Filme der 2000er: Der Taschen Verlag erweitert seine erfolgreiche Buchreihe, die einen in Dekaden gegliederten Blick auf die Filmgeschichte wirft.
Erleben wir das Ende des Kinos? Wird Film von immer realistischer werdenden Computerspielen abgelöst? Hat Kino als sozialer Ort ausgedient? Fragen wie diese stellt Herausgeber Jürgen Müller, renommierter deutscher Professor für Kunstgeschichte, im Vorwort zu Taschens ebenso umfangreichem wie prachtvollem Band über die Filme des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends. Dass James Camerons Riesenerfolg Avatar (2009) das Cover ziert, ist angesichts der Überlegungen Müllers nur folgerichtig, bildet der Film doch eine Schnittstelle zwischen epischem Kino und modernster Computertechnik. Ob das revolutionäre 3D-Erlebnis, das Avatar bot, das Kino retten kann oder die schwarzen Brillen demnächst zur Gänze aus den Kinosälen verschwinden werden, ist momentan nicht absehbar. Wie immer ist der Blick nach hinten einfacher als jener nach vorn, und die im Buch behandelten 139 Filme – Müller wurde von einer Vielzahl kompetenter Autorinnen und Autoren unterstützt – ergeben das Bild eines Jahrzehnts, das eines der Vielfalt war. Alles schien möglich zu sein, von kritischer 9/11-Aufarbeitung bis zum Piratenfilm. Natürlich kann eine solche Auswahl nur subjektiv sein und so manche(r) wird sich wohl fragen, warum bestimmte Filme für Wert befunden wurden, in eine Jahresliste aufgenommen zu werden (so schaffte es etwa Ron Howards kitschtriefendes Schizophrenen-Biopic A Beautiful Mind wohl dank seiner vier Oscars in die Liste des Jahres 2001, nicht jedoch Robert Altmans meisterhafte Gesellschaftssatire Gosford Park), doch dieser Umstand wird dadurch wettgemacht, dass die Artikel in vielen Fällen durchaus kritisch sind und durch ausgewählte, internationale Pressestimmen ergänzt werden. Die Filmbesprechungen sind analytisch, heben Motive hervor und machen Anmerkungen zur Struktur. Gewiss, es dominieren populäre bzw. englischsprachige Filme, doch immer wieder finden sich auch Perlen, mit denen ein Mainstream-Publikum wohl eher weniger vertraut ist (etwa der Cannes-Gewinner Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul aus dem Jahr 2010). Abgerundet wird das Buch, das Cineasten durchaus zur Überprüfung ihrer Wissenslücken heranziehen können, durch eine Auflistung sämtlicher Oscargewinner der Nuller-Jahre sowie durch zahlreiche Illustrationen. Ein schöner Band, der ein vielfältiges Jahrzehnt zwischen Special-Effects-Kino und Arthouse auf 864 Seiten komprimiert. Auf den folgenden Seiten eine (subjektive) Auswahl in Wort und Bild.
Redaktion ~ Oliver Stangl
Jürgen Müller (Hg.): Filme der 2000er.
Taschen Verlag, 2012. Flexicover, Klappen,
19,6 x 24,9 cm, 864 Seiten. € 29,99
2046 (Wong Kar-wai, 2004)
Beim Versuch, sein vor Liebe und Verlangen glühendes Melodramen-Meisterwerk In the Mood for Love (2000) zu toppen, hätte sich Wong Kar-wai beinahe überhoben. Die für ihn typische chaotische Produktionsgeschichte gipfelte darin, dass die Vorführung beim Festival in Cannes verschoben werden musste, weil der Meister noch am Film herumschnippelte – ein bis dahin noch nicht da gewesener Eklat. Überschattet ist das Werk auch vom (endgültigen?) Zerwürfnis mit seinem kongenialen Director of Photography, Christopher Doyle. Herausgekommen ist jedenfalls eine sentimental journey in die Zukunft und in die Vergangenheit, der man nicht immer ganz folgen kann, aber auch nicht unbedingt muss: Man kann das Ganze auch als eine Art Fotoroman mit Bildern von betörender, schmerzhafter Schönheit sehen. Dazu kommen einige der charismatischsten Schauspielerinnen und Schauspieler des chinesischen Kulturkreises, Musik unter anderem vom Fassbinder-Komponisten Peer Raben und natürlich Wong Kar-wais Markenzeichen, die Besessenheit mit Zeit, Daten und Zahlen, wie schon der Titel erkennen lässt. Falls der Film gescheitert ist, wie viele meinen, dann auf höchstem Niveau.
Andreas Ungerböck
Mulholland Dr. (David Lynch, 2001)
Lynchs mythische Noir-Fabel von der Liebe und vom Scheitern in der Stadt der Träume: Das surreal verrätselte Triptychon um zwei ätherisch schöne Frauen (Naomi Watts, Laura Harring) lässt sich als radikale Studie weiblicher Homosexualität und/oder als Rachephantasie einer erfolglosen lesbischen Schauspielerin interpretieren (dann hätte sich ein postmoderner Regisseur eines modernen Phänomens angenommen). Man kann darin ein delirierendes Verweislexikon der Archetypen und Räume Hollywoods, der Illusionen und Desillusionierungen sehen (dann wäre es ein Horrorthriller über die Glut des Glamours). Oder man liest den Film in all seinem Pathos und Kitsch und Grauen, wie man die meisten Filme des privat der Transzendentalen Meditation verfallenen Altmeisters lesen kann: als „reine“ Träume (insofern hätte Lynch das Wort von Hollywood als Traumfabrik besonders streng genommen). Oder, oder, oder. Oder alles zusammen. In jedem Fall ist Mulholland Dr. ein wunderschöner, todtrauriger Film über Sex, Liebe und Tod. So schön, dass es eigentlich sein letzter hätte sein können (dann hätte er noch besser in diesen Sammelband gepasst).
Roman Scheiber
No Country for Old Men (Joel und Ethan Coen, 2007)
Ein Meisterwerk der Reduktion, das sich eng am gleichnamigen Roman von Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy orientiert. Die Wege dreier allegorischer Figuren – der passive Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones), der den Verfall alter Werte betrauert, der scheinbar nicht zu stoppende Killer Anton Chigurh (Javier Bardem), der sich als Exekutor des Schicksals versteht und der einfallsreiche „Average Joe“ Llewelyn Moss, der sein Glück machen will – kreuzen sich im Texas des Jahres 1980 anlässlich eines Drogenkrieges, bei dem ein Koffer mit viel Geld zufällig in Moss’ Hände fällt. „Wird ihn der Sheriff schnappen oder der Killer?“, fragt sich der Zuseher, doch der Film bricht nicht nur in dieser Frage mit Erwartungshaltungen. Die Motive und Beweggründe der Figuren werden nicht übermäßig erklärt und erschließen sich großteils aus Handlungen; diverse Bildkompositionen lassen die Interpretation zu, dass die drei Hauptfiguren Facetten einer Persönlichkeit sind. Einer Persönlichkeit namens Amerika, in der gerade Ronald Reagan an die Macht gekommen ist und in der die Gier keine Grenzen mehr kennt. Die postmodernen, auf die Filmgeschichte anspielenden Elemente, seit jeher ein Markenzeichen der Coens, sind hier auf die Spitze getrieben: Ausgiebig wird aus dem eigenen Werk zitiert, Kameraeinstellungen etwa aus Raising Arizona und Fargo nachgestellt. Somit ist dem gewalttätigen und spannenden Film, der durchaus über lakonischen Humor verfügt, auf einer zusätzlichen Ebene subversive Komik eingeschrieben.
Oliver Stangl
Wall-E (Andrew Stanton, 2008)
Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als Müllpresse WALL-E Photosynthese-Detektor EVE das erste Mal sieht, ist es um ihn geschehen. So strahlend und makellos! So anmutig und elegant! So schwerelos durch die Lüfte sausend! WALL-E dagegen rollt auf Raupenketten durch die Abfallberge auf der von den Menschen verlassenen Erde und seine schwere Arbeit hat die ein oder andere Spur in seinem Chassis hinterlassen. Für seine 700 Jahre aber ist er noch ganz gut erhalten – und schließlich kommt es auf Äußerlichkeiten letztlich auch gar nicht an … Im Inneren von Computern entstanden und vom Inneren von Robotern erzählend, ist WALL-E von Andrew Stanton auf Produktions- wie Inhaltsebene abstrakt, immateriell, nicht greifbar: Eine Botschaft aus dem Reich der Nullen und Einsen, die vom Geist in der Maschine handelt und von den unergründlichen Wegen, auf denen die Seelen wandern. Ein Tanz in der Schwerelosigkeit, begleitet von einem Sternschnuppenregen, gesehen durch tränennasse Augen. Einer der schönsten Liebesfilme, die es je gab.
Alexandra Seitz
Oldboy (Park Chan-wook, 2003)
Rache ist das Motiv, Erlösung das Thema: Oh Dae-su wird mitten aus seinem liederlichen Leben gekidnappt, in ein Hotelzimmer mit grauenhafter Tapete gesteckt und dort – ohne den Grund oder Urheber seiner Misere zu erfahren – 15 Jahre lang festgehalten. Ebenso abrupt wieder entlassen, macht er sich einzig mit dem lebenserhaltenden Gedanken an Vergeltung und einem im Schattenboxen und Gegen-die-Wand-Schlagen abgehärteten Körper auf die Suche. Doch diese Suche ist nicht durch Oh Dae-sus freien Willen gelenkt, und die wahre Strafe im Ausmaß eines Best-of antiker griechischer Tragödie und alttestamentarischer Blutrünstigkeit entfaltet sich erst nach und nach. Den berüchtigten lebenden Oktopus, einen spektakulären Hammerkampf und noch so einiges mehr an Handlungswegen und pittoresker Brutalität später, endet dieses Meisterwerk des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook in einer schmerzhaften Uneindeutigkeit, die Kafka nicht enttäuscht hätte und Park 2004 verdient den Großen Preis in Cannes einbrachte.
Brigitte Auer