Der Kurzfilm blüht und gedeiht in Österreich, der Nachwuchs ist im Aufbruch – doch noch hinken die Strukturen deutlich hinterher.
Eine aktuelle Bestandsaufnahme anlässlich der Diagonale.
Jeder Film hat die Länge, die er hat.“ Es klingt nicht trotzig, wenn Florian Pochlatko das sagt. Eher nüchtern, vielleicht ein bisschen resignativ. Sein Film Erdbeerland dauert 32 Minuten, ein dichtes und emotionales Werk über das Erwachsenwerden mit schön absurden Momenten, das bei der vergangenen Viennale seine Uraufführung erlebt hat. Was der Auftakt zu einem strahlenden Festivallauf hätte sein können, stellte sich inzwischen als schwieriger heraus als gedacht. „Wir haben sehr viele Absagen bekommen“, erzählt Pochlatko, „eigentlich immer wegen der Länge.“
32 Minuten sind eine undankbare Dauer für einen Kurzfilm. Der größte Teil der internationalen Kurzfilmfestivals arbeitet mit der Längenbeschränkung von 30 Minuten, nur wenige Festivals lassen längere Formate zu. „Mir war das anfangs gar nicht bewusst, dass das ein Problem sein könnte“, sagt der 26-jährige Grazer. „Aber alles, was darüber ist, kann man tatsächlich gleich mal in die Tonne schicken.“ Mit ähnlichen Problemen hatte Catalina Molina zu kämpfen. Die gebürtige Argentinierin, die wie Pochlatko an der Filmakademie Wien Regie studiert, drehte 2010 mit Talleres Clandestinos einen aufwändigen, intensiven 40-Minüter über eine bolivianische Wanderarbeiterin, die in Argentinien ausgebeutet wird. Erst als der Film für den Europäischen Filmpreis nominiert wurde, folgten vermehrt Festivaleinladungen.
Tatsächlich spielt die Länge beim Kurzfilm eine weit größere Rolle als beim großen Bruder, der sich im Kino zwischen 80 und 180 Minuten fast alles erlauben darf. Im Netz oder bei Vorfilmen im Kino gilt üblicherweise eine Maximallänge von fünf Minuten. Festivals, bei denen der Kurzfilm mit weiteren Werken kombiniert wird, tun sich bei der Programmierung mit Filmen über 25 Minuten bereits enorm schwer. Und sogenannte Mittellangfilme zwischen 30 und 60 Minuten gelten, wenn sie nicht gerade für das Fernsehen produziert werden, in weiten Teilen der Kino- und Festivallandschaft als „totes Format“.
Natürlich soll das nicht heißen, dass bei der Produktion von Filmen ausschließlich der Verwertungslogik gefolgt werden sollte und Mittellangfilme keine Berechtigung haben – jeder Film hat schließlich, wie Pochlatko gesagt hat, jene Länge, die er eben braucht. Aber ein Bewusstsein für diese ungeschriebenen Regeln könnte zumindest helfen, gewisse Enttäuschungen zu vermeiden. Molina etwa hat aus den Erfahrungen gelernt, ihren nächsten Film, das Jungfamiliendrama Unser Lied, ziemlich exakt auf 30 Minuten zugeschnitten und im Jänner bei der Vergabe der Österreichischen Filmpreise die erstmals vergebene Auszeichnung für den besten Kurzfilm erhalten.
Das Ziel: Aufmerksamkeit
Auch wenn sich die Qualität eines Films nicht an der Zahl seiner Preise messen lässt, so werden diese doch von den Geldgebern – seien es Förderer oder Produzenten – gerne als Indikatoren für die nächsten Projekte herangezogen. „Ein Preis bedeutet im Wesentlichen Aufmerksamkeit und erleichtert die nächsten Schritte“, sagt Molina. Und gerade im Kontext der Filmakademie geht es oft nicht zuletzt darum, die Branche auf sich aufmerksam zu machen. Selbst ein Altmeister wie Michael Haneke, der ja an der Akademie Regie unterrichtet, wird trotz Goldener Palmen und Oscar nicht müde zu betonen, dass er sich über jede Auszeichnung freue, weil diese die Finanzierung des nächsten Films vereinfache.
Vielleicht kommt es daher, dass das Nachrichtenmagazin „profil“ im Dezember die Bezeichnung „Hanekes Enkel“ im Zusammenhang mit immer selbstbewussteren Filmstudierenden aufbrachte und deren Arbeitsbedingungen und Zukunftschancen thematisierte. „Es gibt zwar sehr viele Talente“, formuliert Dominik Tschütscher von der Initiative Cinema Next, „aber strukturelle Nachwuchsförderung gibt es nicht.“ Schon gar nicht für Kurzfilme, obwohl diese gern mit „Nachwuchsfilmen“ gleichgesetzt werden: Die sogenannten Werkstattprojekte im Österreichischen Filminstitut (für Erst- und Zweitfilme) verlangen zum Beispiel eine Projektmindestlänge von 45 Minuten, und neuerdings sind auch die START-Stipendien der im BMUKK angesiedelten „kleinen Filmförderung“ nur mehr auf lange Projekte ausgerichtet. „Nach dem letzten studentischen Film muss der nächste also gleich ein abendfüllender Film sein“, kritisiert Tschütscher die recht unflexible Förderlandschaft. „Eine Kurzfilmproduktion innerhalb einer kommerziellen Produktionslandschaft ist derzeit in Österreich nicht möglich.“ Somit bleibt jungen Filmschaffenden, für die ein Langfilm (noch) keine Option darstellt, nur wieder der Schritt zum BMUKK. Diesem steht jedoch nur ein Zehntel der ÖFI-Gelder zur Verfügung. „Da gehört auf jeden Fall etwas geändert“, so Tschütschers Kollegin Katja Jäger, die ein zwischen den beiden Förderstellen angesiedeltes „Labor“ zum Experimentieren gut fände. „Dem Publikum darf man auch neue Formate zutrauen!“
Das glaubt auch Pochlatko, der einem solchen Labor einiges abgewinnen kann, weil es ermöglichen würde, andere Wege zu gehen. „So könnte man auch das Problem des niedrigen nationalen Marktanteils an der Wurzel packen.“ Jäger glaubt dennoch, dass man nicht nur an die Produktion denken, sondern vor allem die Verwertung nicht außer Acht lassen darf – und ist sich im gleichen Atemzug bewusst, dass die Situation für kürzere und unabhängige Formate im Kino oder im Fernsehen keine einfache ist. „Das Fernsehen kann im Moment kein Ziel sein, weil das komplett tot ist“, resümiert Pochlatko, „da gibt es keine Experimentierfreudigkeit, keine Innovation, gar nix.“ Daher seien Festivals vielfach die einzige Möglichkeit, Filme einem Publikum zugänglich zu machen.
Ein Manko: die Verwertung
Dieses Bewusstsein ist in Österreich vielfach jedoch noch nicht zu den Ausbildungsstätten oder den Förderstellen durchgedrungen. Während es international auf Filmhochschulen völlig üblich ist, die eigene Jahresproduktion gesammelt an ausgewählte europäische Festivals zu schicken, passiert hierzulande diesbezüglich gar nichts. „Die Filmakademie kümmert sich nicht darum, ob mein Film irgendwo auf einem Festival läuft“, erzählt Pochlatko. Dafür behalten die Studierenden, im Gegensatz zur Situation an vielen deutschen Akademien, die Rechte an den Filmen und können – je nach Eigen-Engagement – selbst bei Festivals einreichen. Oder im besten Fall, wie bei Erdbeerland oder Unser Lied, übernimmt sixpackfilm (nach Eigendefinition u.a. eine Agentur für das nichtkommerziell produzierte Laufbild) den Verleih – ohne Garantie, dass die Filme auch international laufen, aber, mit dem guten Namen der Institution im Rücken, doch mit guten Chancen.
Ein offizielles „Best-of“ der Kurzfilme eines Jahres, das in den meisten europäischen Ländern schon seit vielen Jahren üblich ist, vermisst man indes bislang ebenso wie ein Engagement der Austrian Film Commission, die zwar den österreichischen Film im Ausland vertritt, sich für den Kurzfilm aber nicht wirklich zuständig fühlt. Mittlerweile gibt es aber zumindest Signale, dass sich das ändern könnte. Mit der Tour der für den Österreichischen Filmpreis qualifizierten Kurzfilme des vergangenen Jahres durch die weltweiten Kulturforen sendet etwa die Akademie des Österreichischen Films einen wichtigen Impuls in dieser Richtung.
Österreichweit leisten in der Zwischenzeit die Filmfestivals, wenn auch unter erschwerten, weil finanziell ungenügenden Bedingungen, einen wesentlichen Beitrag zur Sichtbarkeit des jungen und kurzen Filmschaffens – sei es von Pochlatko oder Molina, sei es von Severin Fiala oder Ulrike Putzer, sei es von Talenten wie Lisa Weber, Clara Stern, Mirjam Baker, Mike Kren, Michael Rittmannsberger oder den „neuen österreichischen Trickfilmern“. Ein Zeichen für den Aufbruch, der beim Nachwuchs gerade spürbar ist, ist auch die Tatsache, dass sich bei den rund 300 heimischen Kurzfilmen, die mittlerweile jährlich bei VIS eingereicht werden, immer Entdeckungen finden lassen.
In dieser Aufbruchsstimmung kommen dann jedoch vielfach jene zu kurz, die seit den sechziger Jahren dafür sorgen, dass Österreich auf der internationalen Film-Landkarte einen fixen Platz hat: die Experimentalfilmer, unter denen heute Peter Tscherkassky, Martin Arnold, Virgil Widrich, Josef Dabernig und Mara Mattuschka sowie u.a. Siegfried A. Fruhauf, billy roisz, Michaela Grill, Johann Lurf und Björn Kämmerer zu den prominentesten Aktiven zählen. „International kommt dem experimentellen kurzen Film sicher größere Bedeutung zu“, sagt Doris Bauer vom Sommer-Kurzfilmfestival espressofilm, „er ist eine Art österreichisches Markenzeichen“. Daher gehört er für sie – wie die Festivallandschaft – dringend gestärkt.
Da der experimentelle Bereich ebenfalls von der „kleinen Filmförderung“ abgedeckt werden sollte, dies aber angesichts der seit Jahren gleichbleibenden Ausstattung dieses Subventionstopfes immer schwieriger wird, orientieren sich viele Filmkünstler inzwischen verstärkt in Richtung Galerien und Museen. So droht dem Kino langsam, aber sicher die Avantgarde abhanden zu kommen. Mit der Länge der Filme, wie anfangs angesprochen, hat das in dem Fall nichts zu tun. Im Kunstkontext laufen die Werke schließlich ohnehin zumeist im Loop.
Daniel Ebner ist Filmjournalist der APA Austria Presse Agentur und künstlerischer Leiter des Kurzfilmfestivals VIS Vienna Independent Shorts.
