In der bitterbösen Sky Arts-Miniserie „A Young Doctor’s Notebook“ verkörpern Jon Hamm und Daniel Radcliffe auf derbkomische Weise das ältere und jüngere Ich ein und derselben Person. Auf DVD.
Wir schreiben das Jahr 1917. Ein blutjunger Arzt, gespielt von Daniel Radcliffe (Harry Potter), stolpert mit Zuversicht geradewegs von der kaiserlichen Universität zu Moskau ins dunkelste russische Hinterland, in den hinterletzten Winkel der Welt, kilometerweit entfernt von der nächsten elektrischen Straßenbeleuchtung „in the back of the back of beyond“. Im Provinzhospital angekommen, sieht er sich mit exzentrischem Personal, stumpfsinnigen Hinterwäldlern und medizinischen Notfällen konfrontiert. Die Angestellten, ein schrulliger Feldscher (Adam Godley), eine stämmige Hebamme (Rosie Cavaliero) und eine launenhafte Schwester (Vicki Pepperdine), können den jungen Neuankömmling mit der zarten Statur und den babyblauen Kulleraugen zunächst nicht ernst nehmen und schwelgen noch in Erinnerungen an den verstorbenen Vorgänger Leopold Leopoldowitsch. Die Zweifel sind angebracht, denn noch grün hinter den Ohren, verschwindet der junge Arzt inmitten einer Entbindung in seinem Zimmer, um in gynäkologischen Fachbüchern zu blättern und stemmt einem Patienten samt eines Zahnes auch einen Teil des Kieferknochens aus. Während irgendwo da draußen eine Revolution im Gange ist, muss er sich mit einfältigen Dorfbewohnern herumplagen, die glauben, jegliche Erkrankung mit Tropfen oder Gurgelwasser kurieren zu können. Die Bedingungen sind primitiv und die Methoden rigide: Unangenehme Familienangehörige von Patienten werden mit Chloroform zum Stillschweigen gebracht.
Erzählt werden die Erlebnisse des jungen Arztes (dessen Name an keiner Stelle erwähnt wird) aus der Perspektive und dem Tagebuch seines älteren Egos im Jahr 1934, dargestellt von Jon Hamm (Mad Men), der inzwischen – im Delirium von vermeintlich glücklicheren Tagen träumend – in eine Morphiumabhängigkeit abgerutscht ist und gegen den die sowjetische Geheimpolizei ermittelt. Mit einer Legierung aus Slapstick, blutrünstiger Farce und schwarzem, britischem Humor schildert A Young Doctor’s Notebook – akzentuiert mit Horror und russischer Volksmusik –, wie Idealismus und Desillusionierung, Großstadt und Provinz aufeinanderprallen. Der herrlich makabre Humor gipfelt in dem Versuch, eine Beinamputation mit einer stumpfen Säge durchzuführen. Der junge Arzt hofft inständig, dass das Mädchen endlich stirbt. „Is she alive?“ will er von seinem Doppelgänger wissen: „I‘m sorry, but I‘m afraid she is.“
Die vier 22-minütigen Episoden basieren auf den semi-autobiographischen „Aufzeichnungen eines jungen Arztes“ des russischen Autors Michail A. Bulgakow („Der Meister und Margarita“), doch im Gegenteil zu dessen Memoiren haben sich die Drehbuchautoren Mark Chappell, Shaun Pye and Alan Connor die Freiheit genommen, den Charakter eines älteren, pragmatischen und der Welt überdrüssigen Egos einzuführen, der seine jüngere, noch unerprobte Inkarnation in der Vergangenheit besucht und ihr wie ein zänkischer Hausgeist mal mit Rat, mal mit Hohn zur Seite steht. „I saw a lot of horror and tragedy in here, happy days“, bemerkt er nostalgisch an einer Stelle.
Weit abseits politischer Geschehnisse und gefangen in einem klaustrophobischen Mikrokosmos, verkörpern Jon Hamm (ausführender Produzent der Serie) und Daniel Radcliffe ein sagenhaft groteskes Paar inmitten eines wunderbar unprätenziösen kleinen Ensembles. Der eine mit der nötigen Nonchalance, der andere mit der erforderlichen Naivität. Dass die beiden sich kein bisschen ähnlich sehen, tut der Erzählung nicht nur keinen Abbruch, es kommt ihr zu Gute. Denn A Young Doctor‘s Notebook hat es sich nicht zur Priorität gemacht, realistisch anzumuten – man arbeitet hier auch mit fantastischen Elementen. Der Größenunterschied kann metaphorisch interpretiert, die Erinnerungen an den jungen Arzt als subjektive Kopfgeburt des älteren gedacht werden, und auch die ungleichen Akzente verfremden konstruktiv.
Ein Jahr nach der Erstausstrahlung auf Sky Arts (wo soeben die zweite Staffel gestartet wurde), erscheint dieses kompakte Kleinod nun auf DVD. Man hätte es nicht für möglich gehalten, aber aus Harry Potter und Don Draper wurde eine tragikomische Kabarettnummer und Doppelconférence ohnegleichen.
