Sinnige Versuchsanordnung zur Klärung eines zivilisationsstiftenden Begriffs
Gnade vor Recht ergehen lassen … Sagt sich leicht. Aber was heißt das? Was bedeutet es? Was ist Gnade? Und was ist Gnade in Relation zu Recht? Welchem Recht überhaupt? Vor einigen Jahren drehte Matthias Glasner einen äußerst unangenehm auf äußerst unangenehmen Fragestellungen insistierenden Film: Der freie Wille arbeitete sich – am Fallbeispiel eines aus der Haft entlassenen Vergewaltigers, der versucht, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen – an eben diesem Begriff ab. Einem Begriff, der Philosophen seit Ewigkeiten auf Trab hält, einer der Angeln des abendländischen Denkens, undenkbar ohne die daran aufgehängte Tür ins Metaphysisch-Religiöse. Es sind aber Menschen, die diese Tür instand halten und öffnen oder schließen. Menschen, in deren Leben das Wort Fleisch wird. Nicht anders verhält es sich mit dem Begriff „Gnade“, der den der „Sünde“ braucht (die vergeben werden könnte/müsste/sollte), um wirksam zu werden.
Die Untat, die in Gnade begangen wird, ist ein Unfall mit Fahrerflucht, und Glasner liefert die mildernden Umstände gleich mit. Wer sollte schon unterwegs sein in der ewigen Polarnacht am Rande der Welt, mitten in der Finsternis des Nirgendwo? Das Rumpeln, das sie in ihrem Auto verspürt, kann nur von einem Tier verursacht worden sein, denkt Maria, und fährt weiter. Aber es war eben doch kein Tier. Und dann kommen das schlechte Gewissen, die Verweigerung, die Entschuldigungsversuche und die Schuldzuweisungen, kommen Selbstzweifel, Selbstgerechtigkeit, Selbsthass.
Eine Bewährungsprobe unter ohnehin erschwerten Bedingungen, sind Maria, Krankenschwester in einem Hospiz, und Niels, Ingenieur, mit ihrem Sohn Markus doch ins norwegische Hammerfest gezogen, um dort den Neubeginn ihrer dem Ende zusteuernden Familie zu versuchen. Es funktioniert nicht: Niels beginnt eine Affäre mit einer anderen Frau, Maria vergräbt sich in der Arbeit, Markus findet falsche Freunde und zieht sich zurück. Und dann passiert es. Das Opfer der einen ist der Gnadenakt für die anderen. Bis dahin ist es ein schwieriger und langer Weg, den Glasner seine Figuren, sie geduldig und aufmerksam begleitend, in aller Schmerzlichkeit gehen lässt. Durch die Finsternis der Polarnacht ans Licht gnadenvoller Vergebung. Das klingt pathetischer als es ist. Denn wenn sich hier eines erweist, dann die Souveränität zwischenmenschlicher Konfliktlösung gegenüber rechtsstaatlichen Mitteln.
