Trains of Thoughts

Filmkritik

Trains of Thoughts

| Reinhard Bradatsch |

Ein Sofa Surfer auf Entdeckungsreise im Underground

Stell dir vor, es gibt eine U-Bahn und keiner fährt damit. Kein Witz, sondern Alltag in Los Angeles: Die Züge der Millionenmetropole, die an den wenig frequentierten Stationen halten, sind fast ausschließlich Fortbewegungsmittel für die sozial Schwächeren. Ganz anders an der Ostküste: In der New Yorker Subway trifft der Wallstreet-Yuppie auf den Obdachlosen. Oder wie es ein Fahrgast formuliert: „The train reflects the city.“

Trains of Thoughts offenbart bereits zu Beginn, dass es mehr sein möchte als ein alternativer touristischer Reiseführer. Die vollen U-Bahn-Garnituren dienen dem mehrfach ausgezeichneten Mediendesigner und Cover-Artist Timo Novotny als Spiegelbilder städtischer Gesellschaften, die ihre Eigenheiten über der Erde unter dem Diktat des globalen Konformismus schon lange aufgegeben haben. In den Tunnels der City, so heißt es in der ersten von sechs Episoden, die jeweils durch das Metro-System einer anderen Stadt begleiten, finden die Menschen einmal am Tag Zeit für sich – oder: „There’s no connection to the upper world“. Novotny lässt sie in Off-Kommentaren erzählen: über Freiheit, Armut, die Macht des Konsums, alltägliche Sorgen. Oder er fängt mit der Kamera nur die Gesichter der Menschen ein – Gesichter, die ganze Geschichten zu erzählen scheinen.

Auch in der Bauweise der Stationen offenbaren sich soziale und kulturelle Gegensätze der porträtierten Städte und ihrer Bewohner: Während in der Moskauer U-Bahn die verschwenderische Eleganz der früheren kommunistischen Diktatur allgegenwärtig ist, wirkt das Verkehrssystem Tokios wie eine futuristische Parallelwelt. Fahrgäste lassen sich wie Roboter in die Züge durch so genannte „Pusher“ reinpferchen. Emotionale Verarmung fordert letztendlich ihre Opfer: Tokios U-Bahn-System verzeichnet die höchste Selbstmordrate.

Mit vielschichtigen Farbkompositionen verfremdet Novotny Impressionen von Zügen, die sich während der Fahrt fast endlos durch Häuserschluchten schlängeln; oder fängt die divergente Architektur der Bahnhöfe und Gleisanlagen ein. Die Hauptrolle spielt jedoch, wie schon in Novotnys erstem Kinofilm Life in Loops, die Musik: Der Sound des Wiener Elektronik-Kollektivs Sofa Surfers treibt die Dokumentation rhythmisch-pulsierend voran; Wortspenden der Protagonisten mutieren da zu enigmatischen Sprechgesängen.

Das bindende Glied zwischen Abfahrtssignal und Lautsprecherdurchsagen bildet ein Fotograf, der nachts entlang der Gleise der Wiener U-Bahn spaziert. Erst nach Betriebsschluss entfaltet sich hier die ganze Magie eines eigenen Kosmos.