Stoff der Heimat

Filmkritik

Stoff der Heimat

| Günter Pscheider |

Kurzweilige Dokumentation über die Tracht zwischen Tradition und Moderne

Regisseur und Produzent Othmar Schmiderer hat keine Kosten und Mühen gescheut, um dem Phänomen der Tracht im alpenländischen Raum auf den Grund zu gehen. Beinahe in ganz Österreich, dazu noch in Bayern, Südtirol und in der Schweiz hat er Jägerbälle, Gedenkaufmärsche oder Schützenfeste besucht, auf Film gebannt und den bunten Stoff, aus dem die Heimatträume sind, samt dazu gehörigen meist streng choreografierten Bewegungen ins rechte Licht gerückt. Einem Ethnologen gleich nähert er sich dem Forschungsobjekt so neutral wie möglich, obwohl das leichte Unbehagen, das einen urban geprägten Zuseher anhand der erzkonservativen Reputation der Trachtträger beschleicht, den Bildern eingeschrieben scheint und auch verbal thematisiert wird. Der Film bemüht sich auf jeden Fall um Respekt und um Ambivalenz, dechiffriert dennoch elegant die immergleichen Stehsätze der Politiker von der identitätsstiftenden Wirkung der Tracht. Man versteht das Bedürfnis der Menschen nach Zugehörigkeit in einer Zeit der extremen Individualisierung, gleichzeitig wirken die ausführlich dokumentierten Rituale der diversen Schützenkompanien derartig bizarr, dass man jeden Moment erwartet, dass ein Mitglied von Monty Python einen „silly walk“ inmitten der ernst dreinblickenden Jungmänner startet.

Abgesehen von unmotivierten Zeitlupensequenzen ist die erste Hälfte des Films, in der die Tracht als Teil der Identität und Heimatverbundenheit in der Gruppe gezeigt wird, die spannendere, weil der Regisseur hier mehr hinschaut als nachfragt. Danach konzentriert sich die Aufmerksamkeit eher auf die durchaus spannenden geschichtlichen Hintergründe und auf etliche Details, die mehr zum Schmunzeln anregen, als dem Film neue Substanz verleihen. Wir sehen, dass es auch eine schwule Schuhplattlergruppe oder muslimische Trachtenfans mit Kopftuch gibt, erleben die Tracht als Modespektakel mit Hotpants aus Leder und leiden mit Gexi Tostmann, wenn sie das konservative Image der Tracht beklagt, wovon sie aber mit ihrer Marktführerstellung in der Trachtenmode nicht schlecht lebt. Natürlich wird auch gezeigt, wie ein einsamer Bergbauer in mühevoller Kleinarbeit den Stoff walkt, man bekommt ein wenig das Gefühl, der Regisseur hatte eine sorgsam recherchierte „to do“ Liste, die er auch brav abgehakt hat, aber die Vielzahl der Einzelgeschichten ermüdet schließlich eher als neue Erkenntnisse zu bringen. Trotzdem ist Othmar Schmiderer ein großteils kurzweiliger Film über ein Thema gelungen, dass sich in seiner Komplexität durchaus eine filmische Aufarbeitung verdient hat.