Er war einer der Geheimtipps des Cannes Filmfestivals im Mai in Cannes, und gerade haben ihn die „Cahiers du Cinéma“ in ihrer Jahresbestenliste zum „Film des Jahres“ erkoren. Jetzt läuft Der Fremde am See auch in Österreich an. Darin huldigt der französische Regisseur Alain Guiraudie in traumhaften 97 Minuten den Freuden schwuler Ausschweifungen beim sommerlichen Cruising am Badesee – bis ein Mord passiert. Kein Film hat bisher das schwule Lebensgefühl des Sommers mit seinen unendlichen Möglichkeiten und zugleich dunklen Seiten besser eingefangen als dieser Film.
Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über schwules Cruising an einem Badesee zu machen?
Ich wollte vor allem von meiner Sexualität erzählen und von dieser Welt und diesen Orten, die hedonistisch und zugleich sehr demokratisch sind. Dort ist es ganz egal, ob du alt oder jung, dick oder dünn, arm oder reich bist. Jeder Mann hat da seine Chance. Ich wollte über sexuelle Freiheit sprechen, aber auch über die Gefahren, die damit einhergehen.
Dann passiert ein Mord, und die Lust wird gleich auf mehreren Ebenen mit dem Tod verknüpft…
Mir ging es vor allem darum, einen Mikrokosmos zu zeigen, in dem sich schwule Männer frei bewegen und lieben. Aber schon recht früh kam mir die Idee, dass einer der Männer ertrinkt und wie dieses tragische Ereignis das friedliche Paradies überschattet. Für mich ist es ein Film im Licht der sexuellen Befreiung. Ende der sechziger Jahre gab es in Frankreich eine Gruppe schwuler und lesbischer AktivistInnen namens Front homosexuel d’action révolutionnaire, die einen Slogan hatte: „Proletarier aller Länder, streichelt euch!“ Es ging um sexuelle Befreiung für alle. Heute kämpfen sie für die Homo-Ehe…
Wie genau kennen Sie diese Szene, gibt es noch Plätze wie diesen Badeort in der französischen Provinz, an dem nur schwule Männer verkehren?
Ich verbringe nicht mein ganzes Leben an solchen Orten, aber ich kenne sie ganz gut, und sie existieren auch nach wie vor in Frankreich. Vor allem an Seen und am Meer. Der See im Film ist schon etwas idealisiert, ein Konzentrat aus mehreren Orten. Und die Charaktere, die man in meinem Film trifft, sind auch Menschen, die mir so oder ähnlich begegnet sind. Aber solche Orte sind bedroht, das wollte ich auch zeigen. Es gibt eine Form von sanfter Repression, eine verstärkte Polizeipräsenz, beispielsweise. Und man muss auch erwähnen, dass die sexuelle Freiheit durch den Markt eingeschränkt ist. Das Internet spielt eine immer größere Rolle und eben Orte, an denen man einfach zahlen muss wie Clubs, Darkrooms und Saunas.
Ist die Gesellschaft liberaler geworden? Oder die Schwulen angepasster?
Es war schon immer eine Mär, dass die Schwulen automatisch progressiv sind. Und das Ideal der sexuellen Befreiung hat sich zu einer Diktatur gewandelt, man muss dauernd Befriedigung finden und das Ganze ist zu einer großen Industrie verkommen. Das Cruising hat sich von frei zugänglichen Orten zu kommerziellen verlagert, wo man Eintritt zahlen und sich auf eine festgelegte Art verhalten muss. Ja, Schwule und Lesben sind akzeptierter, aber sie haben auch einen Preis dafür bezahlt.
Immer wieder geht es auch um die Frage von Safer Sex und Bareback. Einige der Protagonisten scheinen fast eine Art Todestrieb zu haben, wie sie ungeschützten Sex mit unbekannten Männern haben – gespiegelt auch in der Hauptfigur, Franck, der sich auf eine Affäre mit Michel einlässt, obwohl er weiß, dass er ein Mörder ist.
Das hat für mich nichts mit einem Todestrieb zu tun. Ein Kondom ist schlicht kein Instrument der Leidenschaft. Und es nicht zu benutzen, hat für mich nichts mit einem Todestrieb zu tun, sondern ist der Wunsch, Leidenschaft bis zum Letzten auszukosten, alle Grenzen einzureißen. Das gilt auch für Franck. Ich glaube nicht, dass er nach der Gefahr sucht, sondern seine Lust ist stärker als die Angst vor dem Tod.
Mehrmals sind erigierte Penisse und Ejakulationen zu sehen. War es von Anfang an Teil des Filmkonzepts, dass es expliziten Sex gibt?
Das war es schon beim Schreiben des Drehbuchs. Weil ich zeigen wollte, dass zu Liebe und Leidenschaft auch der Sex gehört, und den gibt es eben nicht ohne Geschlechtsorgane. Die großen romantischen Gefühle und der triviale Sexakt, beides ist gleichberechtigt. Und Sex ist auch nichts Schmutziges, eine Ejakulation ist doch sehr schön. Diese Szenen sind nicht simuliert, aber ich habe sie doubeln lassen, weil ich echtes Blasen und Ficken zeigen wollte. Die echten Schauspieler habe ich aber erst gar nicht gefragt, weil klar war, dass das nicht geht.
Sie sind damit in einer Reihe jüngerer Filmemacher wie Travis Matthews, die nicht mehr davor zurückschrecken, Erektionen und echten Sex in Spielfilmen zu zeigen…
Es wurde aber auch höchste Zeit! Sex ist ein wichtiger Teil unseres Lebens und unserer Liebe. Warum soll das nur in Pornos vorkommen? Heute findet jeder Neun- oder Zehnjährige pornografische Bilder im Internet. Umso wichtiger ist es zu zeigen, dass es Sexualität auch außerhalb dieses Porno-Kontextes gibt.
Der Film startet zu einem Moment, als in Frankreich die Homo-Ehe legalisiert wird und dagegen Hunderttausende auf die Straße gehen und protestieren. Eine Reaktion, die man in Europa mit großem Befremden registriert hat. Haben Sie eine Erklärung?
Ich war selbst überrascht, wie massiv gegen die Ehe für Alle mobilisiert wurde. Ich dachte, das Gesetz würde ganz locker durchgehen. Und ich hatte mich auch nie engagiert, erst als ich sah, wie viele dagegen waren. Der Grund liegt zum einen an einer latenten Homophobie, die noch immer existiert und tief in der Gesellschaft verankert ist. Außerdem spielen alte Familienwerte noch immer eine sehr große Rolle. Und es gibt noch etwas, das man in Deutschland nicht versteht.
Nämlich?
Die Gegner propagieren ein Elternbild, nach dem Kinder eben Mutter und Vater brauchen und nicht zwei Mütter oder zwei Väter. Das wird verknüpft mit der Frage um künstliche Befruchtung und Leihmütter. Das ist zwar gar nicht Teil dieses Gesetzes, aber die Opposition hat sich darauf eingeschossen und es zum Thema gemacht. Und dann muss man wissen, dass die ganze Idee der Ehe in Frankreich noch immer sehr viel religiöser als in Deutschland ist.
Zum Kinostart haben einige Orte wie Versailles das Filmplakat mit der Zeichnung eines sich küssenden Männerpaars verboten. Wie erklären Sie sich diese Reaktion?
Das hatte ich überhaupt nicht erwartet. Der Künstler, der das Plakat gestaltete, Tom de Pékin, ist selbst schwul und daran gewöhnt, von Museen zensiert zu werden. Und er meinte: Wir machen das ganz soft, es geht gar nicht darum zu provozieren. Das war auch nicht meine Absicht. Und es ist ja auch wirklich total harmlos. Als dann die Verbote kamen, habe ich politisch darauf reagiert und nicht mit juristischen Mitteln. Es waren ja nur zwei Orte westlich von Paris, in denen die Bürgermeister die Plakate zensiert haben, und das waren sehr bürgerliche Vororte. Beide Bürgermeister hatten sich bereits zuvor ganz stark gegen die Ehe für Alle eingesetzt und hatten argumentiert, das Plakat könnte den Frieden ihrer kleinen Stadt gefährden. Und das hat mich so irritiert und verärgert.
Zugleich hatte der Film nach fünf Wochen bereits über 100.000 Zuschauer. Was sagen dieser Erfolg auf der einen, die Proteste und Zensurversuche auf der anderen Seite über Frankreich aus? Ist Frankreich ein zutiefst zerrissenes Land? Wie weit ist es wirklich mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?
Von dem Erfolg war ich selbst am meisten überrascht! Der Verleih in Frankreich war zunächst gar nicht glücklich mit der Freigabe ab 16 wegen der Sexszenen, aber meine anderen Filme waren alle jugendfrei, und die hat auch kaum einer gesehen… Was die Freiheit angeht, stehen wir ganz gut da. Gleichheit dagegen gibt es überhaupt nicht. Es gibt noch immer sehr Reiche und sehr Arme, das ist ja in Deutschland ähnlich. Und die Brüderlichkeit? Da driftet das Land tatsächlich gerade ein bisschen auseinander, auch innerhalb sozialer Klassen und ethnischen Gruppen. Wir leben in einer Krise, und da werden die sozialen Widersprüche offensichtlicher. Aber ich muss das nochmal relativieren. Es waren wirklich nur diese beiden winzigen Vorstädte, in denen das Plakat zensiert wurde. Der Film selbst war nie bedroht, es gab nie Demonstrationen gegen ihn.
