Am 30. September jährt sich zum 60. Mal die Premiere des Großformat-Films „This Is Cinerama“ . Er stellte eine neue, bis dahin noch nie gesehene und gehörte Bild- und Tontechnik vor, die die Präsentation von Filmen für immer veränderte.
Bereits 1781 präsentierte der Franzose Philippe-Jacques de Loutherbourg erstmals seine Erfindung „Eidophusikon“ (Wolkentheater), eine Serie von gemalten Landschaften, die auf einer Bühne mittels Bild, Licht und Ton das Publikum in ihren Bann zogen. Über zehn Jahre später hatte der schottische Porträtmaler Robert Barker die Idee, seine Bilder in 360-Grad-Ansichten zu malen, die er unter dem Titel „Panorama“ Galerien und Museen anbot. Die Beliebtheit dieser Panoramen zog zahlreiche Nachahmer in Paris, Berlin, Moskau und Amerika nach sich. Ernsthafte Konkurrenz erwuchs ihnen 1822 durch den Franzosen Louis Jacques Mandé Daguerre, der in Paris sein „Diorama“ vorstellte. Riesige, auf durchsichtigem Material im Format Diorama gemalte Bilder erzeugten zusammen mit mechanischen Tricks und entsprechender Beleuchtung (Kunst- und Tageslicht) auf der Vorder- und Rückseite verschiedene Illusionen. Wie Barker war Daguerre bestrebt, das Publikum in einen magischen Bildertrip zu entführen, bei dem sich außerdem die Bühne langsam um die Bilder bewegte. Daguerres „Diorama“, das bereits spätere Vergnügungspark-Attraktionen vorwegnahm, überlebte bis zum Tod seines Erfinders 1851. Bis heute, allerdings in einfachster Form, finden sich „Diorama“-Gemälde noch in Museen und Ausstellungsräumen, wie z.B. im belgischen Waterloo.
Nach dem Ende von „Diorama“ entwickelte man neue Präsentationsmöglichkeiten der berühmten „Laterna Magica“, indem man mittels Projektor ebenfalls gemalte Bilder auf 360-Grad-Leinwände projizierte. Abgelöst wurde dieses System wiederum durch eine Erfindung eines Franzosen. Raoul Grimoin Sanson, der 1895 bereits mit Filmkameras und Projektoren experimentierte, stellte bei der Weltausstellung in Paris 1900 sein sensationelles „Cineorama“-System vor, das Luftaufnahmen von Paris (gefilmt aus einem Ballon) zeigte, die mit zehn parallel geschalteten 35mm-Kameras gefilmt und mittels ebenfalls zehn parallel geschalteten Filmprojektoren auf eine 360-Grad-Leinwand projiziert wurden, die rund um eine Plattform in Form eines Ballonkorbes angebracht war. Die Vorstellungen wurden allerdings nach drei Tagen wegen feuerpolizeilicher Anordnungen wieder eingestellt. Man befürchtete, dass es durch die Hitze der Projektoren zu Bränden kommen könnte. Weitaus ungefährlicher dagegen waren Vorführungen der Gebrüder Lumière, die einen speziellen 75mm-Film auf einer überdimensionalen Leinwand präsentierten.
Die Geburtsstunde von Cinerama
Erst 1925 entschied sich Abel Gance wieder, mit mehreren Kameras gleichzeitig zu drehen, als er in Paris mit den Dreharbeiten zu seinem ursprünglich sechsteiligen Stummfilm-Epos Napoleon (1925–1927) begann. Wegen finanzieller Schwierigkeiten und des Aufkommens des Tonfilms blieb es bei einem Teil, der aber mit der Attraktion von zwei längeren, mit drei 35mm-Kameras gleichzeitig gedrehten Szenen (Tryptichon) und einem Soundtrack des Komponisten Arthur Honegger aufwarten konnte. Gerade diese zwei Sequenzen in „Polyvision“, wie Gance seine Technik, die er mit André Debrie entwickelt hatte, nannte und mit drei Projektoren auf eine spezielle Leinwand projizierte, nahm Fred Waller, der Leiter der Special-Effects-Abteilung bei Paramount, zum Anlass, für die Weltausstellung 1939 in New York ein neues Filmprojektions-System zu entwickeln, das mit nicht weniger als elf 16mm-Kameras und der gleichen Anzahl von Projektoren arbeitete. Unter dem Namen „Vitarama“ kamen verschiedene Dokumentarfilme zur Aufführung. Es blieb aber bei diesem einmaligen Versuch. In reduzierter Form – fünf 35mm-Kameras/fünf 35mm-Projektoren (zwei projizierten an die Decke, die anderen drei nach vorne) – entwickelte Waller 1940 während des Zweiten Weltkriegs unter dem Namen „Waller Flexible Gunnery Trainer“ für das Militär einen Flugsimulator – ähnlich heutigen Videospielen –, um angehenden Piloten zu ermöglichen, mittels Spielzeug-Kanonen Treffer auf Flugzeuge zu „üben“.
Nach Kriegsende gründete Waller die Cinerama Corporation, um sein Drei-Kameras-drei-Projektoren-System zu perfektionieren. Kurioserweise kam ihm der Beginn des Fernsehzeitalters mehr als recht. Waren in den USA bis 1945 erst 4500 Geräte im Umlauf, die meisten davon in Bars, stieg der Verkauf bereits 1950 auf elf Millionen Geräte. Potenzielle Kinogeher blieben in Scharen zu Hause. Während 1946 noch 80 Millionen Amerikaner wöchentlich ins Kino gingen, waren es 1950 nur mehr 60 Millionen. Mit Bibelfilmen, historischen Themen, Musicals und neuen Techniken versuchte man das Publikum zurückzugewinnen. Fred Wallers mittlerweile ausgereiftes „Cinerama“-System war das erste, das für Furore und volle Kassen sorgte. Mit This Is Cinerama (1952) entstand ein knapp zweistündiger Reisefilm, der die Zuschauer in atemberaubenden Bildern an die schönsten Plätze der Welt brachte: u.a. nach Venedig, Mailand, Schottland, Spanien und nach Wien! Gefilmt wurde mit drei 35mm-Kameras, projiziert mit drei 35mm-Projektoren auf eine riesige gekrümmte Leinwand, untermalt von bombastischem Sound in Sieben-Kanal-Magnetton (erstmals zu hören bei Disneys Fantasia, 1940). Der Film erwies sich in den USA, obwohl vorerst nur in New York gezeigt, in kürzester Zeit als Film des Jahres. Fred Waller und sein Produzent Merian C. Cooper (King Kong) gewannen außerdem je einen Ehren-Oscar für Innovation und Technik.
In Europa wurde der Film relativ spät gezeigt, weil eigene Kinos dafür adaptiert werden mussten: 1954 lief er in London, 1955 in Paris, 1959 in Deutschland, allerdings nicht in Österreich, obwohl eine längere Sequenz des Films mit den Wiener Sängerknaben in Wien vor dem Burgtheater spielte.
Aufstieg und Niedergang
Irritiert durch den Erfolg von This Is Cinerama, der von der „unabhängigen“ Produktionsfirma auch noch selbst verliehen wurde, ließ die mächtige Konkurrenz nicht lange auf sich warten. Twentieth Century Fox entschloss sich, die vom Franzosen Henri Chretien bereits in den zwanziger Jahren entwickelte CinemaScope-Optik zu übernehmen, um Filmbilder in einem Format von 2,55:1 inklusive Vier-Kanal-Magnetton auf großen Leinwänden zeigen zu können. Mit dem ersten in dieser Technik gedrehten Film, The Robe (1953) mit Richard Burton, offerierte man nicht nur einen der beliebten Bibel-Filme sondern auch gleich eine neue Filmtechnik, die in mehr Kinos präsentiert werden konnte als Cinerama. Ein Jahr später folgte Paramount mit dem Musical White Christmas mit Bing Crosby, gedreht im eigens entwickelten System „VistaVision“.
Unbeeindruckt von den Bestrebungen der großen Studios, mit eigenen großformatigen Filmen zu punkten, produzierte Cinerama mit Cinerama Holiday (1955) den nächsten Reisefilm, der zwei junge Paare auf ihren Reisen durch Europa bzw. Amerika begleitete. Obwohl der Film neben Disneys erstem Cinema-Scope-Trickfilm Lady and the Tramp erfolgreich in den Kinos lief, waren Kritiker mit der Technik von Cinerama nicht mehr gänzlich zufrieden. Bereits verwöhnt durch CinemaScope, VistaVision und das mit Fred Zinnemanns Musical Oklahoma vorgestellte 70mm-Format Todd-AO, empfand man nun die drei nicht immer perfekt synchron projizierten Filmteile als störend. 1956 kamen weitere beachtenswerte Widescreen-Filme in die Kinos: The Ten Commandments in VistaVision, Around the World in 80 Days in 70mm-Todd-AO und Seven Wonders of the World, der letzte erfolgreiche Reisefilm in Cinerama. Obwohl noch immer mit mehr als beeindruckenden Bildern aufwartend, konnten weder weitere Reisefilme wie Search for Paradise (1957) noch Cinerama South Seas Adventure (1958) an die Erfolge der
Anfangsjahre anschließen.
Cinerama bekam überdies unerwartete Konkurrenz aus der Sowjetunion. 1958 drängte man mit der Kinotechnik „Kinopanorama“ auf den Markt. Zusätzlich ausgestattet mit Neun-Kanal-Magnetton produzierte man bis Mitte der sechziger Jahre zahlreiche Dokumentarfilme ganz im Stil von Cinerama. Ein Zusammenschnitt aus den Filmen Great is My Country (1958) und The Enchanted Mirror (1958) kam 1961 unter dem Titel Zwischen Nordpol und Krim auch in einige wenige deutsche
Kinos. Windjammer: The Voyage of the Christian Radich (1958) im neugeschaffenen System „Cinemiracle“ war dagegen die einzige amerikanische Antwort des Produzenten Louis De Rochemont III auf Cinerama und lief als erster Drei-Streifen-Film noch Jahre vor This Is Cinerama in den deutschen Kinos.
Um dem nachlassenden Interesse an Cinerama-Filmen zu begegnen, entschied man sich, mit dem Hollywood-Studio MGM eine Zweck-Gemeinschaft einzugehen und zwei Spielfilme zu produzieren. Während die erste Produktion The Wonderful World of the Brothers Grimm (1962) von George Pal eher lau aufgenommen wurde, entstand mit How the West Was Won (1962) einer der größten und bekanntesten Western Hollywoods, bei dem man alles aufbot, was Rang und Namen hatte: Top-Regisseure wie John Ford, George Marshall und Henry Hathaway sowie Stars wie James Stewart, Gregory Peck, John Wayne, Henry Fonda, Karl Malden, George Peppard, Eli Wallach, Raymond Massey und Spencer Tracy als Sprecher. Der Film war zwar weit entfernt von den früheren Dokumentarfilmen, wurde aber doch zum Kassenschlager.
Noch kurz vor dem Ende des für Kinobesitzer zu aufwändigen Systems, für das man zahlreiche Vorführer und Tontechniker benötigte, kamen 1962 ein Zusammenschnitt der besten Cinerama-Filme unter dem Titel The Best of Cinerama und 1966 ein Kompilationsfilm mit russischem Kinopanorama-Material unter dem Titel Cinerama’s Russian Adventure in die Kinos.
Cinerama war Geschichte. Seit einigen Jahren jedoch erfreut sich das von wahren Film-Freaks nie vergessene System neuer und immer größerer Beliebtheit: Drei Kinos, je eines in Seattle, Los Angeles und im englischen Bradford, sind technisch in der Lage, die alten Filme adäquat und originalgetreu wiederzugeben, außerdem initiierte der amerikanische Filmfan und Cutter David Strohmaier, der auch eine abendfüllende Dokumentation zur Geschichte von Cinerama drehte, die Restaurierung aller Cinerama-Filme in brillanter Bild- und Tontechnik, um sie so einer neuen Generation von Filminteressierten zugänglich zu machen. Zum 60-Jahre-Jubiläum von Cinerama zelebriert man nun von 28. September bis 4. Oktober im Cinerama Dome in Los Angeles eine Retrospektive mit allen restaurierten Filmen. Cinerama is back!
