Immer auf der Suche nach Einsparpotenzial haben die großen Hollywood-Studios, aber nicht nur diese, schon seit geraumer Zeit ein neues Paradies gefunden: Im europäischen Osten lässt es sich einfach (personal-)kostengünstiger produzieren. Die aktuellen Boomtowns sind Bukarest und Sofia.
Die amerikanische Filmindustrie veränderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg rasant. Waren die Gründerväter Hollywoods wie Jack Warner, Louis B. Mayer, Samuel Goldwyn, Adolph Zukor, Carl Laemmle und Harry Cohn bis dahin unantastbare Herrscher über ihre Filmstudios und Kinoketten, spürten sie nunmehr Gegenwind aus mehreren Richtungen: Die Besucherzahl in den USA sank um fast ein Drittel, die Leute machten es sich vor ihren neuen Fernsehern gemütlich, und auch die Auslandsumsätze stagnierten. Um ihre Geschäfte wieder voranzutreiben entschlossen sich die Mogule, ihre Filme außerhalb Amerikas kostengünstiger zu realisieren. Vorreiter dieser Bewegung war Louis B. Mayers Traditionsfirma MGM, die mit Quo Vadis (1951) für einen Boom des 1937 unter Mussolini gegründeten Filmgeländes Cinecittà in Rom sorgte. Die Kulissen dieses Mammutfilms wurden noch Jahre später für lokale Sandalen-Filme verwendet. Weitere berühmte Hollywoodfilme, die danach in Cinecittà entstanden, waren William Wylers Roman Holiday (1953), Ben-Hur (1959) und später Martin Scorseses Gangs of New York (2002) und Mel Gibsons The Passion of the Christ (2004). MGM produzierte aber auch in England, in den bereits 1936 etablierten eigenen MGM-British/Denham Film Studios. Mit den dort deponierten Geldern entstanden vor allem Historienfilme wie Ivanhoe (1952) und Knights of the Round Table (1953). Auch die Disney-Studios profitierten von dieser Situation. Sie ließen hier ihren ersten Realfilm Treasure Island (1950) entstehen, dem viele weitere folgen sollten.
Der Trend dieser Jahre trieb die kuriosesten Blüten. So gingen z.B. zahlreiche amerikanische Charakterdarsteller (Clint Eastwood, Burt Reynolds, Charles Bronson, Lee Van Cleef u.a.) für einige Zeit nach Italien, um über den Umweg des damals populären Italo-Western Hollywood zurückzuerobern. Andere wiederum blieben viele Jahre in Europa sesshaft und wurden hier mehr oder minder zu Superstars, wie die Bodybuilder Steve Reeves, Gordon Scott und Gordon Mitchell in italienischen Sandalen-Filmen, sowie Lex Barker und Stewart Granger in den populären deutschen Karl-May-Verfilmungen. Der amerikanische Schlagersänger Dean Reed kam nach Umwegen über Südamerika und Italien in die DDR, reüssierte musikalisch und darstellerisch und wurde zum Megastar der Ostblock-Länder. „Der rote Elvis“ gab sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft auf.
Hatten Hollywoods Produzenten bis dahin preisgünstig in Westeuropa zahlreiche Filme hergestellt, verlagerte man zusätzlich die Drehorte Anfang der sechziger Jahre zaghaft nach Südeu-ropa. Zu dieser Zeit entstanden in Co-Produktion mit den jugoslawischen Filmstudios Avala und Jadran, die sich unter Federführung von Marschall Tito dem Westen gegenüber öffneten, Monumentalfilme (Taras Bulba, 1962, Regie: J. Lee Thompson), Abenteuerfilme (The Long Ships, 1964, Regie: Jack Cardiff), Kriegsfilme wie Sam Peckinpahs Cross of Iron (1977) und Musicals wie Norman Jewisons Anatevka (1971). Tito, selbst Filmfanatiker, wollte Hollywood Paroli bieten und ließ mit einem Millionenbudget und der Verpflichtung teurer Hollywoodstars (Motto: „Never let them notice they are not in Hollywood“) die bis dahin teuersten Partisanenfilme – eine Domäne des jugoslawischen Kommerzfilms – entstehen: Veljko Bulajics Die Schlacht an der Neretva (Bitka na Neretvi, 1969) mit Yul Brynner und Orson Welles, nominiert für den Auslands-Oscar 1970, und Stipe Delics Die Fünfte Offensive (Sutjeska, 1973) mit Richard Burton als Tito höchstpersönlich. Die Filmmusik steuerte übrigens Mikis Theodorakis (Alexis Sorbas) bei.
Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90, dem Balkankrieg in Jugoslawien und den damit einhergehenden politischen Umwälzungen in Ost- und Mitteleuropa öffneten sich für Hollywoods kostenbewusste Produzenten Tür und Tor. Waren bis dahin Englands Traditionsstudios für aufwendige amerikanische Produktionen sowie das spanische Almeria für hunderte Eurowestern und internationale Co-Produktionen oft auf Jahre hinaus ausgebucht, zogen die Filmkarawanen nun nach Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien weiter. Hochbudgetierte Produktionen stellten ihre Zelte in tschechischen und ungarischen Studios auf, B-Filmproduzenten wie Charles Band (ab 1993) oder Avi Lerner (ab 1997) verlegten die Dreh-orte nach Rumänien und Bulgarien, wo sie mit ansässigen Filmschaffenden auch gleich noch ihre eigenen Studios eröffneten, um den boomenden Video- und DVD-Markt weltweit mit billig produzierten Genrefilmen zu überfluten.
Die schillerndste und erfolgreichste Person dieser Domäne ist zweifellos der israelische Entrepreneur und Tausendsassa Avi Lerner – „I will not make something for the sake of art. I refuse to do it“ –, der sich nach Wanderjahren als Besitzer einer Autokino-Kette in Israel, als Executive Producer bei zahlreichen Filmen der in den achtziger Jahren berühmt-berüchtigten Trashfirma Cannon, als Gründer der südafrikanischen Filmproduktion Nu Metro Entertainment und der kalifornischen Firmen Nu Image und Millennium Films mit seinen Partnern Danny Dimbort, Trevor Short und seinem jüngeren Bruder und Regisseur Danny Lerner in der bulgarischen Metropole Sofia niederließ.
Im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Band in Bukarest, der sich von Beginn an in seinem eigenen Filmstudio, Castle Film, fast ausnahmslos auf die Herstellung von Horrorfilmen mit größtenteils unbekannten Darstellern für Video und DVD spezialisierte, reaktivierte Lerner für seine Produktionen B-Actionhelden der achtziger Jahre zu neuem Leben: Dolph Lundgren, Chuck Norris, Michael Paré, Steven Seagal, Wesley Snipes oder Jean-Claude Van Damme. Die mit relativ wenig Aufwand, aber durchaus passabel hergestellten Actionfilme machten Lerner zum Millionär. Die Chuzpe, weit entfernt von Hollywood amerikanische Filme weitaus billiger zu drehen, machte es ihm bald auch möglich, mit Stars (Nicolas Cage, John Cusack, William Dafoe, Robert De Niro, Michael Douglas, Morgan Freeman, Richard Gere, Samuel L. Jackson, Jet Li, Al Pacino, Sylvester Stallone, Jason Statham, Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis) und Regisseuren der A-Liga (Jon Avnet, Bruce Beresford, Brian De Palma, Richard Donner, Antoine Fuqua, Werner Herzog, Walter Hill, Neil LaBute, Barry Levinson, Joel Schumacher, Peter Weir, Simon West) zusammenzuarbeiten. Die Krönung dieser Entwicklung war Ende 2005 der Kauf des traditionsreichen staatlichen bulgarischen Bojana-Filmstudios in Sofia, das privatisiert werden sollte.
Für über sechs Millionen Euro bekam Lerner den Zuschlag. Zuvor hatte er bereits immer wieder Studiohallen angemietet. Im nunmehr eigenen Studio Nu Boyana, teilweise auch an Locations in Bulgarien, entstanden u.a. Brian De Palmas James-Ellroy-Verfilmung Black Dahlia (2006), Peter Weirs The Way Back (2010) und Marcus Nispels Conan the Barbarian (2011). Derzeit geben sich in den Studios berühmte Actionhelden wie Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis, Chuck Norris, Jean-Claude Van Damme, Jason Statham, Jet Li u.v.a. die Ehre, für Lerners The Expendables 2 vor der Kamera zu stehen. Sehr zum Leidwesen der bulgarischen Filmemacher, war doch das 1962 gegründete Bojana-Filmstudio eng mit der Geschichte des bulgarischen Films verbunden, der seine Hochblüte von den sechziger bis in die achtziger Jahre erlebte, als man jährlich bis zu 20 Spielfilme, 50 Trickfilme und zahlreiche Filme für das staatliche Fernsehen herstellte. Mit der neuen politischen Situation Anfang der neunziger Jahre reduzierte sich der filmische Output auf ein Minimum von zwei bis vier Filmen pro Jahr. Das Studio diente seit damals primär als technischer Dienstleister. Ob die Übernahme durch Avi Lerner, der den Bestand der drei funktionierenden Studiohallen auf 14 erweiterte und sich mehr als zuvor auf Prestigefilme konzentriert, auch in Zukunft von Erfolg gekrönt sein wird, bleibt abzuwarten. Conan the Barbarian, die erste Großproduktion in 3D, die in den eigenen Hallen entstand, startete weltweit unter den Erwartungen. Aber es wird fleißig weiter produziert: 2012 ist mit Rambo V eine weitere Großproduktion in Sofia am Start, und F. Gary Gray lässt in Kane & Lynch die Superstars Bruce Willis und Jamie Foxx aufeinandertreffen.
Ausgewählte Hollywood-Filme aus Rumänien und Bulgarien:
2002 Cold Mountain (Castel Film Studios Bukarest)
2005 Borat (Castel Film Studios Bukarest)
2006 Black Dahlia (Nu Boyana Film Studios Sofia)
2010 The Way Back (Nu Boyana Film Studios Sofia)
2011 Ghost Rider: Spirit of Vengeance (Castel Film Studios Bukarest)
2011 The Expendables 2 (Nu Boyana Film Studios Sofia)
