Die schöne neue Arbeitswelt, in ihrer ganz normalen Entsetzlichkeit dokumentiert
Change Management Meetings, Effizienzoptimierungsgespräche, Human Capital Management Software, Potenzialanalyse: Die Vokabeln der modernen Unternehmenskommunikation könnten viel versprechender kaum klingen. In diesem Film freilich werden sie ihrer begriffskreativen Hülle entkleidet, als hohle Phrasen entlarvt, und darunter kommt wenig Greifbares zum Vorschein. Carmen Losmann hat die Orte, „wo Zukunft schon heute passiert“, besucht, hat hinter Stahl-Glas-Fassaden geschaut, wo Legionen „auf ganz spezifische Bedürfnisse zugeschnittene“ Büroarbeitsplätze auf ihre temporäre Befüllung durch ultraflexible Fachkräfte warten, war beim Teambuilding durch Outdoor-Training in einem Klettergarten in der Lüneburger Heide inklusive anschließender Erfolgsbewertung dabei. Dazwischen hält sie die Kamera gemächlich auf leere Flure, verstellbare Trennwand-Kaffeeküchen und seelenlose Büros – Jacques Tatis Playtime lässt grüßen.
Auch wenn die junge Dokumentaristin in schönem Kontrast zum Breitwand-Format betont nüchtern aufzeichnet, was ihr an Mitarbeitergesprächen vorgeführt und an Optimierungsmonologen aufgesagt wird: Welcher Homo functionalis hier kreiert werden soll, ist bedrückend bis erschreckend – dazu braucht es keinen erklärenden Off-Kommentar. In den eindrücklichsten Sequenzen des Films bewirbt sich ein junger, ganz offensichtlich sehr ehrgeiziger Mann um einen höheren Posten in seinem Unternehmen. Befragt wird er von einer freundlichen Interviewerin, die als externer Consulting Profi hinzugezogen wurde, zwei Herren des Unternehmens sitzen bei. Wie sich nun die Herzlichkeit der Beraterin als zähnefletschende entschleiert, wie hinter der aufgesetzt gutgelaunten Fassade des Mitarbeiters immer deutlicher Nervosität und Unwohlsein sichtbar wird, das ist geradezu schmerzhaft anzuschauen. Sagt die Schlange zum Kaninchen: ein wenig mehr Lockerheit, bitte!
Eine andere, authentisch wirkende Mitarbeiterin, die gern und oft lacht, wird von derselben Beraterin am Ende ihrer Stärken-Schwächen-Analyse zurechtgestutzt. Ihr Lachen könne auf andere verstörend wirken, wird ihr beschieden. Mehr ist ja auch gar nicht nötig, dass der Mitarbeiterin das Lachen vergeht. In aller professionellen Zuwendung, getarnt durch Pseudo-Behaglichkeit, arbeitet man in den Bürozellentempeln der schönen neuen Arbeitswelt an der Zurichtung des Menschen zur personellen Verschubmasse ohne eigenes Profil, an der Modellierung einer Armee beliebig einsetzbarer Ameisen, die nichts für sich selbst, aber alles für den Arbeitgeber wollen. In ihrem zurecht mehrfach preisgekrönten, gesellschaftspolitisch hochrelevanten Film legt Carmen Losmann den wahren Charakter des Begriffs „Change Management“ offen.
