Filmkritik

Searching for Sugar Man

| Brigitte Auer |

Auf den Spuren eines Musikers, der in Südafrika bekannter als Elvis ist, während er in Detroit auf Baustellen arbeitet.

Man braucht nicht Physiker oder Soziologe zu sein, um zu wissen, dass der von Menschen bewohnte Teil des Universums aus einer unüberblickbaren Ansammlung von Parallelwelten besteht. Was an einem Ort ungehört verhallt, vermag an einem anderen eine Revolution herbeizuführen. Oder aber ein bittersüßes Märchen: Anfang der Siebziger nahm ein schüchterner Singer-Songwriter aus Detroit namens Sixto Rodriguez zwei Alben auf, die die besten Voraussetzungen besaßen, ihren Schöpfer berühmt zu machen. Texte, gesponnen aus dem harten Pflaster seiner Heimat – dem Protest der Arbeiterklasse, den Sehnsüchten und anderen Abhängigkeiten – werden von Rodriguez’ unvergleichlich sanfter Stimme getragen und von namhaften Motown-Produzenten zwischen Folk, Soul und Psychedelik arrangiert.

Mit diesem vielversprechenden Anfang endete die Karriere aber schon wieder und niemand hätte wohl je wieder von ihm gehört, wäre nicht eine Kopie des Debütalbums „Cold Fact“ auf verschlungenen Wegen nach Südafrika gelangt. Abgeschnitten vom Wissen der restlichen Welt und „unterstützt“ von der rigiden Zensurbehörde, entwickelte sich die Platte zum Soundtrack einer ganzen Generation (hauptsächlich weißer) liberaler junger Menschen. Angestachelt von den zahlreichen Legenden um einen spektakulären Suizid machten sich zwei Fans nach dem Ende des Apartheid-Regimes schließlich auf die Suche nach der Stimme, die ihnen freies Denken beigebracht hatte. Regisseur Mark Bendjelloul, der bisher Musikdokus für das schwedische Fernsehen realisiert hat, glückt mit wenig Budget eine höchst emotionale und in ihrer Spannungsdramaturgie ebenso gelungene Dokumentation. Stimmig ist die Balance von Talking Heads, Archivmaterial und Stadtansichten, die mal wortlos den in schwarzen Mantel, Hut und Sonnenbrille gekleideten Rodriguez beim Stapfen durch den Schnee begleiten und sich dann wieder in tagträumerische Animationssequenzen verwandeln. Der Blick auf die Stadt macht das Revier des „Wandering Spirit“ und poetischen Chronisten audiovisuell erfahrbar und steckt voller Details, wie dem „People Mover“, der fahrer- und meist auch fahrgastlosen Hochbahn, die wie ein Geisterzug um den Business-Kern von Downtown Detroit kreist; eine vergebliche Revitalisierungsmaßnahme, die den steten Verfall der ehemaligen Industrie-Metropole symbolisiert.

Doch Searching for Sugar Man betreibt keinen Ruinentourismus und hütet sich dankenswerterweise auch, die mythische Aura um seinen Protagonisten gänzlich auszuleuchten. Empfehlenswerte Annäherung an eine Figur, die sich jedes bisschen (späte) Anerkennung verdient hat.