Wenn Verleiher keine Pressevorführungen anbieten, ist das verdächtig. Als Kritiker vermutet man dann eine Gurke, die der Presse verheimlicht werden soll, damit schlechte Kritiken nicht das Startwochenende ruinieren. Bei Wir sind nackt, ach nee, Wir sind die Nacht, dem Berlin-Vampir-Film von Dennis Gansel aus dem Hause Constantin, war das so. Zumindest habe ich keine Einladung zu einer PV bekommen. Als der Film dann für kurze Zeit im Kino lief, habe ich niemanden gefunden, der mit mir reingehen wollte. Ich wurde von Freunden gar dafür verhöhnt, dass ich mir das Ding ansehen wollte. Ausflüchte wie „Spielt da nicht Katja Riemann mit?“ oder „Lass uns lieber in Saw V gehen“ bekam ich zu hören. Ich fand das schade.
Denn die Idee, edlen Genre-Trash über sexy Vampirdamen im Berliner Untergrund ausgerechnet mit seriösen Schauspielerinnen wie Nina Hoss und Karoline Herfurth zu besetzen, erschien mir zwar peinlich, aber irgendwie auch mutig. Und das Plakat war echt reizvoll. Hoss hat ja schon in Christian Petzolds Yella (2007), dem heimlichen Remake des amerikanischen B-Horrorfilms Carnival of Souls (1962), eine tolle untote Wasserleiche gespielt. Nun ist Wir sind die Nacht auf Datenträger raus, und ich habe ein Rezensionexemplar bekommen. Danke dafür. Der gruftige The Hunger (1983) von Tony Scott hat stilistisch Pate gestanden. Hoss übernimmt die Rolle der Deneuve, also die der leicht vertrockneten Obervampirdomina, und gibt die Marschrichtung vor: „Je böser der Mann, desto süßer das Blut“. Doch Hoss ist, wie es sich für eine moderne Blutgräfin gehört, lesbisch und somit scharf auf Karoline Herfurth. Die macht sie mit ihrem Biss zur coolen Gruftiemaus, die dann gemeinsam mit der quirligen Techno-Göre Anna Fischer und dem ehemaligen Ufa-Horrorstummfilmstar Jennifer Ulrich das hippe Berlin der Jetztzeit partymäßig aufmischt. Ohne Gefahr zu laufen, fett, schwanger oder süchtig zu werden.
Klingt wild, ist in der Umsetzung aber zu prüde. Dazu wummert moderne Elektromucke oder trällert Klaus Nomi auf der Tonspur. Und Komponist Heiko Maile kopiert dreist den treibenden Soundtrack von The Dark Knight (2008). Meine Frau hat nach 15 Minuten das Zimmer verlassen. Nicht weil ihr der Film, wie sonst immer, zu blöd war, sondern zu blutig. Gutes Zeichen. Der Film hat trotz schöner Sätze wie „Menschen gehen so schnell kaputt“ nicht so viel pubertäre Teenie-Todesromantik zu bieten wie Twilight und ist trotz zeitlupiger Hochglanzwerbefilmästhetik ein paar Hausnummern kleiner als ausgewachsene US-Babe-No-Brainer wie Sucker Punch. Aber er sieht für ein gefördertes Projekt Made in Germany schon verdammt gut aus und hat, obwohl alles schamlos zusammengeklaut ist, zumindest das Zeug zu einem schönen guilty pleasure. Denn sind wir doch mal ehrlich: Werte Damen wie Hoss oder Herfurth wollte man doch schon immer mal in einem „richtigen“ Film sehen.
