Xanadu

TV-Serie

Zwischen den Beinen

| Alexandra Seitz |

Rares Highlight europäischen TV-Serien-Schaffens: „Xanadu“ von Séverine Bosschem durchleuchtet ein bröckelndes Erotik-Familien-Imperium.

Xanadu – der mythische Ort, der Coleridge im Opium-Rausch erschien, der Pleasure Dome, in dem die Band Frankie Goes To Hollywood willkommen hieß, die Sommerresidenz Kublai Khans, das Märchenschloss Citizen Kanes … Xanadu hat auch schon bessere Zeiten gesehen.

Alex Valadine, alternder Patriarch des bröckelnden Erotik-Imperiums gleichen Namens, tut sich schwer damit, die Zeichen der Zeit zu akzeptieren und die Zügel aus der Hand zu geben. Nominell führt zwar bereits sein ältester Sohn Laurent die Geschäfte, Alex aber, nach Art der Väter, hält diesen für unfähig, weiß immer alles besser und mischt sich permanent ein. Und der verantwortungsbewusste, hilfsbereite und eigentlich grundgute Laurent, der zuhause unter dem Pantoffel seiner herrischen Frau steht und auch von seiner Tochter nur verächtlich angesehen wird, wagt kaum einmal zu widersprechen. Er nimmt die Dauer-Demontage durch seine Familie hin. Bis er eines Abends schließlich aus reiner Resignation heraus explodiert. Kein schöner Anblick.

Auf Laurents Ausbruch folgt am Ende der ersten Episode der französischen Fernsehserie Xanadu ein weiterer, unvorhergesehenerer, blutigerer. Dieser schickt Laurent ins Koma und verteilt die Rollen neu: Auftritt Laurents Schwester Sarah, die mit ihrer Tochter Marine eben aus Kanada zurückgekehrt ist. Das Spiel kann beginnen, die Würfel sind gefallen.

Sarah macht Alex für den Tod der Mutter verantwortlich, seit Jahren haben sie nicht mehr miteinander gesprochen. Nun holt der Vater die Tochter wieder ins Boot, widerwillig, und die, widerwillig, und auch, weil sie keine andere Perspektive hat, beginnt damit, sich einzuarbeiten. Dann ist da noch Lapo, der Jüngste, das Nesthäkchen, schwer durchgeknallt. Er sieht aus wie der junge Johnny Rotten und nimmt die Sonnenbrille nicht mal im Bett ab – da erst recht nicht, denn in dieser Sonnenbrille steckt eine Kamera und mit ihr nimmt Lapo POV-Gonzo-Pornos fürs Internet auf. Sie wissen schon, diese Point-of-View-Ficks durch Nachtsichtgeräte, in denen die Mädchen aussehen wie Maden oder Molche oder was sich sonst so unter einem umgedrehten Stein finden mag; grünlich-gelb phosphoreszierende Haut und stechend schwarze Augen: das Porno- als natürlicher Verwandter des Horror-Genres.

Besetzungscouch, Lotterbett, Arbeitsplatz, Wolke 7

Die von Séverine Bosschem erdachte, von Jean-Philippe Amar und Daniel Grou inszenierte, vom deutsch-französischen Kultursender ARTE produzierte und vom 30. April bis zum 21. Mai 2011 ebendort ausgestrahlte Serie Xanadu ist eine Familienserie. Vergleichbar etwa mit Dallas oder The Onedin Line erzählt auch Xanadu die Geschichte eines Familienunternehmens sowie, darüber vermittelt, einen Ausschnitt aus der Geschichte eines Industriezweigs. Allerdings ist Xanadu keine Serie für die ganze Familie. Das liegt auf der Hand. Von der Pornoindustrie zu erzählen, indem man von einem Familienunternehmen erzählt, das Pornofilme produziert, ist zunächst einmal eine gewagte Idee. Und im Weiteren keineswegs so witzig, wie es sich zunächst anhört. Nein, das Lachen vergeht einem spätestens, wenn in einer Rückblende ein Blick ins Kinderzimmer von Laurent, Sarah und Lapo geworfen wird, in dem die Barbiepuppen die Kamasutra-Variante des Stellungskrieges spielen und eine Sex-Puppe statt an einem Schwanz an einer G.I.Joe-Figur würgt. Es ist, als habe Bosschem die von Paul Thomas Anderson in Boogie Nights vertretene Idee der Porno-Familie beim Wort genommen und in einer zugespitzten Variante auf ihre Realitäts­tauglichkeit hin überprüft.

Hauptschauplatz der Handlung ist ein imposantes Herrenhaus inmitten eines weitläufigen Anwesens irgendwo in Frankreich, in dessen Erdgeschoß sich die Produktionsfirma und die Studios befinden, und in dessen oberen Stockwerken die Familie Valadine residiert (und durchaus auch mal gastierende Porno-Starlets unterkommen). Leben und arbeiten am selben Ort – ideale Bedingungen, möchte man meinen. Was aber macht es mit den Psychen von Kindern, wenn sie in ihrem Zuhause immer wieder Frauen begegnen, die, so Sarah, „derart durchgefickt wurden, dass sie kaum mehr laufen konnten“? Und wenn unter diesen Frauen mitunter sogar die eigene Mutter ist?

Erregend wird es, wenn etwas schiefgeht

Die Firma Xanadu müsste den Sprung ins 21. Jahrhundert wagen, müsste sich der Konkurrenz durch Gonzo-Porno, Internet und Callcenter stellen, müsste aufwachen aus ihrem feuchten Dornröschentraum. Stattdessen ist Xanadu das Mausoleum seines vormaligen Stars, Porno-Queen Elise Jess, Alex’ Muse, Ehefrau und Mutter von Laurent, Sarah und Lapo. Elise Jess, die zu Beginn jeder Folge in Ausschnitten aus einem nie fertig gestellten Dokumentarfilm zu sehen ist, schwebt zunächst wie ein Geist über den Wassern. Eine schmerzliche Erinnerung an ein nie aufgeklärtes Verschwinden, von dem Elises, mit obszönen Zeichnungen von „Fans“ verunzierte, leere Grabstelle auf einem Friedhof zeugt. Aufgrund ihrer gespenstischen Präsenz, die ein Familientrauma signalisiert und die Wiederkehr des Verdrängten ankündigt, verändert sich im Verlauf der acht Folgen, auf die Xanadu es gebracht hat, der Fokus. Während im Vordergrund der Kampf um Erneuerung und Modernisierung der Firma, sprich: die eigentliche Handlung, tobt, gewinnt im Hintergrund die Frage nach den Gründen für die psychische Verfasstheit der Agierenden an Dimension, Farbe und Gewicht.

Anders gesagt: Was macht das Porno-Business mit seinen Arbeitern? Welche Strategien wenden diese an, um der Preisgabe ihres Körpers nicht auch noch die ihrer Seele folgen lassen zu müssen? Und welchen Preis haben wiederum diese Strategien?

Dieses – formal psychedelisch und leicht schielend ausfallende – Augenmerk auf die Psychologie des Gesamtzusammenhangs öffnet die Narration der Serie für eine Verwischung der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, für perverse ebenso wie unwahrscheinliche Zuspitzungen. Es hat mitunter abrupte, elliptische Sprünge zur Folge, lässt erratisches Verhalten und Ereignisse zu und es ermöglicht den Figuren, ihr Innenleben in die Außenwelt zu tragen und dort nachdrücklich und mit allen unerquicklichen Folgen zu behaupten.

Nicht zuletzt entwirft Xanadu natürlich auch sinnliche Bildwelten. Freilich weniger in jenen Szenen, die US-Porno-Profi Vanessa Body oder Shooting Star – nomen est omen – Brendon Hardon bei der Arbeit zeigen. Erregend wird es vielmehr, wenn bei der Bilderproduktion – die vom viralen Celebrity-Sex-Tape über das Verkehr-während-der-Schwangerschaft-Video bis zum 3D-Slasher-Porno reicht – etwas schief geht. Wenn er den Cum-Shot vermasselt, wenn sie sich im Akt verliert, wenn Zuneigung und Interesse sich einschleichen, ein Gedanke übers Gesicht huscht, ein Gefühl sichtbar wird. Abfallprodukte, die keinen Eingang fänden in die zu vermarktende Ware, dafür aber Platz haben in einer Serie, die hinter die Kulissen blickt – und dort dann Genuss, Lust, Leidenschaft, Überwältigung und Entgrenzung (er)findet.

Es wird niemanden wundern, dass auch Xanadu jenes bedauerlich übliche Schicksal ereilte, das heutzutage mutiges und anspruchsvolles europäisches Fernsehen trifft: Auf die zweite Staffel können wir ebenso lange warten wie auf guten Porno.