Der alte Mann und das Meer
Das Rostrot des schicksalhaften Containers wirkt obszön inmitten der weiten, blaugoldenen Fläche, und die Kamera fährt einmal langsam an der Außenseite des Metallquaders entlang, bevor das Segelboot ihn rammt.
Mit dem Loch, das der Container in die Seitenwand der Yacht geschlagen hat, beginnt der Überlebenskampf ihres Steuermannes und einzigen Besatzungsmitglieds, der aus unbekannten Gründen auf dem Indischen Ozean unterwegs ist – ganz allein. Es gibt niemanden, mit dem er reden kann, denn das Funkgerät ist kaputt, es gibt nichts zu sehen außer dem Meer und dem Himmel in verschiedenen Wetterlagen, dem Inneren des leckgeschlagenen Bootes und schließlich einer Rettungsinsel, in die der namenlose Mann sich flüchtet, nachdem ein Sturm sein Boot endgültig zerstört hat.
Der Mann, der am Anfang des Films voller Elan und Sachkenntnis die Bordwand mit Glasfasermatte und Polyesterharz flickt, die voll Wasser gelaufene Kajüte mit der Hand leerpumpt, nasse Sachen zum Trocknen aufhängt und sogar ein wenig Körperpflege betreibt, hört nach und nach auf, gegen das unausweichlich Scheinende anzukämpfen, Sonne und Trinkwassermangel setzen ihm zu, dann wieder Kälte, Nässe, Schmerzen und vor allem die Einsamkeit.
All Is Lost ist ein großartiger Film über das Meer, der es jeglicher romantischen Konnotation beraubt und stattdessen als unbarmherzige Naturgewalt zeigt. Er erinnert an die Beschreibungen von Joseph Conrad, der die spannendsten Romane über das Elend der Christlichen Seefahrt im 19. Jahrhundert geschrieben hat. Es ist gerade nicht das Unwetter, das die Seeleute zermürbt, sondern die Flaute bei tagelang gleichmäßig sengender Sonne auf spiegelglatter Wasseroberfläche, und auch der Protagonist in All Is Lost scheint bei schwerer See munterer als bei strahlendem Wetter. Phantastische Sonnenuntergänge hat er bald genug gesehen. Der Ton besteht aus dem Schwappen und Plätschern, Gurgeln und Rauschen des Meeres, aus dem Ächzen und Knarren des Bootes, so lange es noch schwimmt, aus dem Grummeln und Tosen des Windes. Auf den Einsatz von Musik hat man fast völlig verzichtet, und so wird es für das Publikum auch niemals zu gemütlich.
Robert Redford, dem man trotz aller verzweifelten Bemühungen ums Gegenteil seine 77 Jahre deutlich ansieht, spielt den Mann, der sich vielleicht am Ende seines Lebens noch einmal etwas beweisen will. Man macht sich gar keine Gedanken über die Motivation der Figur, sondern schaut dem Veteranen der Schauspielkunst, der über 100 Minuten fast in jeder Einstellung zu sehen ist, gern zu.
