Äußerst sehenswerte, weil Diskussionen zum Thema Kindesmissbrauch anstoßende Familienstudie
Schwarzblende. Zunächst die Stimme eines älteren Mannes: „Ich möchte dir gern beim Duschen zuschauen. Du trocknest dich nicht ab. Du setzt dich auf meinen Schoß. Dann trockne ich dich ab. Ich möchte deinen Körper streicheln. Dabei möchte ich dich Lydia nennen.“ Dann die Hand des Mannes, der diese Handlungsanweisung an eine Prostituierte zu Papier bringt. Und zu den Klängen von „Voyage Voyage“ der 80er-Synthiepop-Band
Desireless ein erstes Tableau des Ortes, an dem das Geschehen sich abspielt: ein Werkstatt-Container an der Zufahrt eines Einfamilienhauses, der wie eine in die idyllische Landschaft gewürfelte Blackbox wirkt – ein dunkles Geheimnis bergend, das Bernhard, der Sohn des Mannes, der Bruder von Lydia, lüften und mit einer Reise in die Vergangenheit die heile Welt der Familie zerstören wird.
So beginnt Stillleben, ein mutiger Film von Sebastian Meise und Thomas Reider, der sich auf produktive Weise mit dem Thema Pädophilie beschäftigt. Mit Bernhard gemeinsam scheint das Publikum hier einem auf die Schliche zu kommen, der sich an der eigenen Tochter vergangen hat, aber erfahren wir mehr über diesen oder über unsere eigenen Vorurteile? Die Sprachlosigkeit der vier Köpfe einer klassischen Kernfamilie, Scham und Schuldgefühle, das Aufbrechen von Wunden aus der Kindheit, all dies zeigt Stillleben in gnadenloser Formstarre und Hell-Dunkel-Dramaturgie. Und am Ende wieder „Voyage Voyage“, diesmal intimer, fragiler vorgetragen von Soap&Skin-Sängerin Anja Plaschg, die auch die Prostituierte spielt.
Zurecht wurden Stillleben mehrere Preise auf der Diagonale zuerkannt, darunter der Kamera-Preis für Gerald Kerkletz und der Hauptpreis für den besten österreichischen Spielfilm. Ebenso sehenswert ist der im Zuge der Recherchen zu dem Projekt entstandene, sensible Langzeitdokumentarfilm Outing, in dem ein sympathischer junger Mann offen über seine pädophile Neigung spricht – und man dabei zusieht, wie seine selbst gesteckten moralischen Grenzen im Umgang mit Kindern sich allmählich verschieben. Beide Filme zusammen sind dazu geeignet, tabulose Diskussionen über eines der entscheidenden (Zukunfts-)Themen unserer Gesellschaft anzustoßen – über die Vermeidung der hinlänglich nachgewiesenen „Vererbung“ kindlicher Missbrauchserfahrungen über Generationen hinweg, ohne Menschen mit pädophilen Neigungen zu Monstern erklären und wegsperren zu müssen.
