„New Girl“-Showrunner Liz Meriwether über den Writers’ Room ihrer Hit-Sitcom, die Kritik am sonnigen Gemüt ihrer Hauptfigur und Humor, der unter die Gürtellinie geht.
Sie sind eine Marke mit Star Appeal und repräsentieren eine neue Liga hochwertiger TV-Serien. Showrunner sind Hybriden, schrieb „LA-Times“ Kolumnist Scott Collins: „a curious hybrid of starry-eyed artists and tough-as-nails operational managers“. Liz Meriwether, die Schöpferin der US-Sitcom New Girl, gilt neben Lena Dunham (Girls) oder Whitney Cummings (2 Broke Girls) als Indikator für den wachsenden Einfluss weiblicher Comedy-Autorinnen in Hollywood. Vor ihrem Durchbruch mit No Strings Attached (2011) schrieb die Yale-Absolventin Theaterstücke in New York. New Girl befördert sie nun in die Riege amerikanischer Hit-Serien und schenkt ihrem Publikum eine Figur mit Widersprüchen wie sie schon Marlo Thomas in der Sixties-Serie That Girl (und später Ally McBeal) darstellte.
Jess (perfekt besetzt mit Zooey Deschanel) ist exzentrisch und pflegebedürftig, zugleich aber attraktiv und klug. Ihre Schecks sind mit Babyfarmtieren und ihre Kleider mit Pünktchenmuster bedruckt. Absonderliche Rollenspiele sind keine Ausnahme. Weil sie ihren Freund beim Seitensprung erwischt und ihre beste Freundin Cece (Hannah Simone) in einer Model-WG lebt, zieht sie in eine Wohngemeinschaft mit drei Männern, die mindestens genauso grotesk sind: Nick (Jake Johnson), Barkeeper und Zyniker du jour, kämpft gegen das Scheitern seiner Existenz. Schmidt (Max Greenfield), ein vermeintlicher Casanova, wird am Arbeitsplatz von Frauen unterdrückt. Und Winston (Lamorne Morris) ist eben erst von einer wenig glamourösen Basketballkarriere in Lettland zurückgekehrt. So die Ausgangslage.
Die Kritik am neuen Mädchen und ihrem überspannten cute factor wurde so laut, dass man in Folge 11 auf selbstironische Weise darauf reagierte. Nicks Freundin konfrontiert Jess mit ihrem Mädchengetue, den blauen Kulleraugen hinter der Hipster-Hornbrille und ihrer „blue birds come dress me in the morning“ Nummer. Deschanel verkörpert eine Kindlichkeit, die in der Regel für männliche Kollegen reserviert ist, und holt die Judd-Apatow-Schule vor einen weiblichen Erfahrungshorizont: Penisgipse, Menstruationswitze und skurrile Trinkspiele sind die Regel.
Spätestens mit der zweiten Staffel können fast alle Protagonisten gleichwertige Erzählstränge und Neurosen vorweisen, während sich zwischen Nick und Jess (wie sollte es auch anders sein) ein When Harry Met Sally-Moment anbahnt. Das hat in der Vergangenheit gut funktioniert und tut es immer noch für jeden, der gerne jungen, gut aussehenden Freunden bei ihrer Alltagsbewältigung zusieht (siehe Friends). Das Setting spiegelt adäquat jenen Zeitgeist wider, in dem sich Endzwanziger heute unfreiwillig vorfinden: Individualismus als Mantra des Westens und die WG als Symbiose weiblicher und männlicher Lebenswelten, aufgelöst in einem verkorksten Familiensurrogat.
Was sind Ihre Aufgaben als Showrunner? Sehen Sie New Girl als eine Art Auteur-Show?
Ich bin der letzte Gatekeeper für alles und das ist gut so. Ich suche auch die Musik aus und mache viel Editing. Für manche Folgen bin ich die ganze Zeit über am Set. Ich habe zuvor noch nie im Fernsehen gearbeitet. Ich hatte Theaterstücke und einen Film geschrieben und wurde hier als Autorin aufgenommen und nicht als jemand, der nur einen Teil in einer Fabrik anfertigt. Das war großartig und ich denke, es hilft auch der Serie, weil über allem die Vision einer Person steht. Natürlich nicht in einer kreativen Freiheit wie das vielleicht Mad Men [AMC] oder Girls [HBO] machen können, denn die produzieren weniger Folgen. Wir dagegen drehen 25 Folgen innerhalb von acht Monaten. Die Sache mit dem Network-TV in Amerika ist, dass du die Zeit einfach nicht hast. Das kann gut oder schlecht sein. (Lacht.) Ich denke, Networks hätten gern Auteur-Showrunner, aber der Zeitplan erlaubt es nicht.
Geben Sie einen kurzen Überblick über Ihren Writers’ Room.
Wir haben dreizehn Autoren, und dann sind da noch Dave Finkel, Brett Baer und ich. Ich glaube, es war Tina Fey, die gesagt hat: „Du musst Leute einstellen, mit denen du einen langen Road Trip machen würdest“. Sie werden zu deiner Familie. Bei unserer Serie geht es sehr stark um Charakter und Emotionen, und daher weniger um „Wer ist am witzigsten und hat den größten Schwanz?“ (Lacht.) Wir arbeiten zunächst alle zusammen an der Geschichte. Danach hat ein Autor eine Woche lang Zeit, das Skript zu einer Episode zu schreiben. In hundert Prozent der Fälle schreiben wir diesen ersten Entwurf um. Der Autor wirkt dann sehr intensiv an der Folge mit und ist die ganze Zeit über am Set.
Wie ist die Idee für die Serie entstanden?
Ich habe mich in meinem Freundeskreis umgesehen und gefragt, warum ich immer wieder zu männlichen Freunden anstatt zu weiblichen gehe. Ich hatte da eine komische Erfahrung mit einem Kerl. Wir sind Freunde geworden und gleichzeitig wurden unsere Ex-Freunde ein Paar. Es war eine verrückte Situation! Daraus entstand die Beziehung zwischen Nick und Jess.
Haben Sie jemals mit drei Männern zusammengewohnt?
Nein, aber ich bin oft zu einem Freund von mir gegangen, der mit zwei Jungs in Williamsburg, New York, gewohnt hat. Davon ist viel mit in die Show eingeflossen. Ich schreibe viel über die Beziehungen in meinem Leben.
Und es hat Sie noch nie jemand verklagt?
Ich verstecke es gut! (Lacht.)
Wer oder was hat Sie geprägt in Sachen Comedy?
Als ich aufgewachsen bin, mochte ich wirklich jeden Woody-Allen-Film, speziell die früheren, etwas verrückteren. Einer meiner Lieblingsfilme ist Take the Money and Run wegen seiner absurden Momente. Die britische Show Green Wing habe ich mir angesehen, während ich an der Pilotfolge von New Girl gearbeitet habe. Sie hat ähnlich verrückte Verschiebungen im Ton, ist physical comedy, hat aber auch romantische Elemente. Ich habe mich ja selbst nie als komisch wahrgenommen. Mädchen werden nicht wirklich dazu ermutigt komisch zu sein. Bei mir kam das erst, als ich meinen ersten Vertrag für eine Sitcom unterschrieben habe. Der Pilot hieß Sluts, ging aber nicht in Serie. Es musste mich erst jemand als Comedy-Autorin einstellen, damit ich mich selbst als Comedy-Autorin sehen konnte.
Denken Sie, dass die Zeiten besser geworden sind für weibliche Comedians? Die Zahl der Serien, die das Wort „Girl“ im Titel haben (New Girl, 2 Broke Girls, Girls) ist tendenziell steigend.
Ich hoffe es! Es gibt so viele fantastische weibliche Comedians und es ist keine große Sache mehr. Frauen machen nicht dies und Männer jenes. Wir beeinflussen uns gegenseitig. 30 Rock und auch Bridesmaids erzählen auf einzigartige Weise von weiblichen Lebenswelten. Das sind ehrliche, witzige Frauen, die kompromisslos über sich selbst schreiben.
Ist es Ihnen wichtig, Geschlechterrollen zu erforschen?
Wir haben uns nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, aber als wir Zooey gecastet haben, war uns bewusst, dass sie einen sehr speziellen Style hat. Sie hat diese wunderbare feminine Art, die aber auch sehr stark ist, und sie hat keine Angst vor diesem Widerspruch. Max Greenfield ist gut gebaut, also maskulin, aber er hat auch eine feminine Seite an sich. Wenn diese Widersprüche sichtbar werden, dann ist es für uns am witzigsten. In der ersten Season hatten wir eine Folge, Jess and Julia, da ging es um die Persona von Jess. Das war in diesem Fall übrigens eine direkte Reaktion auf Kritik an ihrer Figur im Internet.
Wann haben Sie Zooey Deschanel mit ins Boot geholt?
Der Pilot war schon fertig geschrieben. Ich kann mich erinnern, ich saß in meinem Auto und war am Telefon mit meinem Agenten, als der meinte, dass Zooey Deschanel Interesse hätte. Ich habe sofort das Lenkrad umgerissen und bin rechts ran gefahren. (Lacht.) Das war wirklich ein wunderbarer Moment, weil ich wusste: Das ist sie. Aber ursprünglich hatten wir nicht an sie gedacht.
Sondern?
An niemanden! Ich habe einfach über mich geschrieben. (Lacht.)
Schmidt ist einer der witzigsten Charaktere, die einem im Fernsehen seit langer Zeit begegnet sind, aber er ist auch kontrovers. Warum kommt er so gut an?
Das war eine Überraschung! Er ist zwar ein Idiot, aber im Grunde hat er ein gutes Herz und deshalb kommt er damit davon. Er ist wie ein Kind. Er braucht so viel Zuneigung und man will sie ihm einfach geben. Man muss den Grund aber bei Max Greenfield suchen. Er ist ein fantastischer Schauspieler und wir haben die Rolle auf ihn zugeschnitten.
Ähnlich Bridesmaids trifft auch bei New Girl Buddy-Comedy auf hohe emotionale Komplexität. Das muss sehr schwierig sein, diese schmale Linie zu fahren.
Genau das ist die Herausforderung. Du bist begeistert von einem Joke, aber wenn er kein emotionales Gewicht hat, ist es nicht witzig. Bridesmaids war so erfolgreich, weil die Charaktere einem wirklich am Herzen liegen. Wir fragen uns immer eines: Wann ist etwas zu emotional und braucht einen Joke und wann ist etwas zu albern und braucht mehr Gefühl? Das ist etwas, worüber wir ständig sprechen.
In der wohl berühmtesten Seinfeld-Folge geht es um Masturbation, das Wort wird aber kein einziges Mal erwähnt. Sie starten die zweite Season mit einer Penis-Party. Kommt man ohne diese Art von Humor überhaupt noch aus?
Als Seinfeld ausgestrahlt wurde, waren die Regeln im Fernsehen viel strikter. Als Autor musst du dich fragen: Bewegen wir uns in anstößigem Territorium oder ist es gerade noch an der Grenze der comfort zone? Da ist es am lustigsten. Wenn wir das machen würden, was Seinfeld in den Neunzigern gemacht hat, dann würden wir nicht diesen unangenehmen sweet spot treffen. Wenn du es falsch machst, dann ist es schlicht anstößig, aber wenn du es richtig machst, dann ist es anstößig und witzig zugleich. (Lacht.)
Fox hat eben erst eine dritte Season bestellt. Was haben Sie in den zwei Jahren gelernt?
Zwei Jahre! Es war definitiv eine unglaubliche Erfahrung. Ich kann gar nicht glauben, dass es erst zwei Jahre sind. Es fühlt sich an wie zehn! (Lacht.)
Demnach hätten Sie acht Jahre Ihres Lebens verloren …
Ja, ich habe neun Kilo zugenommen und acht Jahre meines Lebens verloren. (Lacht.) Du wirst an deine Grenzen gestoßen bis zu dem Moment, in dem dir die Ideen ausgehen. Für mich war es bislang ein permanenter Kampf insofern, als ich mich anderen Menschen gegenüber öffnen musste. Das kann sehr schwierig sein, wenn du ein weirdo-Autor bist. Das war definitiv die größte Herausforderung für mich.
