In ihrem Haus, Film von François Ozons
Emmanuelle Seigner als Esther Artole und Ernst Umhauer als Claude Garcia

In ihrem Haus

| Pamela Jahn |

Peeping Tom im Klassenzimmer: François Ozons neustes Schelmenstück über die Möglichkeiten und Fallstricke der literarischen Phantasie

Stille Wasser sind tief – und stille Schüler mitunter die cleversten. Vor allem diejenigen Schweiger, die sich am liebsten in der letzten Reihe verkriechen und von dort aus wachen Auges die Weiten des Klassenraums durchstreifen, gehören einer ganz besonderen Spezies an: Zu intelligent für den Rest der Bande, blass und introvertiert und mit jeder Menge Flausen im Kopf, da sichtlich gelangweilt von der beständigen Wiederholung des immergleichen Stoffes, neigen sie nicht selten zu Voyeurismus und Tücke. Und zu eben dieser Spezies gehört auch Claude (Ernst Umhauer), der ausgefuchste Held in François Ozons neuem Spielfilm Dans la maison, der das triste Pädagogendasein seines Französischlehrers Germain (Fabrice Luchini) zunächst mit Hoffnung erfüllt um es kurz darauf zur Hölle zu machen.

Dabei fängt alles, wie so oft bei Ozon, ganz harmlos an: Eloquent und mit zynischem Blick für delikate Details berichtet Claude in einem Aufsatz über seinen lang ersehnten Hausbesuch bei Klassenkamerad Rapha, wobei es ihm vor allem dessen attraktive Mutter (Emmanuelle Seigner) angetan hat. Als Germain den Text am Abend seiner Ehefrau Jeanne (Kristin Scott Thomas) vorliest, sind beide verblüfft und fasziniert zugleich ob der literarischen Begabung des unscheinbaren Jungen, woraufhin Germain kurzum beschließt, den willigen Schüler unter seine Fittiche zu nehmen, um ihm die hohe Kunst des literarischen  Erzählens zu vermitteln. Doch, man ahnt es, was als harmloser Lehrauftrag beginnt, entwickelt sich zusehends zum verqueren Rollenspiel, bei dem Realität und Fiktion, Spannung und Witz stets miteinander konkurrieren und ineinander verschwimmen.

Basierend auf dem spanischen Theaterstück „Der Junge in der letzten Reihe“ von Juan Mayorga hat Ozon mit Dans la maison erneut einen dichten, pointenreichen Film inszeniert, der nicht nur von einer Riege ausnahmslos großartigen Darsteller profitiert. Denn Geschichten wie diese sind der Stoff, aus dem Ozons beste Filme sind. Wobei das Geheimnis seines Könnens vor allem in der Art liegt, wie er sie scheinbar hinter sich lässt, wie er die verstrickte Handlungsstruktur zum Anlass nimmt, um im Spiel mit Passion und pechschwarzem Humor über die Merkwürdigkeiten des Lebens zu reflektieren und sich dabei gleichzeitig für eine Ironie zu öffnen, die mitunter tiefer schürft und sich sonst stets haarscharf an der Grenze zu Kitsch und Banalität bewegt. Die Mischung aus Drama, Satire und Thrill ergibt diesmal einen höchst unterhaltsamen Film, der auch in den hinteren Kinoreihen noch gut zur Geltung kommt.