Sommerlich leichter Coming-of-Age-Film um eine Zehnjährige, die gern ein Junge wäre
Eine Familie zieht um. Das ältere der beiden Kinder lässt bei der Autofahrt sein Haar im Wind wehen, darf später selbst neben dem Vater den Wagen lenken. In der neuen Wohnung tollt es mit dem Vater herum, der zum Pokern auffordert. Dann erkundet man die Gegend, trifft auf die ebenfalls etwa zehnjährige Lisa und der Neuankömmling stellt sich als Michaël vor.
Geschickt lässt Céline Sciamma bei dieser Exposition den Zuschauer rund zehn Minuten lang über das Geschlecht der Protagonistin (Zoé Héran) im Ungewissen. Nicht nur das knabenhafte Aussehen, sondern auch Gesten und Verhalten legen nahe, dass es sich um einen Jungen handelt. Doch dann spricht die Mutter sie als „Laure“ an und für Eindeutigkeit sorgt eine Einstellung, in der das Mädchen aus der Badewanne steigt. Das neue Umfeld und die Sommerferien, in denen man noch nicht durch die Bürokratie der Schule klar festgeschrieben ist, schaffen für Laure aber Freiheiten. Hier kann sie die Jungenrolle, die ihr Lisa bei der ersten Begegnung zugeschrieben hat, weitertreiben.
Denn Laure ist ein so genannter Tomboy, ein Mädchen, das sich entsprechend der gängigen Geschlechterrollen von Jungs verhält. Viel lieber als mit Puppen spielt sie mit den „anderen“ Jungs Fußball oder misst mit ihnen ihre Kräfte im Freibad. Damit ihr wahres Geschlecht nicht auffliegt, muss sie aber Tricks entwickeln, muss den Badeanzug umschneidern und in der engen Badehose mit Plastilin nachhelfen, um als Junge durchzugehen. Auf Dauer kann dieses Spiel freilich nicht gut gehen, früher oder später muss die Wahrheit ans Licht kommen. Eng, auf die elterliche Wohnung und die Kontakte mit den neuen Freunden beschränkt, führt die 31-jährige französische Regisseurin die Handlung. Die Kamera ist nah dran an der mit Zoé Heran schon rein physiognomisch ideal besetzten Laure und ihren Spielgefährten. Ganz auf Augenhöhe der wunderbar natürlich agierenden Jugendlichen begibt sich Sciamma so und macht im Changieren zwischen der Jungenrolle, die Laure spielt, und der Mädchenrolle im Kreis der Familie einfühlsam ihre Zerrissenheit erfahrbar.
Doch trotz dieses ernsten Themas kommt Tomboy federleicht daher. Dafür sorgt nicht nur die Sommerstimmung, die ein Gefühl der Freiheit vermittelt, sondern auch die sichere Balance zwischen Spannung und Witz. Denn einerseits dreht Sciamma kontinuierlich an der Schraube der drohenden Entdeckung der Wahrheit, andererseits haben die stets neuen Vertuschungs-techniken Laures beträchtliches komisches Potenzial.
