Seit 1. November hat der Filmfonds Wien eine neue Geschäftsführerin: Gerlinde Seitner. Ein Gespräch zum Amtsantritt.
Gerlinde Seitner hat am 1. November die Geschäftsführung des Filmfonds Wien übernommen. Seitner, geboren 1969, studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien Handelswissenschaften und absolvierte an der Universität Wien ein Dolmetschstudium in Französisch und Englisch. Der Filmfonds Wien, dessen Geschäfte zwölf Jahre lang von Peter Zawrel geführt wurden, verfügt aktuell über ein Budget von 11,5 Millionen Euro und ist damit nach dem Österreichischen Filminstitut (16,6 Millionen Euro) die zweitgrößte Filmförderinstanz des Landes. Mit Gerlinde Seitner steht erstmals eine Frau an der Spitze einer der beiden Institutionen. Das Gespräch fand wenige Tage nach ihrem Amtsantritt statt.
Können Sie Ihre bisherige Tätigkeit ein bisschen zusammenfassen? Was haben Sie denn gemacht, bevor Sie zur Geschäftsführerin des Filmfonds Wien bestellt wurden?
Ich war 14 Jahre lang im Österreichischen Filminstitut tätig und habe das MEDIA-Programm der EU für Österreich betreut. Eine Zeit lang war ich auch im Aufsichtsrat von MEDIA, habe das Programm also auch von dieser Seite kennen gelernt, und habe mehrere MEDIA-Trainings in Österreich durchgeführt. Die letzten sieben Jahre war ich zudem Stellvertreterin des Direktors des ÖFI. Das heißt, ich bin in Europa sehr gut vernetzt und verfüge über ein sehr ausführliches Adressbuch. Ich bin mit den Verhältnissen anderswo und damit, wie anderswo gearbeitet wird, sehr gut vertraut, aber auch mit den österreichischen Gegebenheiten. Mehrere Jahre lang war ich auch im Beirat des Fernsehfonds Austria. Dort geht es ja vor allem um die wirtschaftlichen Gegebenheiten eines Projekts, die Finanzierung, die Beteiligung österreichischer Filmschaffender.
Ganz pragmatisch gesprochen: Man bewirbt sich, man wird bestellt, man freut sich … aber wie geht man konkret an so eine Riesenaufgabe heran?
Ich wusste es ja schon einige Zeit und habe die Zeit vor allem genützt, um mit sehr vielen Leuten zu sprechen, mit der Vienna Film Commission zum Beispiel, mit der Fondsbehörde zuletzt, also alles, was den Fonds so im weitesten Sinn umkreist. Aber natürlich auch mit den Produzenten und Regisseuren, mit den Filmschaffenden, und ich habe versucht herauszufinden, wo mögliche Problemfelder sind, was sie sich wünschen, und so weiter.
Mehr Geld, vermutlich …
Ja, auch das, aber es ging vor allem auch um Atmosphärisches, um Kommunikation, um einen Umgang miteinander. Aber nochmals kurz zurück zur vorigen Frage: Natürlich stellt man sich alles mögliche vor, wenn man ein solches Amt antritt. Wie immer sind Vorstellungen und Realität nicht immer deckungsgleich, das heißt, oft glaubt man, dass etwas geht, und es geht nicht, und umgekehrt auch. In der täglichen Arbeit relativiert sich vieles sehr schnell. Momentan bin ich operativ damit beschäftigt, die letzte Einreichung des Jahres 2011 für Fernsehprojekte abzuwickeln. Und natürlich stecke ich mitten in der Planung für 2012. Wir werden jetzt sicher nicht jeden Tag Schlagzeilen machen, aber ich denke, dass es schon noch Bereiche gibt, an denen man arbeiten kann. Da ist vor allem Knochenarbeit, zum Beispiel im Hinblick auf die Transparenz des Fonds, da sehe ich noch Handlungsbedarf.
Wie sehr ist der Filmfonds tatsächlich eigenständig beziehungsweise kann eigene Entscheidungen treffen? Sie können ja schwerlich allein einen Film fördern.
Tatsächlich ist es so, dass ein Spielfilm für das Kino in den allermeisten Fällen nur dann zustande kommt, wenn der Filmfonds, das Filminstitut und der ORF eine Förderzusage geben. Dieses „Gleichgewicht des Schreckens“ besteht nun einmal. Ich sehe es aber als meine Aufgabe an, da auch einmal sozusagen in „Vorlage“ zu gehen und Projekte voranzutreiben in der Hoffnung, dass sie auch von den anderen Partnern gefördert werden. Die Message, die ich nach außen tragen will, ist schon die, dass sich hier in Wien noch viel mehr tun muss, in einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern, die sich in den letzten Jahren so sehr verändert hat. Da muss es Ideen geben, Stoffe …
Der Spagat zwischen Wirtschafts- und Kulturförderung, den der Filmfonds Wien zu bewältigen hat, ist ja schwierig. In anderen Städten oder Regionen legt man eher Wert auf den wirtschaftlichen Aspekt. Wie sehen Sie diesen „Standortnachteil“ Wiens ohne großes Studiogelände?
Es ist auch von Seiten der Stadt so, dass man Wien im Bild sehen will. Der Trend geht da hin. Im Fernsehbereich ist das ja schon der Fall, und auch auf dem Kinosektor gibt es den starken Wunsch. Im übrigen sehe ich es durchaus als Vorteil, dass wir hier kein großes Studio haben, das ständig bespielt werden muss, wie Babelsberg in Berlin, Barrandov in Prag oder die Korda Studios in Budapest. Das lässt mehr Freiraum, und man kann da flexibler auch im kulturellen Bereich agieren.
Das heißt, ein Studio, das bespielt werden muss, erzeugt mehr Druck?
Ja, das glaube ich. Wenn wir uns Cinecittà anschauen, die sind schwer am Kämpfen, oder Pinewood in London, die sind auch nur alle paar Jahre ausgelastet, wenn dort James Bond gedreht wird. Man hat ja in Wien versucht, die Rosenhügel-Studios in dieser Richtung auszubauen, aber ausgelastet sind die, wenn überhaupt, durch das Fernsehen. Von daher glaube ich, es hat Vorteile, wenn man ein solches System nicht ständig bedienen muss. Wenn die großen Produktionen wieder weitergezogen sind, dann herrscht meistens Katzenjammer.
Aber froh ist man doch, wenn dann Hochkarätiges wie David Cronenbergs A Dangerous Method doch wenigstens zum Teil in Wien gedreht wird.
Ja, klar. Die haben eben Außenaufnahmen aus Wien gebraucht. Eine solche Situation ist natürlich ideal, so jemanden muss man nicht erst anlocken und viel Geld ausgeben, damit so eine Produktion kommt.
Man kann aber nicht immer Freud-Filme drehen …
Ja, das ist genau der Punkt.
Aber selbst bei Cronenberg oder in den von Ihnen angesprochenen Fernsehproduktionen sieht man vornehmlich ein historisches, sozusagen klischeehaftes Wien-Bild. Wäre es nicht möglich, Wien auch für internationale Produktionen als moderne, attraktive Stadt zu zeigen?
Im österreichischen Film funktioniert das schon. Atmen ist da für mich ein sehr gutes Beispiel. Das Wien, das man da sieht, ist zwar nicht unbedingt schön, aber es ist eine moderne, lebendige Stadt. Ich denke, dass es sich auch im Fernsehbereich langsam bessert, dass man langsam von Mozart und den Lipizzanern wegkommt. Es ist aber klar, dass, wenn eine Produktion für ein älteres deutsches Publikum gemacht wird, vor allem die bekannten Bilder verwendet werden. Ich hatte dazu auch ein Gespräch mit Norbert Kettner von Wien Tourismus, und es ist interessant, dass die Wien-Werbung innerhalb Europas sehr wohl mit dem Bild Wiens als moderne Großstadt arbeitet, in Asien, in China aber eher mit den tradierten Bildern, dem imperialen Touch. Aber grundsätzlich ist man auch dort natürlich bestrebt, Wien als zeitgemäße Metropole zu „vermitteln“.
Vielleicht müsste man, um ein modernes Wien-Bild zu sehen, Woody Allen holen, wie Barcelona und London das bewusst getan haben. Barcelona war dann sogar im Titel seines Films vertreten …
Ja, schon, aber dieser Spaß kostet 17 Millionen Euro, und die haben wir nicht. Das ist eineinhalb mal unser Jahresbudget.
Wäre Wien als moderner Filmstandort etabliert, würden mehr Projekte als bislang von selbst den Weg hierher finden. Wie schafft man das?
Das ist eine gute Frage. Ich kann nur sagen, dass da neue Wege beschritten wurden und werden, unter anderem durch die Gründung der Vienna Film Commission. Da rührt sich schon etwas, und Filmschaffende finden einen viel besseren Service vor, als das früher der Fall war. Wir werden Wien in Zusammenarbeit mit der Vienna Film Commission bei internationalen Filmmärkten und bei anderen Gelegenheiten noch stärker präsentieren. Und auch national soll auf jeden Fall etwas passieren, ohne dass man da jetzt einen großen Aufruf startet. Ein modernes Wien-Bild, wie etwa in Atmen, das ja eine rein österreichische Produktion war, sorgt auch im Ausland, via Festivalpräsenz, für große Aufmerksamkeit.
In Berlin ist man offenbar auch bestrebt, die Stadt verstärkt im Bild zu präsentieren. Jedenfalls fällt das in vielen deutschen Autorenfilmen auf.
Berlin ist natürlich als Drehort sehr attraktiv, selbst wenn es so ein seltsames Ding wie Aeon Flux mit Charlize Theron ist. Oder denken wir an Tom Tykwers The International. Das passt natürlich sehr gut in so eine Stadt. Aber was mir grundsätzlich am deutschen Film auffällt und gefällt, ist, dass es dort nicht nur sehr gute Autorenfilme gibt, sondern auch so mittelteure, qualitätsvolle Filme, die trotzdem Mainstream-tauglich und unterhaltsam sind.
Ein gutes Stichwort: Die international unzweifelhaft vorhandenen Erfolge des österreichischen Filmes beruhen jedenfalls nicht auf seinem Unterhaltungsfaktor. Wo sind unterhaltsame, qualitätsvolle österreichische Filme?
Genau das ist ein wichtiges Thema. Ich muss wieder auf Atmen verweisen: Das ist sicher kein Lachschlager, aber doch ein Film, der im Verlauf so etwas wie Hoffnung aufkommen lässt. Oder Die Vaterlosen, auch wenn der nicht in Wien gedreht wurde. Der passt auch nicht in diese übliche Depressions-Schiene. Aber wir wissen ja, dass unterhaltsame, massentaugliche Filme sehr schwierig zu schreiben sind.
Wie kann man da von Seiten des Filmfonds nachhelfen?
Man kann einfach einmal die Botschaft hinaustragen. Es gibt die Möglichkeit, Veranstaltungen zu dem Thema abzuhalten, zum Beispiel mit dem Drehbuchforum, mit dem es ja eine langjährige Kooperation gibt.
Es gibt nun, Sie haben es vorhin schon angesprochen, drei Förderinstanzen, die unabdingbar sind für einen größeren österreichischen Film, und seit einiger Zeit mit dem „Filmstandort Österreich“ eine weitere. Wäre es nicht eher wünschenswert, solche Aktivitäten zu bündeln, als hier eine weitere Auffächerung zu schaffen?
Was soll ich dazu sagen? Das ist die Realverfassung in einem föderalen Land. Es geht jetzt um intensiven Austausch zwischen den Förderinstitutionen, damit es da, wo es Harmonisierungspotenzial bei Richtlinien, Förderverträgen oder Abrechnungen gibt, dieses auch ausgeschöpft wird.
Ihr Vorgänger Peter Zawrel hat sich in der öffentlichen Diskussion um Film und Filmpolitik immer wieder sehr prononciert zu Wort gemeldet. Wie werden Sie das halten? Immerhin ist die Geschäftsführerin des Filmfonds Wien ja eine Schlüsselfigur in dieser überschaubaren Filmszene.
Wenn ich das Gefühl habe, dass der Filmfonds Stellung zu beziehen hat, werde ich das sicher tun. Ob ich das so oft machen werde wie Herr Zawrel, weiß ich noch nicht.
Eine der, sagen wir einmal, subtileren Aufgaben der Geschäftsführung dürfte in der Auseinandersetzung mit den Produzenten liegen, die ihre Projekte eingereicht haben. Da gibt es sicher starke Begehrlichkeiten. Wie gehen Sie an diese Herausforderung heran?
Es ist klar, da geht es um massive und selbstverständlich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbare Eigeninteressen, und es wird mit Sicherheit nicht immer leicht sein. Aber es gehört nun einmal zu meinem Jobprofil, Jury-Entscheidungen entsprechend zu kommunizieren.
