Mit Wes Anderson die Berlinale zu eröffnen ist definitiv ein Statement. Für mehr Fantasie und weniger Fadesse. Auch wenn The Grand Budapest Hotel nicht sein bester und unterhaltsamster Film ist. Denn abgesehen davon, dass man ihn locker um zwanzig Minuten hätte kürzen können, um das Tempo gerade gegen Ende hin wieder etwas zu erhöhen, arbeitet er mit den üblichen Mitteln, die man bereits zu Genüge aus The Royal Tenenbaums und The Life Aquatic With Steve Zissou kennt: knallfarbene Kostüme, comicartige Bewegungsabläufe, eine trendige, retromäßige Siebziger-Jahre- Ausstattung (natürlich auch in knallbunten Farben) und eine absurd-lustige Geschichte, die bar jeder Logik ist. Doch darum ging es ja bei Anderson ja noch nie. Im Gegensatz zu seinen anderen Filmen, bei denen man sich von ihm nur allzu gerne an die Hand nehmen lässt, um in seine zauberhafte Traumwelt einzutauchen, hat man dieses Mal das Gefühl, die ganze Zeit über als stiller Beobachter emotionslos am Rand zu stehen und keinen Eingang zu dieser wundersamen Welt zu finden. Witze, Dialoge, Szenen, alles wirkt im Vergleich zur Kulisse nur nebensächlich und lässt einen irgendwann zum Schluss kommen, dass Wes Anderson vor lauter Detailverliebtheit vergessen hat, die Kulissen auch mit Herz und Inhalt zu füllen.
Eine noch viel größere Chance hat George Clooney mit The Monuments Men vertan. Nämlich die Chance, eine auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte auch wahrhaftig zu erzählen. Stattdessen bedient er sich Stereotypen und klischeehafter Dialoge, mischt auf unergiebige Weise Heldenreise, Melodrama und Komödie (schon das Engagement von Bill Murray und John Goodman zielt in Richtung Lustspiel), und setzt das Abenteuer einer bunt zusammengewürfelten Truppe von Kunstkennern, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der USA Nazi-Raubkunst sicherstellten, gehörig in den Sand ‑ begleitet von nerviger Marschmusik, die einem irgendwoher bekannt vorkommt … Dieser Film passt nicht einmal außer Konkurrenz in einen Wettbewerb der Filmkunst. Der neue Lars von Trier dagegen, so hat man den Eindruck, läuft deshalb (in der Uncut-Version des ersten Teils, die entgegen anderslautender Meldungen nur wenig mehr Hardcore enthält als die fürs Regelkino gekürzte Fassung) außer Konkurrenz, weil er den Mitbewerbern sonst keine Chance lassen würde. Es ist ein Frontalangriff auf die Sinne des Publikums, nicht weniger wuchtig und nicht weniger verspielt als sonst, dafür aber substanziell alleinstehend im Kosmos der Sucht-Glaube-Lust-Filmerzählungen und wohl der beste, mindestens aber der vergnüglichste Teil der Trierschen Depressions-Trilogie. (zu beiden Teilen von Nymphomaniac siehe das Sex-Dossier in der Printausgabe „ray“ 02/14). Beeindruckend auch die gleichermaßen intellektuell fordernde wie emotional durchschlagende Kraft der Passionsgeschichte Kreuzweg von Dietrich (und Schwester Anna) Brüggemann. In Tableaux- oder, wenn man so will, bewegter Tafelbildform wird hier vom Leidensweg und schließlich vom Zerbrechen eines zu fundamentalem Glauben erzogenen Mädchens erzählt (Lea van Acken spielt die Kreuzträgerin und überzeugt wie Franziska Weisz in der Rolle der streng konservativen Mutter).
Als Gegengift zum Popcorn-Kino der Monument-Männer wirkt es übrigens erholsam, sich mit der Ernsthaftigkeit der Forums-Filme zu beschäftigen. Ein schönes Beispiel, wenn auch leider gegen Ende etwas ins Leere laufend, ist She’s Lost Control von der Berliner Filmemacherin Anja Marquardt, der sich um eine Sexarbeiterin und ihren karitativen Job dreht. Sehenswert, allein schon wegen der Hauptdarstellerin Brooke Bloom, die wie eine amerikanische Version von Charlotte Gainsbourg wirkt und mit ihren eindringlichen Augen nicht nur ihren Patienten tief in die Seele zu blicken scheint …
