Die Vervielfachung des Schmerzensmannes. Nüchterner Film, berauschende Wirkung
Seit 400 Jahren findet in Trapani auf Sizilien eine Karfreitagsprozession statt, die nicht einfach nur die Stationen von Jesu Leidensweg aufsucht, sondern die dieses Leiden auch nachzuvollziehen versucht. Den ganzen Tag und die ganze Nacht werden tonnenschwere Altäre mit Passions-Tableaux – mannshohe hölzerne Figurengruppen, umgeben von meterhohen Kerzen und opulentem Blumenschmuck – durch den Ort getragen, wiegen die Träger ihre Last sanft schaukelnd im Rhythmus der von zahlreichen Blaskapellen dargebotenen Trauermärsche durch die Gassen. Und wer am Morgen, beim Wiedereinzug in die Kirche, noch dabei ist, der bricht so erschöpft wie erleichtert zusammen. Tränenüberströmt fallen die Männer einander um die Hälse und schluchzen. Und in diesem für Sizilianer eher unüblichen Zeigen von Schwäche steckt zugleich ein stolzes Zeichen der Stärke: in den geduldig erlittenen Schmerz mischt sich das Glück darüber, es vollbracht zu haben.
Die Karfreitagsprozession in Trapani ist ein gemeinschaftliches, mystisches Erleben, das Joerg Burger in Way of Passion nicht lediglich dokumentiert. Er fängt es vielmehr ein und bringt es einem ganz nah ans Herz. Weil er auf Erklärungen und Erläuterungen verzichtet und den katholischen Wahnsinn, als den man das, was sich da vor unseren Augen abspielt, ja auch interpretieren kann, mit der interessierten Teilnahme eines Ethnografen aufzeichnet. Burger ist neugierig, aber nicht aufdringlich; er fügt den Bildern nichts hinzu, was nicht bereits in ihnen liegt.
„The effort … the effort of our group, of our voluntary helpers … the love of our mysteries … that is the suffering … that is the sacrifice!“, lautet die erste und einzige Mitteilung zum Ereignis, die übersetzt wird. Geäußert wird sie nach etwa fünfzig Minuten von einem der Männer unter einem der Passions-Tableaux’. Davon abgesehen ist lediglich das indistinkte Gemurmel von Menschenmengen zu hören, sowie der gleichförmig schwer melancholische Rhythmus der Musik, der den gleichförmig schweren Tritt der Träger bestimmt. In der vor-angegangenen Einstellung sah man die Gruppe unter ihrer Last beinahe zusammenbrechen. Wenn einer ins Wanken gerät, nicht mehr kann, dann setzt sich das rasch fort, droht, die anderen mit sich zu reißen. Also erhob der Steuermann seine Klapper und brachte das Trumm gerade noch rechtzeitig zum Stillstand. Erleichterung und Aufatmen. Bevor Mann (sehr viel seltener, aber immerhin doch auch: Frau) sich wieder unters Joch begibt. Stöhnend anhebt. Weiter trägt. Schwer. Am eigenen Leben.
