähler gewaltig übertrieben. Schade!“ Der großartige Witz aber ist, dass es sich bei Boulles Roman tatsächlich um einen fiktiven Reisebericht handelt, der nur von uns menschlichen, scheinbar intelligenten Lesern als „wahr“ empfunden wird.

3.
Das Bild der Freiheitsstatue, vor der Charlton Heston am Ende des Films einen Nervenzusammenbruch erleidet und die Fäuste in den Sand schlägt, kommt also bei Boulle überhaupt nicht vor. Was die beiden Drehbuchautoren, der in der Twilight Zone erprobte Rod Serling und Michael Wilson, der bereits Lawrence of Arabia adaptiert hatte, also taten, war Folgendes: Sie machten nicht nur aus durchschaubaren, ökonomischen Gründen aus den Franzosen raumfahrende US-Amerikaner, die Ende der Sechziger Jahre der angeblich zivilisierten Welt vorzustehen glaubten, sondern ließen den Helden, der nunmehr Taylor hieß, die Erde gar nie verlassen: Wenn dieser im Jahr 3978 auf einem ihm fremden Planeten landet, ist aus den Vereinigten Staaten eine postatomare Wüste geworden. Und darin wiederum liegt nicht nur der eigentliche Coup des Films, sondern auch der gesamten ihm folgenden Serie: Nicht nur verpflanzt Planet of the Apes eines der schönsten, weil beklemmendsten Beispiele einer negativen Utopie auf die Erde und über deren Bewohner, sondern wird dadurch zu einem eindrucksvollen Beispiel einer gelungenen Alternativ-Geschichtsschreibung. Der Planet der Affen existiert in den ersten beiden Teilen der Filmserie zwar in der Zukunft, aber eben nicht irgendwo in den Weiten des Alls, sondern am Ort seiner Entstehung.

In seinem Essay „Die Welten der Science Fiction“ (1984) beschreibt Umberto Eco verschiedene Formen von phantastischer Literatur und der Tendenz, strukturell mögliche Welten zu entwerfen. Neben der bekannten – und heute zu Unrecht in Verruf geratenen – klassischen Utopie, wie sie etwa Thomas Morus („Utopia“), Tommaso Campanella („Der Sonnenstaat“) oder auch Jonathan Swift („Gullivers Reisen“) zeichnen und die von einer parallel existierenden Welt ausgeht, weist Eco vor allem auf die Form der sogenannten Uchronie hin. Also auf ein Spiel mit der Frage: „Was wäre geschehen, wenn das, was wirklich geschehen ist, anders geschehen wäre?“ Auch dafür gibt es natürlich sehr schöne Beispiele, die sich meist auf wichtige historische Personen – Diktatoren, Staatsmänner, Kriegsherren – beziehen. Wie würde die Welt zum Beispiel aussehen, wenn Napoleon – auf den wir noch zurückkommen werden – die Schlacht bei Waterloo nicht verloren hätte? Planet of the Apes geht hier noch einen Schritt weiter und erweitert die Frage gleich auf die gesamte (westliche) Menschheit. Was wäre also passiert, wenn nicht die Menschen die Evolution für sich entschieden hätten, sondern die Affen? Genau das.

4.
Im ersten Band von „Über der Prozess der Zivilisation“ (1937) führt Norbert Elias ein Zitat Napoleons an, der sich 1798 anschickte, mit seinen Truppen in Ägypten einzufallen. „Soldaten, Ihr unternehmt eine Eroberung, deren Folgen für die Zivilisation unberechenbar sind.“ Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts erscheint, so Elias, „den Völkern der Prozess der Zivilisation im Innern der eigenen Gesellschaft als vollendet; sie fühlen sich im Wesentlichen als Überbringer einer bestehenden oder fertigen Zivilisation zu anderen, als Bannerträger der Zivilisation nach außen.“ Das Ende von Planet of the Apes ist nichts anderes als das populärkulturelle Derivat dieses Gedankens: Der westliche, weiße Mensch ist aufgebrochen, um seine vollendete Zivilisation „nach außen“ zu bringen, in diesem Fall in die Weiten des Weltraums. Doch wohin die „Eroberung, deren Folgen für die Zivilisation unberechenbar sind“ führt, sind jene Ruinen, die die Menschheit hinterlassen hat: Das Banner Napoleons wird zum entweihten Symbol der Vereinigten Staaten und – in der kleinen Welt des Films – zu jenem der Menschheit. Dass für Planet of the Apes mit Pierre Boulles Roman eine französische Vorlage adaptiert wurde, so wie auch die Freiheitsstatue als französisches Geschenk an die USA zahlreichen Umbauten unterworfen wurde, mag als Spitzfindigkeit gelten, ist aber dennoch bezeichnend.

5.
Das bedeutet, dass nicht der Grad der Zivilisation entscheidend ist, sondern das Bewusstsein von der eigenen Überlegenheit gegenüber anderen Zivilisationen. Sobald sich eine Zivilisation als eine solche bezeichnet, also „zivilisiert“ ist, ist das Eigene das Besondere; das Andere aber wird zum Fremden. Auch wenn die Welt der Affen, wie erste Szenenentwürfe für die Filmsaga zeigen, ursprünglich eine hoch „zivilisierte“ hätte sein sollen (was sie bei Boulle bis auf die Luftfahrt auch ist) und nur aufgrund der Produktionskosten zu einer mittelalterlichen zurückgestuft wurde, sind es gerade ihre einfachen Schusswaffen, ihre simplen Behausungen und ihre nach wie vor „archaische“ Existenz, die die Angst der Menschen (also des Kinopublikums) verstärkt. Vor einer überlegenen Zivilisation gefangen, gefoltert und ausgestopft zu werden, wäre vor allem deshalb schlimm, weil die überlegene Zivilisation sich nicht an die moralisch verpflichtenden Gesetze des Stärkeren hielte. Die in den ersten beiden Teilen der Serie gezeigten Grausamkeiten an den Menschen rühren aber daher, dass sie an eine längst überwunden geglaubte, „primitive“ Zeit der Menschheitsgeschichte erinnern. Im 1991 spielenden vierten Teil der Serie, Conquest of the Planet of the Apes, nennt der die Affen verachtende Governor Breck (Don Murray) diese Angst als Grund für seinen Hass. Wenn die Menschen die Affen hassen, dann würden sie die dunkle Seite in sich selbst hassen, so Breck. Das würde aber bedeuten, dass, je höher man die Leiter der Zivilisation hinaufsteigt, die Angst vor dem Verdrängten umso größer wird. Bis zur Selbstauslöschung.

6.
Wie sehr die fünf Filme der Serie ineinander greifen und mit welcher Genauigkeit die einzelnen Teile auf ihre jeweiligen Vorläufer reagieren, merkt man auch an ihrer Unabgeschlossenheit, die weit über das offene Ende eines Blockbusters – dem obligaten Cliffhanger – hinausreicht. Zwar erfolgt im dritten Teil, Escape from the Planet of the Apes, mit der Landung der drei Affen Cornelius, Zira und Milo auf der Erde im Jahr 1973 der entscheidende Zeitsprung in die Vergangenheit, um die Machtübernahme durch die Affen knapp zwanzig Jahre später narrativ in die Wege zu leiten (Ziras und Cornelius’ Sohn Caesar wird die Revolution anführen), die Saga allerdings führt dadurch wieder unweigerlich zum zweiten Teil zurück, der die Welt mit einer nuklearen Katastrophe untergehen hat lassen. So kreist die Erzählung ständig um sich selbst, hat keinen Anfang und kein Ende, und der Weltuntergang wird vom großen Finale zur kleinen Episode.

7.
Als Vater der Serie sind jedoch nicht Pierre Boulle, Michael Wilson
oder Franklin J. Schaffner als Regisseur des ersten Teils zu nennen, sondern der Produzent Arthur P. Jacobs, dessen langer Atem über mehrere Jahre und Filme hinweg bis zu Battle for the Planet of the Apes reichte. Jacobs, der kurz nach Abschluss der Saga an Herzversagen starb, feierte seinen bis zu Planet of the Apes größten Erfolg mit Doctor Dolittle (1967), für den er Richard Fleischer als Regisseur engagierte. Darin geht es bekanntlich um jenen Mann, der die Sprache von 498 Tierarten gelernt hat und der am Ende des Films zum Mond aufbricht. Die beiden Filme teilen sich sogar dieselbe Kulisse, etwa den kleinen See mit dem Wasserfall, in dem Charlton Heston zu Beginn badet. Hier wird ihm und seinen beiden Gefährten alsbald die Kleidung gestohlen – der erste Schritt zur Anpassung an die unzivilisierten, halbnackten Menschen. Arthur P. Jacobs’ Einfluss auf die Serie reichte von der Auswahl der Regisseure bis zu den üblichen Testvorführungen mit entsprechenden Änderungen im Schnitt: Im vierten Teil, Conquest of the Planet of the Apes, kannte etwa der den Aufstand der Affen anführende Schimpanse Caesar ursprünglich keine Gnade mit der Menschheit. Aber welcher Mensch will schon sehen, wie ein anderer Mensch von einem Affen zu Tode geprügelt wird? „We, who are not human, can afford to be humane”, war schließlich noch immer der Demütigung genug.

8.
In seinem für die DVD-Edition eingesprochenen Kommentar erzählt der Maskenbildner John Chambers, der vor seiner Oscarprämierten Arbeit an den Affenmasken im Zweiten Weltkrieg bei US-Soldaten abgetrennte Gliedmaßen durch Prothesen ersetzte, von der Gruppendynamik am Set. Tatsächlich fanden in den Drehpausen unwillkürlich die einzelnen Affengruppen zueinander. Das im Film dargestellte und milde angeprangerte Kastensystem innerhalb der Affenzivilisation – Orang-Utans als ignorante Politiker, Schimpansen als unverstandene Gelehrte und Gorillas als einfache Arbeiter und brutale Soldaten – setzte sich bei den Menschen im Affenkostüm fort. Und nicht nur das: Wie Kim Hunter in der Rolle der Schimpansin Zira berichtet, sprach sie mit Maurice Evans als Orang-Utan Dr. Zaius abgesehen von den Filmdialogen fast kein Wort. Man könnte auch sagen: über das Gleichsein isoliert sein.

9.
Vietnam, Black Power, My Lai, Martin Luther King. Affen im Year of the Pig.

10.
„Für mich war das eher ein Abenteuerfilm und kein bahnbrechendes Werk, und zwar weder politisch noch sozial. Die Leute analysierten es und gaben ihm viele Bedeutungsschichten, an die man beziehungsweise ich als Leiter des Studios niemals gedacht hatte. Wir wollten nur, dass das Publikum mit dem Gefühl aus dem Kino geht, dass es gut unterhalten wurde. Vielleicht hatte ich keine Ahnung, vielleicht gab es ja eine verborgene Botschaft, die Michael Wilson und Arthur Jacobs und ein paar andere Leute durchschmuggeln wollten, aber ich habe es nie so betrachtet.“ (Richard Zanuck, 20th Century Fox)

„Man hat die Tore sperrangelweit aufgerissen, um auf Abenteuer auszuziehen, und es stellt sich heraus, dass man nur um das Haus herumgegangen ist.“ (Michel Butor)