Asghar Farhadi im Gespräch
Nach dem Goldenen Bären und einem Oscar für Nader und Simin – Eine Trennung bleibt der iranische Regisseur Asghar Farhadi seinem Thema treu. Der Schauplatz seines neuen Beziehungsdramas Le Passé allerdings ist diesmal Paris. Erzählt wird von einem iranischen Ehemann, der nach Frankreich kommt, um die Scheidungspapiere zu unterzeichen. Der kurze Aufenthalt entwickelt sich indes zu einem spannenden Drama voller Überraschungen. Hauptdarstellerin Bérénice Bejo bekam in Cannes die Goldene Palme als beste Schauspielerin.
Wie bei Ihrem letzten Film geht es wieder um eine Trennung. Was interessiert Sie so besonders an diesem Thema?
Die Geschichten kommen ganz automatisch zu mir, das ist ein völlig unbewusster Prozess. Am Anfang ist mir nie klar, worüber genau ich schreibe. Erst später, mit Abstand, wurden mir die Zusammenhänge zum vorigen Film deutlich, nämlich, dass sich alles wieder um das Thema Familie dreht. Bei Familien kann man am kleinen Modell demonstrieren, was in der Gesellschaft geschieht. Am Beispiel von Beziehungen lassen sich Strukturen aufzeigen, die viel komplexer sind, als sie zunächst erscheinen mögen.
Wie kam es zu dieser Idee?
Ein Freund erzählte mir vom jahrelangen Trennungsprozess von seiner Frau und davon, dass er für die Scheidung einige Tage in ihr Heimatland zurückkehren musste. Eigentlich ist das nichts Besonderes, und die Geschichte bot in seinem Fall auch keine dramatischen Konflikte. Dennoch gab das für mich den Anstoß, darüber nachzudenken, was sich aus dieser Situation alles entwickeln könnte. Was geschieht, wenn man mit zeitlicher Distanz auf eine gemeinsame Beziehung zurückblickt?
Die Erzählform erinnert fast an einen Thriller. War diese Struktur von Anfang an so vorgesehen?
Die dramatischen Elemente sind bei all meinen Filmen enorm wichtig. Zugleich möchte ich den realistischen, fast dokumentarischen Aspekt nicht aufgeben. Üblicherweise sind Spannung und Realismus im Kino meist getrennt, mein Anspruch ist es, diese beiden Qualitäten zu verbinden. In dieser Geschichte gibt es also Rätsel, allerdings existiert kein Ermittler, der sich auf die Suche nach der Wahrheit macht. Diese Aufgabe überlasse ich dem Publikum – wobei jeder Zuschauer durchaus zu ganz anderen Lösungen kommen kann.
Sie hatten ein Stipendium in Berlin und wollten ursprünglich dort drehen, was hat den Ausschlag für Paris gegeben?
Ich wollte tatsächlich einen Film in Berlin drehen, doch das war ein anderes Projekt, das nicht zustande kam. Für diese Geschichte hatte ich immer Paris im Kopf, denn dort kenne ich mich einfach besser aus. Was den Rhythmus der Stadt anlangt, gibt es große Ähnlichkeiten zu Teheran. Von dieser Hektik des Alltags scheint mir das ruhige und geordnete Berlin weit entfernt.
Hätte diese Geschichte statt in Paris auch in Teheran so passieren können?
Natürlich gäbe es Unterschiede in den Details, aber die Grundlagen der Geschichte wären sicher dieselben. Im Kern geht es um menschliche Gefühle, und diese Gefühle sind überall auf der Welt sehr ähnlich. Alle Menschen wissen, was Liebe bedeutet, und was es heißt, zu hassen.
Ist es eine Befreiung für Sie, endlich einmal nicht auf eine politische Botschaft reduziert zu werden, sondern eine ganz normale Liebesgeschichte zu erzählen?
So eine Trennung zwischen politisch und privat sehe ich nicht, für mich sind alle Aspekte in diesem Film vorhanden – was man entdecken möchte, ist dem Publikum überlassen. Ich bin mir sicher, dass viele Zuschauer dies als meinen politischsten Film betrachten werden.
Was wäre diese politische Ebene in Le Passé?
Der Film handelt vom Mut, zurückzublicken und sich seiner Vergangenheit zu stellen sowie Fehler von damals zu erkennen. Dieses Verhalten würde man sich auch von manchen Ländern wünschen – was ein hochpolitisches Thema ist. Politiker haben die Tendenz, die Vergangenheit auszulöschen.
Welche Auswirkungen hatte der Oscar für Sie und Ihre Arbeit?
Persönlich hat sich durch den Oscar für mich nichts verändert, ich bin noch immer derselbe Mensch wie zuvor. Beruflich bedeutet der Oscar natürlich viel größere Möglichkeiten, jene Filme zu drehen, die ich mir vorstelle. Die Finanzierung gestaltet sich einfacher, und man findet durch die Bekanntheit ein weit größeres Publikum.
Wie werden Sie in Ihrer Heimat wahrgenommen? Ist die Regierung stolz auf den iranischen Oscar-Gewinner, oder werden Sie geschnitten?
Die Reaktion der Bevölkerung war so phänomenal, dass mir die Worte dafür fehlen. Diese Begeisterung ist das größte Kapital in meinem Leben und unsagbar wichtig für mich, weil sich die Zuschauer ganz offenbar in meinen Filmen wiedergefunden haben. Was die offizielle Seite anlangt, sind die Reaktionen unterschiedlich, weil auch die staatlichen Stellen aus verschiedenen Menschen bestehen. Es gibt einige, die sehr radikal sind. Denen missfallen meine Filme, weil ihnen jede Anerkennung eines Iraners im Ausland suspekt erscheint und sie dahinter eine Verschwörung vermuten. Dann gibt es Leute, die aufgeschlossener sind. Sie verhalten sich ruhig, um keine Probleme zu erzeugen. Weil die Begeisterung der Bevölkerung so überwältigend ausfiel, kann man die Reaktion der staatlichen Stellen vernachlässigen.
Wie vorsichtig müssen Sie sein, wenn Sie im Westen Interviews geben?
Interviews gehören zum schlimmsten Teil meiner Arbeit. Ich bin nie zufrieden mit meinen Antworten, weil ich sie immer für unvollständig halte. Es gibt einfach Dinge, die man mit Worten nicht ausdrücken kann. Wenn ich das könnte, würde ich ja keine Filme machen. Wie jedem geht es auch mir so: Je öfter man etwas wiederholt, desto weiter fühlt man sich entfernt von dem, was man gesagt hat. Ich rede nicht mehr mit meinem Herzen, sondern funktioniere wie eine Maschine, die einfach Sätze nur noch wiederholt. Meine Filme handeln von Unsicherheit, und die Medien wollen immer präzise Antworten von mir – mit diesem Widerspruch komme ich nicht gut zurecht.
Wie dramatisch ist Ihr eigenes Beziehungsleben?
Privat bin ich gottlob viel glücklicher als die Figuren meiner Filme. Ich habe meine Frau an der Universität getroffen, wo wir beide Theaterwissenschaft studierten. Sie arbeitet ebenfalls als Regisseurin für Film und Fernsehen. Eigentlich ist sie auch bei meinen Filmen die Ko-Regisseurin, weil sie jeden meiner Schritte begleitet und meine härteste Kritikerin ist. Wir haben zwei Töchter, die ältere spielte ja in Nader und Simin mit, die kleinere ist drei Jahre alt.
Die beiden Kinder spielen eine Schlüsselrolle in der Geschichte. Welche Bedeutung haben sie für Sie als Regisseur?
In meinen Filmen bekommen Kinder eine zunehmend größere Bedeutung, und ich stelle fest, dass sie immer älter werden. Ich liebe Kinder wegen ihrer Spontaneität und ihrer Ernsthaftigkeit. Wenn ein Film von Lügen handelt, sind Kinder ideale Figuren, denn sie stehen für die Wahrheit, was der Geschichte eine ganz neue Dynamik vermittelt. Mit ihrer Unschuld bieten sie zugleich einen wunderbaren Ausgleich zu den harten Konflikten der Erwachsenen.
Wie sieht Ihr persönlicher Filmgeschmack aus?
Meine Liebe gilt älteren Filmen. Fellini, Bergman, Hitchcock, Kieslowski kann ich mir immer ansehen, das ist Kino für mich. Die heutige Technologie hat das Kino von der Kunst entfernt. Filme sind so einfach geworden, dass man nicht mehr zu denken braucht. Dabei sollte das Kino doch komplizierter sein, um die Zuschauer zum Nachdenken anzuregen. Es verhält sich wie mit dem Schreiben. Als man noch von Hand schrieb, achtete man sorgfältig darauf, was man zu Papier brachte. Bei einer Tastatur ist das überflüssig geworden, da lässt sich alles schnell wieder löschen.
