Jack Smith – Das Filmmuseum würdigt den Avantgardekünstler mit einer Retrospektive

Jack in the Box

| J. Hoberman |

Jack Smith gilt als einer der Wegbereiter des US-amerikanischen Undergroundfilms. Die Pflege seines umfangreichen Werks erweist sich jedoch als schwierige Angelegenheit.

Unter all den aufrüttelnden Elementen in „Thanks for Explaining Me“, einer Ausstellung in New Yorks Gladstone Gallery, die sich dem Werk von Jack Smith widmete, war auch der unverwechselbare Klang der Stimme des Künstlers, die sich schläfrig und hysterisch zugleich anhören konnte. Schon bevor man sich in der Ausstellung selbst befand, konnte man Smiths Klagen über die Korruption innerhalb der Kunstwelt vernehmen.

Smith machte sich bereits 1963 mit seinem skandalumwitterten Film Flaming Creatures einen Namen, und wie ein pathologisch besorgter Vater sorgte er von da an dafür, dass keine seiner Arbeiten fortan das schützende Nest verlassen sollten. Smiths Schimpftirade fungiert gleichsam als Einführung und Motto der Ausstellung. Die Ablehnung einer derartigen Ausstellung durch den dem Underground verpflichteten, hochgradig unkommerziell arbeitenden Fotografen, Filmemacher und Performancekünstler mit seiner schwierigen Persönlichkeitsstruktur wurde zum Teil dieser Ausstellung.

Wie vermarktet man einen Künstler, der sich selbst leidenschaftlich gegen jegliche Kommerzialisierung seiner Arbeit ausgesprochen hatte? Da hilft es zunächst einmal, wenn der Künstler bei seinem Tod – wie dies bei Jack Smith der Fall ist – ganz bewusst keine testamentarischen Verfügungen hinterlassen hat. Smith hätte sich vielleicht sogar die Zerstörung seiner Arbeiten gewünscht. Es erscheint schon wie eine Art Selbstzerstörung, dass Smith nach Flaming Creatures keinen Film mehr komplett fertig stellen sollte, was zum Teil auch daran lag, dass er immer wieder Normal Love – den auf Flaming Creatures folgenden Film – umschnitt. Zu den sarkastischsten Anmerkungen von Smith zählte auch, jemanden als „walking career“ zu bezeichnen: Was angelehnt an die lebenden Toten in I Walked with a Zombie heißen sollte, die Laufbahn finde posthum statt.

Posthum, verschachtelt und im wahrsten Sinn des Wortes kafkaesk. Es sei daran erinnert, dass Franz Kafka seinem Nachlassverwalter Max Brod ausdrücklich aufgetragen hatte, alle zum Zeitpunkt seines Todes unveröffentlichten Arbeiten zu verbrennen. Doch als Franz Kafka 1924 starb, weigerte sich Brod, dies auszuführen. Romanfragmente wurden veröffentlicht, andere Schriften Kafkas, wie Briefe, Notizbücher und handgeschriebene Manuskripte, lagen für Jahrzehnte in Bankschließfächern in Zürich und Tel Aviv. 2010 ordnete ein Gericht in Jerusalem an, die Schließfächer zu öffnen, um die Inhalte Literaturwissenschaftlern zugänglich zu machen, doch das Thema bleibt umstritten. Die Mehrheit wird Max Brod für die Bewahrung von Kafkas Schriften dankbar sein, doch die Publikation unvollendeter Manuskripte oder ihre Vervollständigung mittels noch vorhandener Notizen und Entwürfe wird wohl von niemandem als unproblematisch angesehen werden. Kafkas Romane blieben alle unvollendet, „Das Schloss“ endet etwa mitten im Satz. Wenn die posthume Verwendung von Franz Kafkas Schriften Fragen in rechtlicher, literarischer und moralischer Hinsicht aufwerfen, so erscheint dieses Dilemma im Falle des Schaffens von Jack Smith noch wesentlich größer.

Hier muss ich meinen Bezug zur posthumen Karriere Smiths erläutern. Obwohl ich ein langes Interview gemacht und etliche Gespräche mit ihm geführt habe, kann ich nicht behaupten, Smith gekannt zu haben. Nachdem ich jedoch Dutzende seiner Performances von den frühen siebziger bis Mitte der achtziger Jahre besucht (und darüber geschrieben hatte, darunter etliche Vorführungen seiner unfertigen Filme), war ich jedoch bekannt mit „Jack Smith“. Er lud mich zu seinen Veranstaltungen ein und hielt mich über seine Projekte auf dem Laufenden. Ich war „sein“ Pressekontakt, und so bat mich einige Wochen nach seinem Tod am 16. September 1989 eine seiner Vertrauten, die Performancekünstlerin Penny Arcade, ihr dabei zu helfen, die chaotische Menge von Zeichnungen, Manuskripten, Fotografien, Filmen und Kostümen, die sich in Smiths Wohnung in East Village angehäuft hatte, zu retten, ehe sein Vermieter sie entsorgt hätte. Mein Interesse galt vor allem den Filmen, und so war ich die nächsten zehn Jahre damit beschäftigt, gemeinsam mit Jerry Tartaglia (der einmal Originalmaterial von Flaming Creatures, das im Rahmen der Nachproduktion verloren gegangen wäre, gerettet und es einem leicht überraschten Jack Smith zurückgebracht hatte) und Anthology Films (Smiths loyalsten Unterstützern) diese Filme zu bewahren, zu restaurieren und sie zu verleihen.

Zu dieser Zeit übernahm das New Yorker P.S. 1 – auf Betreiben von Penny Arcade – Smiths „Archiv“ (wenn man die Ansammlung an Materialien so bezeichnen darf) in Vorbereitung auf eine umfassende Jack-Smith-Ausstellung. Unter dem Titel „Flaming Creature: The Art and Times of Jack Smith“ wurde diese, von Edward Leffingwell kuratierte Ausstellung schließlich gemeinsam mit der von mir selbst organisierten Filmretrospektive im American Museum of the Moving Image 1997 eröffnet. Die Ausstellung im P.S. 1 wurde von zwei Publikationen begleitet (einem Katalog und einer Anthologie seiner Schriften), sie wurde von einer Titelgeschichte in „Artforum“ ebenso hochgelobt wie in einem Artikel in der „New York Times“, war aber dennoch anschließend nur noch im Andy Warhol Museum in Pittsburgh zu besichtigen. Verhandlungen mit weiteren möglichen Veranstaltern in den USA und Europa scheiterten. Auch die übrige Kunstwelt zeigte wenig Interesse, obwohl ein sehr bekannter Maler seine Absicht bekundete, die Textilprints von Smiths Farbfotografien, die für die Ausstellung angefertigt worden waren, zu erwerben. Es kam jedoch nicht zum Abschluss. Wir fanden einen derartigen Verkauf heikel, doch wenn jener Maler eine kostenfreie und adäquate Aufbewahrung von Jack Smiths Archiv angeboten hätte, hätten wir wohl zugestimmt.

Weil die Unterstützung anderer Institutionen ausblieb, gründeten Penny Arcade, die Anwältin Mary D. Dorman und ich die gemeinnützige Plaster Foundation, die sich um die Aufbewahrung und Pflege von Smiths Archiv (das mittlerweile in Kisten gelagert wurde) kümmern sollte. Es existierten noch weitere Manuskripte und andere Materialien, zumeist Museumsleih-
gaben, doch Pläne, Smiths Schriften einer Universität zu schenken und eine Buch über seine fotografischen Arbeiten zu publizieren, mussten gestoppt werden, als aufgrund der Machenschaften
einer Dokumentarfilmproduktion eine Schwester von Jack Smith, die seit ewigen Zeiten keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt hatte, auf den Plan trat und Geld sowie die Verfügung über sein Erbe verlangte. Nach sechs Jahren juristischer Auseinandersetzung gelang es schließlich der Galeristin Barbara Gladstone, den Gordischen Knoten zu durchschlagen und Smiths Nachlass von dessen Schwester als Teil einer Einigung mit der Plaster Foundation zu erwerben.

Angesichts dieser Entwicklungen wäre eine eigene Ausstellung im Stil von Hans Haacke, die das 20 Jahre andauernde Abenteuer um Jack Smiths niemals erklärten Letzten Willen darstellt, sicher eine interessante Sache, allein schon als Warnung für ähnlich gelagerte Fälle. Das war natürlich nicht Ziel von „Thanks for Explaining Me“, obwohl diese Ausstellung Fragen nach der Absicht des Künstlers unvermeidlich erscheinen lässt. Genau genommen handelte es sich dabei um drei Ausstellungen: Die erste war eine kleinere Version der Retrospektive im P.S. 1 und befasste sich mit den Filmen, Performances und anderen Präsentationen, die Jack Smith kreiert hatte. Eine Wand war übersät mit seinen Grafiken. Die „zweite“ Ausstellung, die man ein wenig bösartig „Thanks for Exploiting Me“ nennen könnte, war erfolgreicher – ein eindrucksvolles Beispiel dafür,  was Andy Warhol, ein Smith-Bewunderer, als „business art“ bezeichnet hatte. Im Mittelpunkt standen 30 neu entwickelte Fotografien, die Smith ursprünglich zwischen 1958 und 1962 gemacht hatte, darunter 20 analoge C-Prints im Format 14×11 Inches und zehn 8×10 schwarzweiße Gelatin-Silverprints. Die C-Prints stammen primär aus den fünfziger Jahren, als Smith ein Fotostudio an der Lower East Side betrieb. Die Schwarzweiß-
bilder, von denen einige aus seinem Kunstprojekt „The Beautiful Book“ aus dem Jahr 1962 stammen, zeigen halbnackte Modelle beiderlei Geschlechts, die alters- und figurmäßig höchst unterschiedlich waren und von Smith dabei – leicht verhüllt – so in Szene gesetzt worden waren, dass man an Josef von Sternberg erinnert wurde, einen von Jack Smiths bevorzugten Regisseuren. Obwohl man bei der Auswahl durchaus vorsichtig war, beeindrucken die Fotografien durch eine schwelgerische Atmosphäre ebenso wie durch eine genaue Datierung – wer machte das schon im Jahr 1958? Aber historisches Interesse ist nicht immer mit historischer Aura gleichzusetzen: Diese Bilder sind nicht Jack Smiths Fotografien, sondern neue Abzüge seiner Negative. Macht das einen Unterschied? Auch neu bearbeitet sind es immer noch Relikte aus dem Grabmal der Mumie. Das gilt auch für das nach
Flaming Creatures entstandene Filmmaterial, das mit einem Score aus Aufnahmen von Smiths Sammlung unterlegt wurde.

© Artforum, September 2011, „Jack in the Box: J. Hoberman on Jack Smith’s Posthumous Career,“ by J. Hoberman. Abdruck mit freundlicher Genehmigung. Übersetzung: Jörg Schiffauer

Der am 14. November 1932 in Columbus, Ohio, geborene Jack Smith gilt als einer der einflussreichsten Vertreter des US-Underground-Kinos. Er etablierte dabei den Begriff „Camp“ als ästhetische Kategorie. Smiths künstlerisches Schaffen umfasste neben Filmen auch bedeutende Arbeiten als Fotograf, Performance-Künstler und Autor. Das Österreichische Filmmuseum zeigt von 16. bis 29. November eine umfassende Retrospektive seiner Filme, als Gäste werden im Rahmen diverser Veranstaltungen u.a. J. Hoberman,  Peter Kubelka, der Filmwissenschaftler Marc Siegel und der Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen erwartet.

Fortgesetzt wird im November die große Fritz-Lang-Retrospektive.