Wuthering Heights

Wuthering Heights

Höhen und Tiefen

| Peter Keough |

Andrea Arnolds Adaption von Emily Brontës Klassiker „Wuthering Heights“.

Wenn es um die filmische Umsetzung von sozialem Realismus geht, gibt es kaum jemand, der Andrea Arnold das Wasser reichen kann. Selbst die Welten von Ken Loach und Mike Leigh erscheinen idyllisch im Vergleich zu dem seelenlosen Hochhaus, das ihrem Spielfilmdebüt Red Road (2006) seinen Titel verschafft. Oder das namengebende Wohnprojekt in Fish Tank (2009).

Für ihren dritten Film hat sie nun den Roman „Wuthering Heights“ von Emily Brontë aus dem 19. Jahrhundert adaptiert. Die spannende Frage dabei: Wie würde diese toughe Realistin einen der prototypischen romantischen Texte der Weltliteratur filmisch umsetzen? Es kommt nicht überraschend, dass sie dies nicht im Stil der opulenten Literaturverfilmungen eines James Ivory tut. Yorkshire sieht bei Andrea Arnold wie eine Mondlandschaft aus, und das Anwesen, in dem der Patriarch Earnshaw das Findelkind Heathcliff aufnimmt, gemahnt an einen Drehort aus Monty Python and the Holy Grail. Heathcliff und seine Adoptivschwester und Seelenverwandte Cathy durchstreifen eine Landschaft, der es an eigenwilliger Schönheit nicht mangelt, allerdings auch nicht an Grausamkeit, wie etwa die Welpen, die von einem Zaun baumeln, erkennen lassen.

 


 

Andrea Arnold im Interview

Sie sind als Verfechterin des Realismus bekannt, aber das ist eines der Lieblingsbücher des Surrealismus. Luis Buñuel hat 1954 eine Version davon gedreht (Abismos de passion). Es ist eine von vielen Adaptionen des Buches. Haben diese vorangegangenen Versionen auf Ihnen gelastet, als Sie Ihre eigene gemacht haben?
Andrea Arnold: Ich wusste das über die Surrealisten nicht. Aber ich verstehe, warum sie es mochten. Ich habe als Kind Laurence Olivier unter der Regie von William Wyler in der Fassung von 1939 gesehen. Ich erinnere mich nicht an die Details, aber ich erinnere mich daran, dass mich der Film tief beeindruckte. Ich habe keine der anderen Verfilmungen gesehen und ich weiß daher nicht wirklich, wie die sind. Ich war mir offensichtlich bewusst, dass der Stoff mit einer Menge Gepäck daherkommt und die Erwartungen entsprechend hoch sind. Jeder hat seine eigene Idee davon, wie er sein sollte. Daran habe ich aber nicht gedacht. Ich bin einfach auf meine eigene, persönliche Art darin involviert worden und habe meine Version gedreht.

Das Projekt war bereits durch die Hände einiger andere Regisseure gegangen und hatte auch schon andere Besetzungen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Andrea Arnold: Das Projekt durchlief einen schwierigen Prozess, es war eine schwere Geburt. Es gab zwei andere Regisseure, John Maybury und Peter Webber, daher hatte es eine Vorgeschichte. Ich hatte davor noch nie etwas gemacht, woran bereits andere Leute gearbeitet hatten und schon ein fertiges Drehbuch existierte. Also begann ich wieder ganz von vorne. Das möchte ich allerdings nie wieder machen.

Eine der Veränderungen, die Sie vorgenommen haben, betraf die Besetzung. Frühere Adaptionen hatten Stars wie Natalie Portman und Abbie Cornish als Cathy, und Michael Fassbender und Ed Westwick als Heathcliff. Ihre Entscheidungen waren weniger konventionell.
Andrea Arnold: Es war eine ziemlich knifflige Castingsituation, weil ich beschlossen hatte, dass ich Heathcliff und Cathy für lange Zeit als Kinder im Film haben wollte [gespielt von den Laien Solomon Glave und Shannon Beer; Anm.], was eigentlich dem Buch getreu ist. Vieles von dem Drama in dem Buch passiert, als die beiden noch sehr jung sind. Die Entwicklung der beiden ist wirklich ein wichtiges Element, daher wollte ich das respektieren. Ich wollte es erforschen.

Dann dachte ich: Gut, ich werde sie auch zu Erwachsenen machen müssen. Wie werde ich das bewerkstelligen? Zuerst dachte ich, ich sollte vielleicht 18-, 19-Jährige casten, weil Cathy in dem Alter ist, als sie im Buch stirbt. Aber die jungen Menschen, die ich beim Casting gesehen habe, hatten dieses Kindliche nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, ich müsste diese Kindheitsseite honorieren und daher zuerst Kinder casten und dann Teenager oder junge Erwachsene [James Howson und Kaya Scodelario in ihren ersten Leinwandauftritten, Anm.]. Das war ein wenig hölzern, denn ich wollte die Leute eigentlich nicht austauschen, aber es war für mich das einzig Denkbare.

Eine weitere unkonventionelle Wahl ist es zweifellos, Heathcliff mit einem Schwarzen zu besetzen.
Andrea Arnold: Ich denke, dass die Leute, die das Buch gelesen haben, verstehen, dass das Sinn macht, denn Brontës Beschreibung gibt keinen Hinweis darauf, dass Heathcliff weiß sein muss. Er unterscheidet sich, er ist exotisch. Sie sind sehr weiße Leute, die in Yorkshire leben, und er ist aus einer anderen Welt. Deshalb dachte ich, dass es sehr wichtig ist, dass er anders ist und dunkle Haut hat, weil er auch im Buch so anders ist.

Was der Grund ist, warum er verachtet wird.
Andrea Arnold: Er wird nicht von Earnshaw verachtet, er versucht, das Richtige zu tun, aber von Hindley, Earnshaws Sohn, der eifersüchtig ist.

Ist nicht Edgar [der reiche Nachbar, der Cathy umwirbt] auch eifersüchtig, weil Heathcliff etwas viel Sinnlicheres repräsentiert, als er selbst bieten kann?
Andrea Arnold: Das ist ein bisschen schwer zu ergründen. Eifersüchtig scheint vielleicht nicht das richtige Wort zu sein. Er ist ihr Gefängniswärter, trotz seiner vornehmen Manieren. Er ist derjenige, der ihr sagt, dass sie Heathcliff nicht treffen kann. Wenn man jemanden liebt, lässt man ihn frei und sperrt ihn nicht ein. Ich denke also nicht, dass es nur Eifersucht ist, die jedesmal, wenn er Heathcliff auftaucht, in Edgar solche Wutausbrüche auslöst.

Könnte es Klassen-Snobismus sein?
Andrea Arnold: Das hat man definitiv im Buch. Es gibt auf jeden Fall Zeilen, die darauf hinweisen.

Eines der bemerkenswerten Elemente im Buch ist die Sprache, die die Autorin verwendet – von der hat man im Film allerdings nicht besonders viel.
Andrea Arnold: Das war die Herausforderung. Ich glaube, dass Bücher, speziell jene aus dieser Zeit, sehr wortreich sind. Für mich ist das nicht das, was Kino ausmacht. Einer meiner Wünsche ist, es filmisch zu machen. Ich wollte nicht, dass meine Schauspieler in zu vielen Wörtern verstrickt sind. Das hätte eine Art Kunstgriff kreiert. Daher habe ich versucht, die Szenen so wortkarg wie möglich zu gestalten.

War es für Sie eine Herausforderung, einen Film in einer so natürlichen Umgebung zu machen, ganz im Gegensatz zu den sehr künstlichen, urbanisierten Drehorten Ihrer anderen Filme?
Andrea Arnold: Nein, ich habe es geliebt. Das ist mit ein Grund, warum ich einen Film machen wollte, der die Natur als Metapher hat, um eine Geschichte zu erzählen. Wir können dabei zusehen, wie die Charaktere leben, wie die Umgebung ist, und auch, wie schwierig diese Umgebung ist, und wie naturverbunden sie sind. Ich liebe, wie in den Heights [Heimat der der unteren Klasse angehörigen Earnshaws; Anm.] das Moor diese Art wilder Ort ist, der bis zum Haus hinaufgeht, während Grange [Wohnort der der Upper Class angehörigen Lintons; Anm.] diese Wand rundherum hat, als würden sie versuchen, die Moore fernzuhalten; und dass das Moor bis zur Mauer kommt und sie es in Schach halten. Sie haben eine viel gepflegtere und gezähmtere Natur.

Das Haus, in dem die Earnshaws leben, ist ein ziemlich beängstigender Ort.
Andrea Arnold: In vielen Filmen wird es als Gothic-Herrenhaus dargestellt. Ich bin aber zu dem Haus, das heute eine Ruine ist, gegangen, das Emily Brontë inspiriert hat, das Buch zu schreiben. Ich bin auch nach Yorkshire gegangen und habe mir viele der Häuser dieser Zeit angeschaut. Es sind diese kleinen, intimen Häuser mitten in den Mooren. Die Familien darin waren gezwungen, auf engem Raum zusammenzuleben, und jeder konnte alles vom Anderen hören und sehen.

Trotz der offensichtlichen Unterschiede finde ich, dass Ihre Arbeit ähnlich zu jener anderer junger britischen Regisseurinnen und Regisseure ist, wie etwa Lynne Ramsay. Sie verwenden beide möglichst wenig Dialog und erzählen Geschichten über unterdrückte Menschen.
Andrea Arnold: Ich mag Lynne Ramsay sehr gern. Ich habe ihren neuen Film We Need to Talk About Kevin noch nicht gesehen, aber ich schätze ihre anderen beiden Filme Ratcatcher und Morvern Callar. Ich denke, sie würde sagen, dass wir komplett unterschiedliche Filmemacherinnen sind, und ich finde das auch, aber es gibt eine Sensibilität, die irgendwie ähnlich ist. Wir haben beide diesen Arbeiterklassenhintergrund. Ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hat. Ich weiß nicht, ob es etwas derartiges ist, das im britischen Kino momentan passiert. Es gibt jedenfalls noch einen weiteren Regisseur, der so arbeitet und sehr wenig Dialog verwendet – Duane Hopinks. Er hat einen Film namens Better Things gemacht.
Kürzlich hat jemand zu mir gesagt, dass es wie Realismus ist, aber romantisch. Romantischer Realismus. Ich hatte das nicht beabsichtigt. Ich bemühe mich immer um etwas ziemlich Reales, aber ich bin immer davon fasziniert, das Reale auf eine andere Ebene zu transferieren, einen Platz zu finden, der sich höher als die Realität anfühlt.

Wie in dieser Szene, als Heathcliff vor lauter Trauer den Baum umklammert. Die hat mich zu Tränen gerührt.
Andrea Arnold: Hat sie das? Das ist diejenige, die mich auch jedes Mal erwischt. Ursprünglich hatten wir da noch mehr Worte drinnen. Ich habe sie rausgenommen und diesen einen Satz drinnen gelassen, aber es bricht mir immer noch mein Herz: „Don’t leave me in this abyss where I can’t find you.“

Glauben Sie, dass ihre Beziehung der Inbegriff von romantischer Liebe ist? Etwa, wenn Cathy sagt: „Ich bin Heathcliff“.
Andrea Arnold: Würden Sie das romantische Liebe nennen? Ich denke, sie sind so vereint, weil sie so viel Zeit miteinander verbracht haben, sich sehr nahe waren und gemeinsam groß geworden sind. Für mich ist er von ihr besessen, weil sie die eine Person war, die nett zu ihm war. Und das muss ein so wundervolles Gefühl sein.