Ang Lee über die Faszination der Romanvorlage, seinen Umgang mit der 3D-Technologie und seine Vorliebe für schwierige Stoffe
Yann Martels „Life of Pi“ gilt als moderner Klassiker, warum wollten Sie diese Geschichte verfilmen?
Ich war von dem Roman gleich nach seiner Veröffentlichung in den USA begeistert. Ich dachte aber nicht sogleich an eine Verfilmung, obwohl das Buch schon ziemlich visuell geschrieben ist. Mit der Zeit kam ich aber zu der Auffassung, dass dieses phantastische Buch unbedingt verfilmt werden sollte. Ich fühlte geradezu eine Verpflichtung, ich glaube das Schicksal hat mich mit diesem Projekt zusammengeführt. Das Buch inspirierte mich, daraus einen Film zu machen, und zwar einen, der der Romanvorlage auch wirklich gerecht wird.
Was hat Sie dabei besonders inspiriert?
Für mich berührt das Buch vor allem unsere Faszination für das Unbekannte. Ich denke, der Roman macht auch deutlich, wie das Erzählen von Geschichten Bedeutung in unser Leben bringen kann. Aus einer guten Geschichte sollte man immer etwas für sich selbst herausnehmen können, das versuche ich auch mit meiner Arbeit zu erreichen. Wenn wir gemeinsam im Kino einen Film sehen und eine Geschichte teilen, ist das einfach ein wunderbares Erlebnis. Denken Sie nur an Life of Pi, die Geschichte eine Jungen und eines Tigers, die allein mitten im Ozean überleben müssen. Ich liebte diese Geschichte, also machte ich mich auf den Weg nach Taiwan, um die unmögliche Mission der filmischen Umsetzung zu erfüllen. Es war ein großartiges Abenteuer.
Findet sich in Life of Pi ein Motiv, das sich auch durch alle Ihre Filme zieht?
Ich denke, dass es in meinen Filmen immer auch um den Verlust der Unschuld geht. Pi verliert seine Familie, und er muss sich, ganz auf sich gestellt, inmitten der Natur und ihrer Kräfte behaupten. Ich glaube, dass wir uns alle im Prozess des Erwachsenwerdens mit dem Verlust unserer Unschuld auseinandersetzen müssen. Wir streben zwar nach Unabhängigkeit und möchten uns von den Eltern lösen, aber wir weigern uns doch älter zu werden. Irgendwie möchte man auch Kind bleiben. Menschen bewahren sich diese kindliche Seite, doch gleichzeitig muss man sich den Tatsachen des Lebens stellen und erwachsen werden. Als das Schiff untergeht, wird Pi mit dieser Realität konfrontiert.
Life of Pi wirkt auch ziemlich aufbauend.
Gute Geschichten wie diese sind aufbauend, weil sie einen berühren. Life of Pi berührt emotional, der Film nimmt den Zuschauer aber auch auf eine Reise mit, so ging es zumindest mir mit der Geschichte. Der Erfolg des Romans beruht nicht nur auf seinem Humor und seiner Weisheit, sondern auch darauf, dass das Buch etwas Allgemeingültiges beinhaltet.
Die Geschichte hat eine starke spirituelle Dimension.
So wie Pi, der sich mit verschiedenen Religionen befasst hat, suchen wir doch auch den Sinn des Lebens und des Glaubens. Doch Religion macht da immer weniger Sinn. Heute finden sich auf der Welt so viele Konflikte, die sich an der Religion entzünden, dass wir meiner Ansicht nach irgendeine gemeinsame Grundlage benötigen und das Buch vermittelt das. Pi liebt alle Religionen, das ist kein Problem für ihn. Als er sich allein mitten im Ozean mit der Natur konfrontiert sieht, erlebt er Gott als abstrakte Idee. Da gibt es keine organisierte Religion oder gesellschaftliche Konventionen, er muss sich quasi seine eigene Zivilisation organisieren. Die Geschichte trifft wirklich den Kern unserer Existenz. Deshalb ist das Buch so universell und auch so erfolgreich. Yann Martel erzählte mir, dass er dachte, er würde ein philosophisches Buch für Erwachsene verfassen, doch es ist auch bei Kindern sehr beliebt geworden.
Was können wir von Pis Reise lernen?
Es geht darum, dass aus einem Jungen ein Mann wird und er dabei lernt, die Natur zu respektieren. Das ist nicht Disneyworld oder wie in vielen US-amerikanischen Filmen. Life of Pi zeigt, dass man sich vor wilden Tieren und der rauen Natur auch in Acht nehmen muss.
Wieso haben Sie die Hauptrolle mit Suraj Sharma besetzt?
Er hatte davor überhaupt keine schauspielerische Erfahrung, er ist ein Naturtalent. Ich kann gar nicht genau beschreiben, was da von ihm ausgeht. Suraj Sharma ging noch zur Schule und wollte Architekt werden, als ich ihn das erste Mal traf. Er hat einfach einen unglaublichen Instinkt, was die Filmarbeit angeht, er half sogar jedem am Set bei den Dreharbeiten. Niemand hatte bislang mit einem solchen Schauspieler gearbeitet, er gehört einfach in die Welt des Filmemachens.
Wie schnell war für Sie klar, dass Suraj Sharma die Rolle des Pi Patel spielen sollte?
Für mich war das bald offensichtlich, ich weiß nicht, ob es allen anderen auch so ging. Er war einfach großartig, ich habe ihn aus dreitausend Kids ausgewählt. Wir hatten drei Auswahlrunden, ehe wir die Suche auf zwölf Kandidaten eingegrenzt hatten. Ich habe dann mit jedem dieser zwölf Kinder einzeln in Mumbai gearbeitet. Aber Suraj hatte ich während der Auswahl immer im Kopf. Er folgte meinen Regieanweisungen immer ganz toll, er agierte vor allem beeindruckend glaubwürdig. Er brachte sich enorm in die Rolle ein und blieb dabei sehr authentisch und natürlich, er ist ein Riesentalent. Am Ende eines Monologs weinte er echte Tränen, da war ich mir sicher, dass er die richtige Wahl war, ich hätte jede Summe darauf gewettet.
Wie war es für Suraj Sharma, zu den Dreharbeiten nach Taiwan zu reisen?
Er konnte nicht schwimmen und er hatte noch nie den Ozean gesehen. Er musste ein dreimonatiges Training in Taichung absolvieren, das ziemlich hart war. Aber als ich ihm Schauspieltraining gab, merkte ich sofort, dass er ein geborener Schauspieler ist. Man konnte richtig sehen, wie er sich verwandelte, wenn er seine Rolle spielte, da war er plötzlich kein 17-jähriger Junge mehr.
Glauben Sie, dass er eine große Zukunft vor sich hat?
Darauf wette ich, ich vertraue auf gute Schauspieler. Ein Talent ist eben ein Talent. Ich werde auch versuchen, den weiteren Verlauf seiner Karriere im Auge zu behalten.
Was können Sie für sich selbst mitnehmen, wenn Sie bei einem jungen Schauspieler wie Suraj Sharma auch als Lehrer fungieren?
Lehren bedeutet auch immer lernen. Wenn man das Vertrauen eines jungen Schauspielers hat, ist das schon etwas ganz Besonderes. Dabei entwickelt sich eine Koexistenz zwischen Schauspieler und Regisseur. Es ist nicht so, dass ich Suraj genau vorgeschrieben habe, wie er zu spielen hat. Man lernt voneinander, wächst daran und entwickelt eine Art nonverbaler Kommunikation. Das hat schon etwas von Zen an sich.
Wie sah Ihr visuelles Konzept für den Film aus?
Mich faszinierte, dass Yann Martels Buch viele unglaubliche Geschichten beinhaltet. Mein Ziel war es also, diese Geschichten mit dem Film zum Leben zu erwecken. Das ist auf der Kinoleinwand schwieriger als in einem Buch, weil man die Geschichte im Kino eben sieht und sie dabei glaubhaft sein muss. Ich habe versucht, dabei sehr detailgenau zu arbeiten, damit man nicht nur an Pis unglaubliche Reise mit Richard Parker glauben will, sondern gar nicht anders kann, als sie zu akzeptieren.
Wie sah es mit dem Einsatz der 3D-Technologie dabei aus?
Ich halte es für eine falsche Konzeption, 3D primär für Spezialeffekte einzusetzen und als Technologie für Action und Animation anzusehen. 3D entwickelt sich zu einer legitimen Form des Filmemachens. Ohne 3D hätte ich diese Geschichte nicht adäquat umsetzen können, sie hat so viele Dimensionen, dass man schon ungewöhnliche Wege beschreiten muss. Ich habe schon über den Einsatz von 3D nachgedacht, bevor Avatar ins Kino kam. Ich wollte mit 3D eine neue Dimension für das Medium Film erschließen und dabei unsere Wahrnehmung von Distanzen verändern. Und die Absicht hatte ich schon, bevor ich mich genau mit der 3D-Technologie vertraut gemacht hatte.
Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Ich lerne immer noch, weil die Technologie eben sehr neu ist. Es ist ein bisschen wie in den Anfangsjahren nach der Erfindung des Films. Zuschauer und Filmemacher sind ziemlich erfahren, was das Medium Film angeht, aber 3D kennen wir noch nicht wirklich. Als Filmemacher denken wir immer noch zweidimensional, obwohl viele schon mit 3D arbeiten. Aber 3D ist eine neue ästhetische Form. Ich gestehe, dass auch ich immer noch ein 2D-Filmemacher bin, aber ich habe versucht, der neuen Technologie zu vertrauen. Ich hoffe, ich kann das Publikum da mitnehmen. Die spannende Herausforderung bei der Arbeit mit 3D ist, dass man dabei die Regeln sowohl aufstellen als auch entdecken muss.
Life of Pi wurde zu einem großen Teil in Taiwan gedreht, aber die Besetzung und der Stab waren international.
Ich glaube, dass der Film eine große transformative Kraft besitzt und viele Nationen zusammenbringt. Der Stab hatte Mitarbeiter aus 23 Ländern. Mit Yann Martel hat ja auch ein kanadischer Autor die Geschichte eines indischen Jungen erzählt, der sich zu einer Reise über den Ozean aufmacht – internationaler geht es kaum mehr. In Hollywood hätte man den Film nicht machen können. Ich denke, wir haben alle etwas dabei gelernt, nicht nur die jungen taiwanesischen Filmleute, die das Projekt unterstützt haben, sondern auch erfahrene Mitarbeiter aus Hollywood, London oder Australien.
Ihre Filme sind sehr unterschiedlich, was ihre Themen und ihre kulturellen Hintergründe angeht. Bevorzugen Sie diese Abwechslung?
Es ist schwierig, sich für jedes neue Projekt eine gewisse Frische zu erhalten, deshalb suche ich immer nach neuen Wegen und Stoffen, um die Sache für mich anspruchsvoller zu machen. Ich gehe gern Dinge an, bei denen ich anfangs nicht so genau weiß, wie ich damit umgehen soll. Wenn ich dieses Gefühl beim Filmemachen nicht mehr habe, wird es wohl Zeit damit aufzuhören.
Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit als Regisseur?
Ich begebe mich gerne in unterschiedliche Situationen. Als Regisseur fühle ich mich oft wie ein Schauspieler. Kein guter Schauspieler möchte immer die gleiche Rolle spielen. Das ist allgemein gültig, denn wir wollen ja auch nicht immer am selben Ort Urlaub machen. Und wenn wir die Wahl hätten, würden wir ja auch viele Liebschaften einer Ehe vorziehen. Soweit würde ich im richtigen Leben nicht gehen, aber in meinen Filmen kann ich mich an die unterschiedlichsten Orte und Situationen begeben, das ist eine ziemlich aufregende Sache.
Wie sollte man sich an Sie und Ihre Arbeit einmal erinnern?
Ich möchte als Sklave des Filmemachens betrachtet werden. Ich liebe das Medium Film, ich bin sein Diener. So würde ich gern gesehen werden.
