Anmerkungen zu drei chinesischen Filmen bei der Berlinale.
Es ist eine langjährige Tradition der Berlinale, dem Filmschaffen der Volksrepublik China recht breiten Platz einzuräumen, manchmal sogar mehr Platz, als dass die Qualität der Filme Schritt halten hätte können. Auch 2014 gab es, quer durch die verschiedenen Festival-Sektionen, reichlich chinesische Filme zu sehen.
Drei markante Beispiele sollen hier herausgegriffen werden, die, wenngleich von unterschiedlicher Qualität, eine beachtliche Bandbreite demonstrieren. Im Internationalen Forum des Jungen Films war Gui rizi (Shadow Days) von Zhao Dayong zu sehen. Der 44-jährige Regisseur, der 2006 mit Street Life ein interessantes Debüt geliefert hatte, legt einen Film vor, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hart aufeinanderprallen. Der junge Renwei und seine schwangere Freundin, die den schönen Namen „Granatapfel“ trägt, kehren in das Heimatdorf des Mannes zurück, das hoch oben in den bewaldeten Bergen einer nicht näher genannten chinesischen Provinz liegt. Hier ist die Großstadt, hier sind die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen weit entfernt – das erkennt man schon daran, dass die Ein-Kind-Politik, die ja gerade abgeschafft wird, noch mit eiserner Härte praktiziert wird und Verstöße drastisch geahndet werden. Obwohl die alten Partei-Parolen an den Wänden längst verblasst sind, obwohl eine Mao-Statue demontiert und abtransportiert wird und obwohl ein großes altes Haus demnächst abgerissen wird, herrscht hier ein unguter Geist, wie auch der Titel insinuiert. Die Schatten der Vergangenheit sind lang, und Renweis Onkel, der Bürgermeister des Dorfes, versteht sich als Funktionär vom alten Schlag. Auch dass Renwei selbst einiges zu verbergen hat (die Polizei sucht ihn offensichtlich, und er braucht eine neue Ientitätskarte), verstärkt den Eindruck, dass hier nichts Gutes passieren wird. Wie Zhao Dayong die ständig zunehmende Bedrohung inszeniert, das ist schon bemerkenswert, und so entfaltet sich das recht grimmige Szenario einer Gesellschaft, die mit sich selbst nicht im Reinen ist.
Um Leben im Schatten geht es auch in Ye (The Night), dem erstaunlichen, im Berlinale-Panorama gezeigten Debütfilm des erst 21-jährigen Zhou Hao. Der Regisseur spielt auch selbst die Hauptrolle, einen jungen Mann, der sich einer anonymen Großstadt als MB (= Moneyboy) verdingt, also als Strichjunge. Seine nächtlichen Auftritte bereitet er minuziös vor dem Spiegel vor, ist immer bestens gestylt, frisiert und gekleidet. Er nennt sich selbst Tuberose, nach einem Lied der wunderbaren, allzu früh verstorbenen taiwanischen Sängerin Teresa Tang, der betörende Schlager den Soundtrack zu The Night liefern. An seinem allnächtlichen „Standort“ lernt er Narzisse, eine junge Frau, kennen, die sich ebenfalls prostituiert, und Rose, einen seiner Freier, der große Zuneigung zu Tuberose und zu dem Mädchen fasst. In einem variablen Spiel des Aufeinander-Zugehens und Einander-Abweisens entsteht eine nicht recht hoffnungsvolle Dreiecks-Konstellation, die – wie so manches andere in dem Film – an die virtuosen Melodramen Wong Kar-wais, allen voran Happy Together und In the Mood for Love, erinnert. Das ist zwar per se nicht sehr originell, aber hinter den offensichtlichen Anleihen beim großen Vorbild erkennt man in Zhou Hao ein erzählerisches und visuelles Talent. Manche der nächtlichen Bilder sind von so überwältigender Schönheit, manche der Dialoge von so lakonischem, umwerfendem Humor, dass man gerne über die deutliche Bezugnahme auf Wongs Filme hinwegsieht.
Schatten, aber vor allem die gleißende Sonne in der großen Wüste im Nordwesten Chinas, prägen Ning Haos Wettbewerbsbeitrag Wu ren qu (No Man’s Land). Ob dieser grimmige Genrefilm in den Wettbewerb passt, sei dahingestellt, Tatsache ist, dass sich um eine kraftvolle, ungewöhnliche und in höchstem Maße elektrisierende Variante des chinesischen Big-Budget-Mainstreamfilms handelt. Ein junger, schnöseliger Anwalt namens Pan Xiao reist in die ferne Provinz, um dort einen Mann freizuboxen, der sich mit der (illegalen) Jagd nach Falken, die an Scheichs und Emire im Nahen Osten verkauft werden, sein Geld verdient. Arrogant und herablassend gegenüber der lokalen Polizei, gewinnt Pan Xiao den Prozess und bekommt von seinem Mandanten ein Auto geschenkt, mit dem er sich auf den Heimweg durch die bizarren Wüstenformationen macht, die dem legendären Momument Valley um nichts nachstehen. Zu sagen, dass die Reise für ihn reich an Komplikationen sein wird, wäre eine schamlose Untertreibung, aber jeder Versuch, die haarsträubenden Ereignisse zu beschreiben, die ihm widerfahren, wäre eine Gemeinheit gegenüber allen, die vielleicht noch die Chance haben, diesen Film zu sehen (bei der Viennale?). Ning Hao erzählt forsch, zielstrebig und hat sich offenbar intensiv mit der Ikonografie, dem Figurenpersonal und den dramaturgischen Notwendigkeiten des (Italo-)Western beschäftigt. Davon kündet auch ein prächtiger Soundtrack, der buchstäblich mit Pauken und Trompeten aufwartet. Zwischen all der Action ist aber auch Zeit für durchaus tiefschürfende und düstere Gedanken über die Natur des Menschen und für eine zart sich anbahnende Romanze zwischen dem von seiner Reise gebeutelten Anwalt und einer jungen Frau, die es auf besonders unglückliche Weise in die Wüste verschlagen hat. Fazit: ein großartiges Lehrstück über die sinnlichen Möglichkeiten des Kinos, auch und besonders im Umfeld des wie jedes Jahr von den Kritikern arg zerzausten Berlinale-Wettbewerbs.
