Tim Burton und Johnny Depp, Advokaten des Absonderlichen.
Die Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Filmemacher Tim Burton und dem Schauspieler Johnny Depp zählt unter die berühmtesten Arbeitsgemeinschaften der Filmgeschichte; sie gehört in eine Reihe mit Paarungen wie John Ford und John Wayne, Anthony Mann und James Stewart, Martin Scorsese und Robert DeNiro, Federico Fellini und Marcello Mastroianni. Die nunmehr acht Filme, die Depp und Burton im Lauf der Jahre miteinander gemacht haben, reihen sich allesamt ein unter die sehenswertesten in beider jeweiliger Karriere. Eine Erklärung für den Erfolg dieser Zusammenarbeit findet sich gleich im ersten gemeinsamen Film, Edward Scissorhands (1990), denn mit der Entfremdungserfahrung der Titelfigur sowie dem auf der Ebene der Handlung ausgetragenen Konflikt zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung konnten sich seinerzeit sowohl der Regisseur als auch sein Hauptdarsteller identifizieren.
Edward Scissorhands war ein Herzensprojekt, für Depp wie für Burton, und es hat dafür Mut auf beiden Seiten gebraucht. Burton genoss nach dem immens erfolgreichen Batman (1989) kurzzeitig die Narrenfreiheit eines von Hollywood zum Blockbuster-Regisseur domestizierten Mavericks und hatte bei der Besetzung der Hauptrolle seines nächsten Films die Qual der Wahl unter den Top Stars. Unter anderem waren Robert Downey Jr., Tom Hanks, William Hurt und Tom Cruise als Edward im Gespräch. Depp dagegen hatte zwar das Gefühl, Edward in- und auswendig zu kennen, wagte aber kaum darauf zu hoffen, dass die Wahl tatsächlich auf ihn, den Teenie-Schwarm, fallen würde. Der angesagte Regisseur und der angesagte Jungmime trafen sich dennoch und wechselten zwar nicht viele, aber doch ausreichende Worte. Pathetischer: Zwei verwandte Seelen fanden einander. Depp und Burton erkannten sich selbst, ebenso wie den jeweils anderen in der Figur des Edward Scissorhands. Und es war eben der augenscheinliche Widerspruch zwischen seinem Gegenüber und dessen Bild in der Öffentlichkeit, der Burton letztlich davon überzeugte, in Depp den Richtigen für die Rolle zu haben. Der wiederum machte mit Edward Scissorhands seinem Publikum unmissverständlich klar, dass er das verhasste „TV-Boy“-Image, das ihm seine Rolle in der Fernsehserie 21 Jump Street eingebracht hatte, hinter sich zu lassen gedachte. Mit der Rolle des Edward vollzog er den Bruch.
Solidarische Sympathie
Gemeinsam vertreten Burton und Depp seither eine Position, die auf der Wahrnehmung von Film als Kunstform beharrt und gegen eine Charakterisierung als Ware oder reines Unterhaltungsmedium verteidigt. Zugleich richten sie mit ihren wagemutigen Visionen, ihren radikalen Gegenentwürfen dem Anderen einen Ort in der Welt ein. Indem sie zum Beispiel in ihrem nächsten gemeinsamen Film, Ed Wood (1994), dem legendären Regisseur des nicht minder legendären schlechtesten Films aller Zeiten (Plan 9 from Outer Space, 1956), Edward D. Wood Jr. (1924–1978), ein Denkmal setzen. Woods Werke genießen unter Genreliebhabern Kultstatus, weil in ihnen ein unbedingter kreativer Wille und eine Fabulierlust zum Ausdruck kommen, die sich keinen Deut um Konventionen scheren. Eben dies imponierte Burton, er macht sich daher über den Regisseur auch nicht lustig, sondern schildert ihn voll solidarischer Sympathie. Und Depp konzentriert sich in seiner Rollenkonzeption darauf, einen Charakter zu entwerfen, der die unerschütterliche Stehaufmännchen-Qualität des realen Vorbildes wie in einem Brennglas einfängt. Im Gegensatz zum introvertierten, melancholischen Scherenhände-Edward ist der hier in Rede stehende Ed eine extrovertierte, offensiv-optimistische Figur.
1999 folgt Sleepy Hollow, nach Washington Irvings Kurzgeschichte „The Legend of Sleepy Hollow“ (1819), eine Hommage an das britische Hammer-Studio, insbesondere dessen Horrorfilme der fünziger und sechziger Jahre, die den Konflikt zwischen wissenschaftlicher Methodik und rationalen Überlegungen einerseits und Aberglaube und Gottesfurcht andererseits verhandelt. Dazu passend und angemessen übt sich Depp als Constable Ichabod Crane, nach Sleepy Hollow entsandt, um dort eine Reihe von Enthauptungen aufzuklären, sichtbar vergnügt in der hohen Kunst der gleichzeitigen Darstellung widerstreitender Empfindungen.
Gestörtes Vater-Sohn-Verhältnis
2005 erfindet Burton in Charlie and the Chocolate Factory, seiner Adaption des berühmten gleichnamigen Kinderbuchs (1964) von Roald Dahl, unter großem Risiko für deren Konsistenz dem exzentrischen Chocolatier Willy Wonka eine Kindheitsgeschichte und stattet diesen darin mit einer Zahnspange aus, die in ihrer Hinderlichkeit an Edwards Scherenhände erinnert. Und Depp lässt in die egozentrische Grandezza des Wonka fast unmerklich die scheue Zutraulichkeit und tiefe Einsamkeit seines Edward einfließen. Burton, der sich mit diesem Film nicht zum ersten Mal an einem autobiografisch motivierten, gestörten Vater-Sohn-Verhältnis abarbeitet, gönnt mit Wonka auch dem einsamsten seiner Geschöpfe, dem in Depp aufgehobenen Edward, das Glück der Wiedervereinigung mit dem Vater. In einer anrührend zärtlichen Schlussszene, die noch schöner wird, wenn man sich an der Seite Christopher Lees, der Willys Vater spielt, dessen großen Kollegen Vincent Price vorzustellen vermag, der den Erfinder Edwards spielte.
Und auch im Titelhelden der Burton’schen Filmfassung des Musicals Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street (2007) von Stephen Sondheim will etwas von Edward aufscheinen. Wenn der Barbier, zurückgekehrt aus der Verbannung, mit der Rasierklinge in der Hand triumphierend verkündet: „At last – my arm is complete again!“ Und wenn er diese Klinge in der Folge vergleichbar virtuos an den Kehlen seiner Kunden handhabt wie Edward seine Scheren an Hecken und Haaren. Sweeney könnte auch Edwards dämonischer Bruder sein. Depp beweist in dieser Rolle sein bedingungsloses Vertrauen zu Burton, indem er sich mit einer der schwierigsten Gesangspartien des Musical-Genres anlegt – und, gerade weil seine Stimme keine ausgebildete und nicht perfekt ist, triumphiert.
Als Mad Hatter lässt er sich sodann in Alice in Wonderland (2010), Burtons visuell überbordender Aneignung von Lewis Carrolls Nonsensmärchen, die Zügel schießen. Er sorgt für Wahnsinn und rebellische Hysterie, während es Burton mit einer Mischung aus Computeranimation und Realfilm gelingt, eines der die Vorlage bestimmenden Themen, das der „falschen Proportionen“, irritierend eindrücklich werden zu lassen. Es steckt in diesen Bildern der Kampfgeist einer fantastischen Welt, die seinerzeit als radikaler Gegenentwurf zum rational geprägten viktorianischen England entstand. Chaos und Anarchie triumphieren über kleinkrämerischen Ordnungssinn.
Aussenseiter im Zentrum
Es ist ein ganz eigenes und auch recht eigentümliches Universum, an dem Tim Burton und Johnny Depp arbeiten. In ihren Filmen findet sich eine wilde, verkehrte Welt gestaltet, die noch innerhalb des Genres des Fantastischen, in dem sie entsteht, einen singulären Platz einnimmt. Eine Parallel-Welt, in der ein konsequenter Perspektiv-Wechsel vollzogen wird: Die Blickrichtung des Außenseiters, des Randständigen, des Nicht-Normalen wird in ihr zur zentralen Blickrichtung des Films. Das Phantastische behauptet sich auf diese Weise mit Nachdruck als normativ und realitätsmächtig. Diese Umkehrung der Verhältnisse ist krass, aber sie entspricht der Vorstellungswelt von Burton und Depp, die in ihren Kollaborationen das vermeintlich Abseitige mit freundlicher Lebendigkeit füllen, während sie den Erscheinungen des vermeintlich Normalen jede Alltäglichkeit austreiben und seine Zwanghaftigkeit und seinen Konformitätsdruck entlarven. Wie in Edward Scissorhands, in dem sich die Kleinbürger im Pastellstädtchen als die eigentlichen Monster herausstellen. Wie in Corpse Bride (2005) – Depp gibt in diesem Stop-Motion-Animationsfilm sein Debüt als Sprecher der Trickfigur Victor –, in dem die von familiären Zwängen bestimmte, gräuliche Welt der Lebenden so viel erstarrter wirkt als die fröhlich-bunte der ausgelassen feiernden Leichen. Wie in Ed Wood, in dem die Hauptfigur das Verdikt, sie mache schlechte Filme, einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Und in dem zudem ein schöner Satz fällt, der sich auf das beziehen lässt, was sowohl die Arbeit von Tim Burton wie die von Johnny Depp in ihrem Innersten zusammenhält. Kein geringerer als Orson Welles sagt ihn zum geknickten Filmemacher Wood und richtet ihn damit wieder auf: „Visions are worth fighting for. Why spend your life making someone else’s dreams?”
Nun also Dark Shadows, der auf der gleichnamigen „Gothic Soap Opera“ basiert, die von 1966 bis 1971 im US-amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Burton erzählt darin die Geschichte des Vampirs Barnabas Collins (Depp), der nach 200 Jahren Gefangenschaft auf sein herrschaftliches Anwesen Collinwood Manor in Maine zurückkehrt, das Familienunternehmen ruiniert und seine dort hausende Nachkommenschaft in allen erdenklichen Zuständen der Dysfunktionalität vorfindet. Dann taucht auch noch die Hexe auf, die ihn seinerzeit verflucht hat. Das kann ja heiter werden.
