Suzuki Seijun

Suzuki Seijun

Opulenz und Exzentrik

| Roland Domenig |

Das Filmmuseum würdigt in einer ausführlichen Retrospektive den großen japanischen Maverick Suzuki Seijun.

Vor 100 Jahren wurde das erste japanische Filmgroßstudio Nikkatsu gegründet. In der äußerst wechselvollen Geschichte des Studios stechen zwei Perioden besonders hervor: die späten dreißiger Jahre, in denen die Filme von Nikkatsu vieles von dem vorwegnahmen, was einige Jahre später in Europa als Neorealismus gefeiert wurde, und die Zeit von Mitte der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre, in denen Genrefilme im Zentrum standen. Während der Besatzungszeit fungierte Nikkatsu als Verleiher amerikanischer Filme, die einen wichtigen Einfluss ausübten, als das Studio 1954 seine Produktion wieder aufnahm.

Eine Reihe Filmschaffender wurde von der Konkurrenz abgeworben, darunter von Shôchiku die beiden Regieassistenten Imamura Shôhei und Suzuki Seitarô. Beide repräsentieren die duale Struktur der japanischen Studios jener Zeit. Das wöchentlich wechselnde Doppelprogramm bestand aus einem Haupt- und einem Begleitfilm; ersterer war Starvehikel und stand im Zentrum der Aufmerksamkeit von Presse und Kritik, letzterer bediente in erster Linie die Interessen des Publikums. Während Imamura rasch zum (auch international) gefeierten A-Picture-Regisseur aufstieg, blieb Suzuki Seijun, wie er sich seit 1958 nennt, dem B-Picture verpflichtet. Sein Regiedebüt gab er 1956, es folgten in rascher Folge Genrefilme, vor allem Actionfilme, in denen Suzuki sein Handwerk weiterentwickeln und seinen Stil reifen lassen konnte. Einen ersten Höhepunkt erreichte dieser 1963 in Youth of the Beast (Yajû no seishun). Im selben Jahr lernte Suzuki den Set-Designer Kimura Takeo kennen; mit ihm als kongenialem Partner verfeinerte er seinen visuellen Stil weiter. Konventionen und Regeln gab es für Suzuki nur mehr, um sie zu brechen. Narrative Logik trat zugunsten von stilistischem Exzess in den Hintergrund. Tokyo Drifter (Tôkyô nagaremono) etwa ist geprägt durch exzentrische Kameraeinstellungen, eine opulente Farbästhetik, flamboyante Stilisierungen und exaltierte Manierismen. Die Filme sorgten bei Suzukis Vorgesetzten zunehmend für Verwirrung, bis ihn das Studio 1968 nach Branded to Kill (Koroshi no rakuin) wegen angeblicher Unverständlichkeit schließlich feuerte.

Suzukis Entlassung stellte einen entscheidenden Wendepunkt dar, denn obwohl er in den folgenden zehn Jahren keine weiteren Kinofilme mehr drehen konnte, setzte gleichzeitig die kritische Würdigung des bislang von der Filmkritik praktisch ignorierten Filmemachers ein. Bemerkenswert ist, dass diese „Entdeckung“ von Suzuki als einen der herausragenden Stilisten des Weltkinos von Cineasten ausging, die sich nach Suzukis Entlassung zu einem Kampfkomitee zusammenschlossen und Protestaktionen gegen das Studio Nikkatsu organisierten, welches Suzukis Filme unter Verschluss hielt. In dem Konflikt, der auch vor Gericht ausgetragen wurde, wurden nicht nur die Filmbesitzrechte des
Studios in Frage gestellt, sondern erstmals auch ein Anspruchsrecht der Zuseher auf die Verfügbarkeit von Filmen erhoben.

Nach einer Durststrecke, während der er sich mit Arbeiten für das Fernsehen und Werbefilmen über Wasser hielt, konnte Suzuki in den achtziger Jahren als unabhängiger Filmemacher mit der sogenannten Taishô-Trilogie ein beeindruckendes und hoch komplexes Spätwerk realisieren. Dieses ist – neben erstmals im Ausland gezeigten frühen Filmen – in der bislang umfangreichsten Suzuki-Retrospektive außerhalb Japans im Österreichischen Filmmuseum ebenfalls zu sehen.