Gespräch mit Sam Riley zu „Das finstere Tal“
Sein Kinodebüt gab er mit Control, Anton Corbijns Film über die Band Joy Division, wofür Sam Riley etliche Preise als Bester Nachwuchsdarsteller bekam. Mit Helen Mirren spielte er im Gangsterthriller Brighton Rock, danach war er mit Viggo Mortensen und Kristen Stewart On the Road unterwegs. An der Seite seiner Ehefrau Alexandra Maria Lara spielte Riley in der Komödie Rubbeldiekatz von Detlev Buck. Nun kommt der 33-jährige Brite mit dem österreichischen Alpenwestern Das finstere Tal in die Kinos. Darin gibt er den schweigsamen Helden, der in ein abgeschiedenes Bergdorf reitet, um Rache zu üben.
Mister Riley, können wir das Gespräch auf Deutsch führen?
Sam Riley: Wir können es probieren – aber ich habe gute und schlechte Tage mit der Sprache. In der Kneipe und beim Einkaufen komme ich ganz gut mit meinem Deutsch durch. Bei Interviews befällt mich aber bisweilen schon die Panik vor der Grammatik.
Können Sie einen deutschen Witz erzählen?
Sam Riley: Ich hätte einen gemischten Witz: „What did Freud say came between fear and sex?“ – „Fünf“! Nicht schlecht, oder?
„Das finstere Tal“ spielt in den verschneiten Alpen – wie sind Ihre Erinnerungen an den Dreh im Tiefschnee?
Sam Riley: Wir haben sechs Wochen im Januar gedreht, danach weitere drei Wochen im Frühling, in denen es noch kälter war. Ich war vorher noch nie in den Bergen, da waren Schnee und Kälte schon ein kleiner Schock. Zum Glück trug ich eines der wärmeren Kostüme! Bei der der Schießerei vor der Hütte trage ich allerdings nur ein Hemd, damit ich verletzbarer wirke. Wenn man das drei Tage lang dreht, rettet einen nur das Adrenalin.
Wie erholsam war die Zeit im abgeschiedenen Tal ohne Handy-Empfang?
Sam Riley: Ich kenne noch die Zeiten ohne Handy und erinnere mich manchmal nostalgisch daran, nicht ständig erreichbar zu sein. Tatsächlich hatten wir beim Dreh so gut wie kein Internet, da fühlte man sich manchmal regelrecht in einen andere Zeit zurückversetzt.
Es ist kalt, und Sie sind der coole Rächer. Was wäre Ihre Definition von Coolness?
Sam Riley: Ich weiß gar nicht, ob dieser Held so besonders cool ist. Coole Typen sind mit sich im Gleichgewicht und kümmern sich nicht darum, was andere Menschen denken. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, fiel mir natürlich sofort Clint Eastwood dazu ein. Der war in den Spaghetti-Western wirklich der coole Typ schlechthin. Bei Greider liegt die Sache etwas anders. Er ist nicht der eindimensionale coole Cowboy, sondern er ist traumatisiert, er hat Verletzlichkeiten und ist ein tief verstörter Charakter.
Fühlen Sie sich in den Fußstapfen von Clint Eastwood?
Sam Riley: Na klar: Ich versuche, mir das täglich einzureden! Ich habe meinen Freunden immer gern erzählt, dass ich einen Western in Italien drehe, dieser Teil von Tirol gehört schließlich zu Italien. Ich bin 33 Jahre alt – und in genau diesem Alter hat auch Eastwood seinen ersten Western in Italien gedreht.
Für wie cool halten Sie sich selbst?
Sam Riley: Die Frage kann man für sich selbst ja schlecht beantworten. Ich würde sagen, dass ich es eigentlich nicht bin. Aber als Schauspieler kann man allemal versuchen, als cooler Typ zu überzeugen. Darin liegt ja das Vergnügen in diesem Beruf.
Wie gut verstehen Sie diesen einsamen Helden Greider?
Sam Riley: Ich versuche immer, meine Figuren zu verstehen. Selbst als ich einen Psychopathen spielte, wollte ich diesen Typen kapieren. Man findet stets Aspekte, die einen an einer Rolle faszinieren, auch wenn sie noch so abstoßend oder brutal ist. Eine erste Schnittmenge mit Greider ergab sich schon dadurch, dass wir beide die Außenseiter waren: Er als Fremder im Dorf, ich als der Ausländer beim Dreh! Im Unterschied zu ihm liebe ich allerdings meine Geschwister alle sehr!
Wie weit würden Sie gehen, um sich für eine brutale Tat zu rächen?
Sam Riley: Das lässt sich theoretisch schlecht vorhersagen. Eigentlich hofft doch jeder, dass er im Fall der Fälle die Gabe zum Verzeihen haben wird. Das Sprichwort sagt zwar „Rache ist süß“, ich glaube allerdings nicht, dass Rache in der Regel auch befriedigend ist.
Was halten Sie von dem Prädikat: Heimatfilm trifft Tarantino?
Sam Riley: Wer würde den Tarantino-Vergleich nicht als Kompliment nehmen? Aber mich erinnert Das finstere Tal eher an Sergio Corbucci als an Tarantino. Zudem gibt es ähnliche Motive wie bei Pale Rider von Eastwood – am Set wurde ich spaßeshalber „Pale Greider“ gerufen. Die große Besonderheit unseres Films liegt in seinem Schauplatz. Diese Abgeschiedenheit der österreichischen Berge gibt eine glaubhafte Atmosphäre von Wildnis jenseits der Zivilisation.
Wie vergnüglich ist es, gleich nach abgelegter Beichte weitere Todsünde in einer Kirche zu begehen?
Sam Riley: Es macht immer Spaß, Dinge zu tun, von denen man im echten Leben natürlich nicht einmal zu träumen wagte. Hier hatte ich zudem das Glück, ein paar ziemlich großartige Schauspieler zu erschießen. Es ist ein ganz besonderes Vergnügen, wenn man die Spitzengarde des österreichischen Theaters und Films abknallen darf.
Waren Sie als Kind lieber Cowboy oder Indianer?
Sam Riley: Ich war alles gleichermaßen gerne, Cowboy, Indianer, Superheld. Als englisches Kind spielt man natürlich auch gerne Robin Hood oder Lawrence von Arabien. Mein Opa hatte eine ziemlich gute Sammlung von Spielzeuggewehren, von daher war mir der Umgang mit einer Winchester bereits bestens bekannt. So laut wie im Film hatte ich sie allerdings noch nie gehört.
Wie vorteilhaft oder nachteilig ist es, wenn die Ehefrau denselben Beruf ausübt? Gibt es eine klitzekleine Konkurrenz?
Sam Riley: Nein, das ist großartig. Mit demselben Beruf kann man gut verstehen, mit welchen Gefühlen der Partner diesen Job erlebt. Wir unterhalten uns über Rollenangebote, lesen uns die Texte gegenseitig vor oder besuchen uns bei Dreharbeiten. Abgesehen davon wäre es ziemlich dumm von mir, mit Alexandra zu konkurrieren: Auf dem Preis-Regal in unserer Wohnung stehen viel mehr Auszeichnungen von ihr als von mir – und so wird es auch bleiben. Last not least bewerben wir uns ja auch nie für dieselben Rollen…
Es sei denn, Sie würden einmal eine Frau spielen…
Sam Riley: Das überlasse ich lieber Matthias Schweighöfer!
Wenn schon keine Frau, haben Sie andere Rollen von denen Sie träumen? Einmal im „James Bond“ auftreten, etwa?
Sam Riley: Es gibt vermutlich nur wenige britische Schauspieler, die nicht von Bond träumen! Die Lektion meiner bisherigen Laufbahn war, dass man keine Karrierepläne machen sollte. „Gott lacht nur über deine Pläne“, dieser schöne Satz von John Lennon gilt insbesondere für den Beruf des Schauspielers. In diesem Job hast du keine Kontrolle über dein Schicksal.
Welche Rolle spielt der Ruhm für Sie?
Sam Riley: Ruhm ist mir persönlich nicht wichtig. Anderseits sorgt eine gewisse Bekanntheit dafür, größere und interessantere Rollen zu bekommen. Insofern ist Erfolg durchaus ein Faktor, seinen Beruf weiter ausüben zu können. Last not least möchte man als Schauspieler natürlich immer auch das eigene Ego massiert bekommen. Es ist also schon nett, wenn jemand etwas Nettes über einen sagt.
Das passiert Ihnen auf den Straßen in Berlin?
Sam Riley: Absolut – aber das kann ich an einer Hand abzählen! Wenn ich Berlin Mitte unterwegs bin, werde ich bisweilen erkannt, aber das sind vermutlich eher Fans von Joy Division als von Sam Riley.
Wie wohl fühlen Sie sich in Berlin?
Sam Riley: Ich liebe Berlin, diese Stadt ist so ganz anders als London. Ich hätte mir nie vorstellen können, einmal in einem anderen Land zu leben, dort dann auch noch Vater zu werden. Nach meiner Erfahrung sind Deutsche und Briten sich viel ähnlicher, als gerne behauptet wird. Für mich ist das wie ein Verhältnis unter Vettern.
Was mögen Sie an Deutschland am meisten?
Sam Riley: Es ist schön, in einem Land zu leben, das Fußballspiele gewinnt. Es mag ein Klischee sein, aber mir gefällt es, wie gut die Dinge hier funktionieren. Deutsche beschweren sich gerne über ihre Bahn, für mich sind die deutschen Züge großartig.
Nach dem deutsch-englisch Witz: Mit welchen österreichischen Sprachkenntnissen können Sie nach dem Dreh aufwarten?
Sam Riley: „Es dauert a bissl“ – das habe ich wirklich sehr oft gehört.
