Leben und Sterben mit einem Gehirntumor: Andreas Dresen liefert mit seiner drastischen wie zärtlichen Alltagsgeschichte „Halt auf freier Strecke“ erneut ein stilles Meisterwerk ab.
Andreas Dresen ist derjenige unter den deutschen Filmemachern, der seine Geschichten aus dem Leben greift. Auch filmisch: Es gibt kein Drehbuch, kein künstliches Licht, seine Figuren „menscheln“ nicht, sie sind Menschen. Zu sehen im zwischenmenschlichen Drama Halbe Treppe, bei den Damen von Sommer vorm Balkon, den zärtlich verliebten Pensionisten in Wolke Neun.
Frank und Simone, das Paar aus Halt auf freier Strecke, schweigen also die ersten Minuten des Films. Sie schlucken, schauen ungläubig. Franks Arzt erklärt ihnen gerade, wo der Gehirntumor sitzt, der Franks Lebenserwartung plötzlich auf ein paar Monate reduziert. Er ist „ziemlich bösartig“. Dazwischen läutet das Telefon, unberührt von der Dramatik des Augenblicks. Die Ursache? Schicksal.
Dabei haben sich die Straßenbahnfahrerin und der Angestellte eines Paketverteilzentrums gerade den Traum vom eigenen Haus am Berliner Stadtrand erfüllt. Den Tumor von Frank Lange kümmert das nicht. Der ist in einer Traumsequenz in der Harald-Schmidt-Show zu Gast. Frank macht Video-Notizen auf seinem iPhone, von sich, seiner Frau, den Kindern. „Papa, ist es wahr, dass du stirbst?“ „Ja.“ „Darf ich dann dein iPhone haben?“, fragt der kleine Sohn. Der Tumor verändert Frank. Einmal pinkelt er ins Zimmer seiner pubertierenden Tochter. Wo das WC ist, weiß er nicht mehr. Per Post-it wird das ganze Haus liebevoll beschildert. Das Klo. Das Schlafzimmer. Der Fernseher. Mama, Papa, Lili, Mika steht da in Krakelschrift.
Draußen schneit es. Irgendwann steht ein Rollstuhl in der Wohnung, später ein Krankenhausbett. Frank sucht sich die Musik für sein Begräbnis aus. „Dead Man“ von Neil Young, das ganze Album. Die Haare fallen aus, der Schlaf wird länger, traumloser. Simone erschöpft das Leid, die körperliche Anstrengung der Krankenpflege. Eine Sterbebegleiterin hilft. Und aus „das wird schon wieder“ wird „’ne Weile wird’s schon noch dauern“.
Dass hier ein Film Leben spielt, zeigt nur die durchdacht gewählte Perspektive. Im Kino ist das Sterben meist theatralisch, selten gequält, nie alltäglich. Andreas Dresen ist ein unerschrockener und friedvoller Film geglückt, beeindruckend in seiner Klarsicht, die nur durch die Tränen des Betrachters getrübt wird. Dafür gab’s völlig zurecht 2011 in Cannes den „Prix Un Certain Regard“.

Im Kino die Wirklichkeit sehen
Andreas Dresen über Missverständnisse, was Realität im Film betrifft, Harald Schmidt und den Gehirntumor, die Kunst des Sterbens und – den Wurm.
Wie kommen Sie zu Ihren Geschichten?
Andreas Dresen: Volker Schlöndorff hat mir mal gesagt: „Ich suche die Filme nicht, sie finden mich.“ Es ist tatsächlich so. Ich hatte gerade eine Trennung hinter mir, es war eine Zeit der Einsamkeit, des Verlustes. In meinem Freundeskreis gab es plötzlich Todesfälle, die Eltern starben, Freunde starben. So haben wir uns viel über dieses Thema unterhalten. Und in den Erzählungen, wo’s um das Sterben der Eltern ging, waren das oft sehr friedliche und sehr glückliche Erfahrungen. Das hat mich total überrascht. Wir fanden es seltsam, dass zwar im Kino sehr viel gestorben wird, oft aber nur als dramaturgisches Vehikel für eine andere Geschichte. Verfall und Abschied als Hauptsujet gibt es selten. Dann haben wir uns viele Filme angesehen und sind draufgekommen: Den Film, den wir gerne dazu machen würden, den gibt es noch nicht. Dann haben wir angefangen.
Wie erreichen Sie den Realismus Ihrer Filme?
Andreas Dresen: Man braucht mal eine gestalterische Idee. Wenn das Thema einfach nackt zum Film würde, wär’s ja nicht die Realität, sondern immer noch eine Filmszene, aber eben eine schlechte. Wir haben uns entschieden, sehr konsequent die Szene aus bestimmten Perspektiven zu erzählen. Man versucht, den Zuschauer zu führen. Realismus wird ja häufig verwechselt: Es gibt grundsätzlich keine Authentizität im Kino. Auch im Dokumentarfilm nicht. Im Kino sehe ich immer nur einen vorbestimmten Ausschnitt. Ich kann mich nicht umdrehen. Insofern ist man, wenn man im Kino die Wirklichkeit sehen will, schlecht beraten. Da sollte man lieber auf die Straße gehen oder aus dem Fenster kucken. Ich verstehe unter Realismus Wahrheit. Und Wahrheit kann man im Kino finden.
Für das Sterben gibt es keine Bedienungsanleitung …
Andreas Dresen: Vor noch nicht einmal hundert Jahren war es ganz selbstverständlich, dass Großeltern, Eltern, Kinder und Enkelkinder unter einem Dach gelebt haben. Wenn da der Großvater starb, lag er einen Tag lang tot im Schlafzimmer, die Kinder konnten sich das ankucken, alle konnten Abschied nehmen. Jetzt haben wir quasi eine Sterbe-Industrie. Die Leute kommen in Pflegeheime oder auf Palliativstationen. Das macht es natürlich den Familien leichter, auf der anderen Seite vergrößert diese Entfremdung die Angst vorm Sterben. Wir zeigen eine Familie, die sich dieser Herausforderung stellt und versucht, dem Schicksal eine Zeitlang die Stirn zu bieten. Natürlich schaffen sie’s nicht, aber sie schaffen etwas anderes: Würde. Am Schluss ist das Sterben selbst ein ganz friedlicher und auch lichter Moment. Das ist das Wesentliche: Es gehört dazu, wir müssen das aushalten und wir müssen auch selbst irgendwann gehen.
Waren Sie schon einmal dabei, als jemand starb?
Andreas Dresen: Nein. Aber die Ärzte im Film werden alle von Ärzten gespielt, die wissen genau, was da abgeht. Der Arzt, der die Diagnose stellt, macht das zwei, drei Mal die Woche. Ich finde großartig, wie er seine eigene Hilflosigkeit zulässt, wie dünnhäutig er ist, klar und trotzdem empathisch. Dass er den Mut hat, Pausen zuzulassen. Das wäre mir als Regisseur nie eingefallen. Er hat mir erklärt, dass die Leute Raum haben müssen, um ihre Fragen stellen zu können. Auch die Sterbebegleiterin: Sie betreut in Berlin zeitgleich immer ungefähr 50 Sterbende. Und an dem Abend, an dem wir drehten, kriegte sie einen Anruf und sagte, „Jetzt ist gerade einer meiner Patienten gestorben, ich fahr jetzt mal rüber“. Das war nachts um zwei. Das ist so eine kraftvolle, lebenskluge, praktische Frau, wenn ich jemals in so eine Situation kommen sollte, dann bitte ich Gott darum, dass er mir jemanden schickt wie sie.
Sie drehen ohne geschriebene Dialoge, wie funktioniert das?
Andreas Dresen: Es ist eine sehr intime Art, einen Film herzustellen. Wir sind am Drehort nur zu dritt oder viert, der Kameramann, der Tonmeister, der aber meist gar nicht im selben Raum sitzt, ich angle, das war’s. Es gibt keine Aufbauten, wir sind in normalen Wohnungen. Wir haben vorher eine Art Szenenfahrplan erarbeitet, das waren lauter gelbe Haftnotizen auf einer Tür, die haben wir bei Bedarf hin- und hergeschoben. Nach diesem Plan haben wir chronologisch gedreht.
Wie haben Sie das Milieu Ihrer Protagonisten recherchiert?
Andreas Dresen: Steffi war zigmal im Straßenbahndepot, lernte Straßenbahn fahren. Milan hat im Paketverteilungszentrum ein paar Schichten mitgearbeitet. So bekommt man ein Gefühl dafür, wie die Figuren sprechen, auch dafür, welche Worte sie nicht benützen würden. Das war recht interessant: Bei der Recherche haben uns die meisten Ärzte erzählt, dass Menschen mit höherem Bildungsstand zuhause Sterben viel schlechter hinkriegen. Weil sie alles hinterfragen, Panik bekommen. Einfacher gestrickte Leute sind eher bereit, sich natürlichen Dingen hinzugeben. Wir fanden das Milieu auch deshalb interessant, weil ich keine intellektuell-philosophischen Traktate über den Tod im Film haben wollte. Solche Filme gibt’s genug. Hier geht’s um Handfesteres: Mir war wichtig, mit dem Klischee aufzuräumen, dass Sterbende grundsätzlich immer nette, zu bemitleidende Menschen sind und die Pflegenden jederzeit Verständnis haben. Tatsächlich geht es manchmal sogar so weit, dass man diesem Menschen den Tod an den Hals wünscht, weil man vor Überforderung einfach nicht mehr kann. Ich verstehe das auch.
Wie war die Stimmung am Set?
Andreas Dresen: Erstaunlich lustig. Das ist ein seltsames Phänomen: Wenn man Komödien dreht, sind alle immer ganz ernst. Ich hasse das dann auch, wenn am Set viel gelacht wird: Wenn sich alle am Set bekringeln, weiß man, diese Witze funktionieren auf der Leinwand fast nie. Wenn man so etwas Dramatisches dreht, ist es eher andersrum.
Wie bei einem Begräbnis, wo sich nachher alle betrinken und lustige Geschichten von früher erzählen …
Andreas Dresen: Wir machen das viel zu selten. In Lateinamerika sind Beerdigungen noch viel lustiger, da wird getanzt, alle sind bunt angezogen. In unserer säkularisierten Welt ist der Tod ja auch mit Schuld und Sühne verbunden. Und wenn man in die Kirche geht, ist da die Leidensgestalt am Kreuz. Das ist schrecklich! Das muss man sich mal klar machen: Das Hauptzeichen unserer Religion ist ein Folterinstrument, das Kreuz.
Was kommt nach dem Tod?
Andreas Dresen: Dann kommt der Wurm. Ich glaube nicht, dass man in einem Paradiesgarten herumspazieren oder von 17 Jungfrauen empfangen wird. Was natürlich ’ne schöne Idee wäre … aber ein bisschen anstrengend.
Ist Sterben auch eine Sache von Vertrauen?
Andreas Dresen: Die Psychologin, die Schwerkranke in Trance-Situationen bringt, sagte uns, dass wir genetisch im Unbewussten abgespeichert haben, wie Sterben funktioniert. Und an bestimmten Stufen des Sterbeprozesses rufen wir das ab. Deswegen kann sie, wenn Sterbende in Trance von bestimmten Bildern erzählen, den Verwandten mit ziemlicher Genauigkeit sagen, wann es soweit sein wird. Es kommen bei allen die gleichen Bilder.
Wie kamen Sie auf die Idee mit der Harald-Schmidt-Show?
Andreas Dresen: Das war dem Umstand geschuldet, dass Frank mit zunehmendem Verlauf des Films als Figur immer unfähiger wird, sich zu artikulieren. Wir haben eine zweite Ebene gesucht, die seine Gedanken artikulieren kann, so kam auch die Idee mit dem iPhone. So tauchen wir in seine immer verrückter werdende Seele ein. Und mit dem Auftritt bei Harald Schmidt geht das los. Die Leute von der Show waren übrigens supernett, die haben uns das fast geschenkt, aber gut, Harald Schmidt spricht natürlich auch nicht alle Tage mit einem Gehirntumor.
