Marathi-Kino

Marathi-Kino

Geschichten aus den Dörfern

| Anna Marie Goretzki |

Morgens um Viertel vor zehn in Pune, der Vier-Millionen-Einwohner-Metropole des Bundesstaates Maharashtra. Eine hupende Karawane aus Rikschas, Ochsenkarren, Honda Heros, Bussen und Autos zieht unablässig auf dem Budhwar Peth seine Runden. Tastend, Meter für Meter, steuert ein alter, behelmter Herr sein Mofa durch den Verkehrsstrom. Plötzlich biegt er ab. Jeden Morgen seit 42 Jahren durchfährt Balkrishna Bhide das mit Tagetes geschmücktes Eisentor des Prabhat-Kinos in Pune. Im Innenhof stellt der 80-jährige Kino-Manager sein Mofa ab und wirft eine Decke als Staubschutz über Sattel und Lenker.

Morgenrot

Mitten im lärmigen Stadtzentrum Punes liegt das Prabhat Theatre, das älteste Kino der Stadt. Ein Projektor, „made in the United States of America“, wirft die Filme auf die einzige Leinwand. Manager Bhide und seine Mitarbeiter stemmen tagtäglich fünf Vorstellungen: von zehn Uhr morgens bis abends um elf. Auf Marathi, der Sprache Maharashtras, heißt Prabhat „Morgenrot“. Das Einsaalkino mit seiner Tradition von 78 Jahren ist nicht irgendein Kino, sondern in Pune einmalig: Es hat sich auf die Vorführung von Marathi-Filmen spezialisiert. Maharashtra beherbergt gleich zwei indische Filmindustrien in direkter Nachbarschaft: 150 Kilometer sind es von den Studios des Giganten Bollywood in Mumbai, ehemals Bombay, nach Pune, zum Zentrum des vergleichsweise kleinen Marathi-Kinos, dessen Drehorte vor allem die Dörfer Maharashtras sind. Das Marathi-Kino ist eines der „regional cinemas“ auf dem indischen Subkontinent. Spätestens seit Bollywood-Filme in den Schweizer Bergen gedreht werden und die Programmslots mitteleuropäischer Privatsender füllen, ist das auch in unseren Breiten bekannt. Vom regionalen Filmschaffen Indiens wissen aber nur wenige.

Während in den letzten Jahren überall in Indien Multiplex-Kinos mit einer Ästhetik aus Sichtbeton und Glas aus dem Boden schossen, um in bis zu einem Dutzend Kinosälen gleichzeitig die neusten Bollywood-Streifen zu zeigen, blieb das alte Prabhat seiner Linie treu und bestückt sein Programm nach wie vor mit Marathi-Filmkunst. Das Publikum schwört auf das Prabhat, auch wenn es dafür Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen muss, die in einem Multiplex ausbleiben: Die Sitze mit ihren Plastikbezügen lassen die Kleidung schon nach kurzer Zeit am Körper kleben, Decken- und Wandventilatoren verbreiten nur leidlich Kühlung. Dennoch: Mehrmals pro Woche kann das Prabhat seine 894 Sitze restlos ausverkaufen und mit „house full“ prahlen.

Frischer Wind und schwarze Zeiten

Der Innenhof des Kinos füllt sich mit Besuchern, die „Prabhat Canteen“ verkauft Mirinda, das indische Fanta, und Samosas. Nicht immer war in den Pausen der Snackverkauf so frequentiert. Bhide kann ein Lied davon singen und blickt zurück: 1932 drehte V. Shantaram den ersten marathisprachigen talkie, den Tonfilm Ayodhyecha Raja. Genau 80 Jahre ist das nun her. Shantaram avancierte zu dem Star-Regisseur des jungen Marathi-Kinos. Die Zeit zwischen 1950 und 1970 ging als „Golden Age“ in die Annalen der Marathi-Filmgeschichte ein. Dann begann die Talfahrt. In den Achtzigern und Neunzigern prägten billige Komödien und schnulzige Liebesfilme Maharashtras Regionalkino – technisch und erzählerisch am unteren Ende der Qualitätsskala. Keiner, der etwas auf sich hielt, schaute sich Marathi-Filme an. Elf Filme waren die ganze Ausbeute des Jahres 1996. Das Marathi-Kino war am Boden.

Vor ein paar Jahren aber erfasste ein Boom die kleine Film-industrie: Kinogänger, Kinobetreiber, Produzenten, Regisseure und auch Bhide sind sich einig, dass dieser 2004 mit Shwaas – A Breath (2004, Sandeep Sawant) begann. In A Breath wird der Großvater des siebenjährigen Parashuram, der an einem Hirntumor leidet, mit der Aufgabe konfrontiert, seinen Enkel auf ein Leben ohne Augenlicht vorzubereiten. In Maharashtra setzte mit der offiziellen indischen Oscar-Einreichung von A Breath ein Bewusstseinswandel in Sachen Kino ein. Plötzlich nahm das lokale Publikum das darbende Marathi-Kino wieder als Qualitätskino war. Man erkannte, was die kleine unscheinbare Filmwelt auch für das eigene kulturelle Selbstverständnis bedeutet: Würdigung der Muttersprache, kulturelle Identität, Heimat. Der Film hauchte der Marathi-Filmindustrie ganz wortwörtlich neuen Atem ein: Produktionsbudgets und Besucherzahlen stiegen, und junge Filmabsolventen wandten sich dem Neuen Marathi-Kino zu. Und sie tun das bis heute. 2008 durchbrach die Zahl an jährlich produzierten Marathi-Filmen erstmals die Hunderter-Marke.

Leben wie im Film

Was unterscheidet das neue Marathi-Kino von Bollywood? Marathi-Filme richten die Kamera da hin, wo das wahre Leben ist. Wenn im Innenhof des Prabhat über den eben gelaufenen Film als samantar citrpat gesprochen wird, dann war es ein guter Film. Ein „Eine-Ebene-Film“. Damit meinen die Zuschauer: Das Leben im Film ist wie das Leben „bei uns“ – auf einer Ebene mit unserem. Anders als Bollywood-Filme zeigen sie keine bunte Lolli-pop-Welt an fernen Drehorten wie der Schweiz oder den USA – auch die Studiowelt Mumbais ist für viele Marathi-Zuschauer schon sehr weit weg von der eigenen Lebensrealität –, sondern Entbehrungen, gefilmt in echten Dörfern Maharashtras statt in künstlichen Studiowelten. Nichts ist zu sehen von der ganzen „larger-than-life-extravagance“, wie es der in Pune lebende Regisseur Sachin Kundalkar formuliert. Stattdessen: „Marathi movies are from your life experience“, wie die Kinobesucher, Menschen aus allen Bereichen der Mittelschicht, bestätigen. Ein Grund vielleicht, warum das Prabhat und die Marathi-Filme auf so eine stabile Partnerschaft bauen: Auch das alte Kino scheut Extravaganzen und sucht die Nähe zu seinen Besuchern.

Der Manager des Prabhat sitzt hinter einem mit Papieren beladenen Schreibtisch in seinem Büro. „Prabhat Office“ steht in goldenen Klebe-Lettern an der Tür. Ein paar jugendliche Kinobesucher drücken sich am Fenster die Nasen platt. Bhide umgibt etwas Schildkrötenhaftes, wenn er beim Sprechen seinen fast kahlen Kopf ein wenig zwischen die Schultern zieht. Eigentlich wollte er selbst einmal ein großer Marathi-Regisseur werden. Drei Filme floppten, der vierte führte ihn an den Rand der Existenzfähigkeit – psychisch und finanziell. Am Tiefpunkt seines Lebens angekommen, begegnete er dem damaligen Prabhat-Besitzer, der zu ihm sagte: „Come in my theatre. Tomorrow.“ Seit diesem Tag vor 42 Jahren ist Balkrishna Bhide Manager des alten Lichtspielhauses – und Mentor für viele junge Regisseure des Neuen Marathi-Kinos. Immer wieder bietet er Nachwuchswerken ein Forum und berät sie bei einer Tasse Chai in seinem Office.

Junge Wilde

Auch Umesh Kulkarnis Debütfilm lief im Prabhat. 30 Rikscha-Minuten sind es von dem alten Lichtspielhaus, vorbei am Parvati Hill, zur Wohnung des 35-jährigen Regisseurs. Eine Glasvitrine stellt Filmpreise aus, unter dem Fernseher liegt der Berlinale-Katalog 2008. Umesh Kulkarni sitzt barfuß auf dem Sofa. Nach einem Filmstudium am renommierten Film and Television Institute of India in Pune und einem längeren Auslandsaufenthalt in Paris drehte er in dem kleinen Dörfchen Pimpli, im hügeligen Hinterland Maharashtras, wo Strom und fließendes Wasser fehlen, seinen ersten Langfilm: Valu – The Wild Bull (2008). Der Film erzählt von einem ausgebüchsten Bullen. Vier Tage lang versuchen die Bewohner des Dorfes Kusavade ihn wieder einzufangen. Hinter der komödiantischen Fassade verbirgt sich ein brisanteres Thema: Gesellschaftliche Angepasstheit und die Freiheit des Einzelnen ringen miteinander. Am Ende siegt das Dorf: Der Freigänger wird wieder dem Joch der Konformität unterworfen. Umesh Kulkarni sagt über The Wild Bull: „Für mich ist der Bulle ein Symbol für einen Freigeist. Das Dorf steht für die Gesellschaft als solche. Es geht darum, wie die Gesellschaft versucht, Freigeister einzuschränken. Das ist der Knackpunkt.“

Kulkarni mit dem dunklen Lockenkopf ist einer der rund 20 vielversprechenden jungen Wilden, die im Neuen Marathi-Kino die Richtung vorgeben. 2011 hat er mit Deool – A Temple seinen dritten Langspielfilm auf die Leinwände des Subkontinents gebracht. Als „big budget Marathi movie“ wirbt der Trailer für den Film. Das ist neu. Big budget und Marathi-Filme waren bisher wie unvereinbare Gegensätze. Dass Marathi-Filme heute wie im Falle von A Temple Produktionskosten von 40 Millionen Rupien (das entspricht circa 614.000 Euro) aufweisen, zeigt die positive Entwicklung des lokalen Filmbusiness in den letzten Jahren. Auch Sachin Kundalkar, Sandkasten- und Studienfreund von Umesh Kulkarni, steht mit beiden Beinen im Marathi-Filmbusiness: Nach Nirop und Restaurant verblüffte er 2010 mit Gandha – The Smell das Publikum, einem Film über Gerüche. Und Paresh Mokashi, 40, auch ein Regisseur, der eng mit Punes feinmaschigem Filmnetzwerk verbändelt ist, begeisterte mit Harishchandra’s Factory (2009), einem Spielfilm, in dem er den Anfängen des indischen Filmschaffens Tribut zollt. Den aktuellsten Coup des Neuen Marathi-Kinos landete der 25-jährige Sujay S. Dahake mit Shala – School (2011). Der Film wirbt als „love story from real India“ für sich: die Geschichte einer Schul-Liebe im Indien während der Notstands-Jahre der siebziger Jahre.

Warum wenden sich die jungen, ambitionierten Filmemacher wie Kulkarni und Co – bisher – nicht der indischen Traumfabrik Bollywood zu, wo Ruhm und Reichtum eher locken als im vergleichsweise mickrigen Marathi-Business? Für Umesh Kulkarni stellt sich die Frage nicht: „Ich werde immer Marathi- und keine Bollywood-Filme machen, weil ich der Meinung bin, dass man sich in keiner anderen Sprache so genau ausdrücken kann wie in der Muttersprache.“ Es geht den jungen Regisseuren – Regie führende Frauen sind in der jungen Generation bisher rar – darum, authentische Geschichten zu erzählen, auf Probleme zu verweisen.
Und das Ganze in einer Sprache mit größtmöglicher Nähe und Vertrautheit. Und man will nicht Wohlfühl-Sehwünsche erfüllen, sondern ganz im Gegenteil auf die Schwierigkeiten in der Gesellschaft hinweisen. Mit dieser Ernsthaftigkeits-Formel kommt das Marathi-Kino mittlerweile auch jenseits von Maharashtra an: Umesh Kulkarnis Vihir – The Well beispielsweise lief 2010 unter anderem auf der Berlinale, und viele Festivalbesucher erkannten erst da, dass aus Indien auch anderes Kino als das Song-and-Dance-Cinema nach Bollywood-Rezeptur kommt. Harishchandra’s Factory tat es A Breath gleich und war 2009 die offizielle indische Einreichung als bester fremdsprachiger Film bei den Academy Awards, und A Temple wurde kürzlich auf dem Rotterdam Film Festival gezeigt.

Spät abends im Prabhat. Balkrishna Bhide schließt sein Office ab. Mit langsamen Schritten durchquert er den Innenhof, nickt den Verkäufern der Prabhat Canteen zu und und steuert sein Mofa an. In der indischen Abendluft mischen sich das hupende Getöse der Blechkarawane draußen und die Musik des noch laufenden Filmes. Bhide knattert durch das Tor, und schon trägt der Verkehrsstrom den alten Herrn mit sich. Wenn auch nicht als großer Regisseur, so hat Balkrishna Bhide doch noch seine Lebensaufgabe im Marathi-Filmbusiness gefunden.

Anna Marie Goretzki
Geboren 1982 in Hessen. Studierte in Heidelberg, Berlin und Barcelona Gesellschaft und Geschichte Südasiens, Neuere Deutsche Literatur und Ethnologie, letzteres mit dem Schwerpunkt Visuelle Anthropologie. Für ihre Magisterarbeit forschte sie in Indien zum regionalen Filmschaffen. Sie lebt als freie Journalistin und Ethnologin in Berlin.