Gloria

Filmkritik

Gloria

| Roman Scheiber |

Wunderbar ehrliches Frauenporträt aus Chile

Dieser Film gehört zu jener Sorte Arthaus, die Publikum und Presse gleichermaßen zu betören versteht. Vorgestellt zu Beginn eines eher flauen Wettbewerbs bei der diesjährigen Berlinale, wurde er nach der Kritiker-Premiere heftig beklatscht, als emotional zugängliches Werk unter lauter „sperrigen Kunstfilmen“ beschrieben und konnte am Ende einen Silbernen Bären für seine Hauptdarstellerin Paulina García für sich verbuchen.

Gloria spielt in Santiago de Chile, doch Glorias Lebensumstände sind jenen von Millionen Frauen an vielen Orten der Welt vergleichbar: Sie ist seit zehn Jahren geschieden, offenbar mit sich im Reinen, durch einen 08/15-Bürojob finanziell unabhängig, nicht mehr jung, aber noch nicht alt. Ihre Augen lassen nach, hinter den riesigen Brillengläsern schaut sie mitunter etwas betroppetzt drein, aber dass diese Frau im Grunde weiß, was sie will, daran gibt es keinen Zweifel: nämlich mehr vom Leben, als sich hin und wieder mit ihren beiden erwachsenen Kindern zu treffen und auf Enkel aufzupassen.

Glorias liebste Abendbeschäftigung ist, auf Single-Tanzpartys zu gehen, wo man die Schlager aus ihrer Jugend spielt, sich von Männern zum Foxtrott bitten zu lassen und mit den netteren davon auch mal die Nacht zu verbringen, zum Beispiel mit dem ebenfalls geschiedenen Ex-Militär und Erlebnisparkbetreiber Rodolfo (Sergio Hernández). Dem muss sie vor dem Sex zwar erst den Hüftgürtel herunterreißen, doch das hindert sie natürlich nicht daran, sich nach ein paar hübschen Ausflügen mit ihm ein gemeinsames Leben ausmalen zu können. Dass er ihr seine Töchter partout nicht vorstellen mag und zum abschiedslosen Verschwinden neigt, macht sie jedoch skeptisch.

Trotz ungeschminkter Sexszenen geht es Regisseur Sebastián Lelio in seiner realistischen, genau beobachtenden, zart intimen Inszenierung nicht um Körperlichkeit jenseits des Jugendkults, schon mehr um die Liebe im verblühenden Alter, eigentlich aber um die Liebe als Substitut der Einsamkeit. Und Lelio liebt seine Hauptfigur: Der Film schmiegt sich buchstäblich um sie, atmet durch sie, bezieht seine gänzlich unkitschige romantische Energie durch sie. Der Begriff „Midlife Crisis Dramedy“ bietet sich an, denn Gloria stellt ein paar verrückte Dinge an, bis sie wieder zu sich kommt. Eine dramatische Rolle spielt die nackte Katze des Nachbarn, eine komödiantische spielt ein Paintball-Gewehr. Und mit „Gloria“ von Umberto Tozzi ist am Ende selbstverständlich zu rechnen. Gloria spürt darin wieder die unbeschwerte Lebenslust ihrer Jugend. Uns aber wird diese Schmonzette nie mehr so berühren wie in diesem Moment, durch Gloria hindurch gehört.