Ein großangelegtes wissenschaftliches Projekt ist dabei, mehr als hundert Jahre filmische Geschichte der Stadt Wien zu retten.
Beim Betreten der „Heiligen Hallen“ des Wiener Stadt-und Landesarchivs – dem sogenannten Depot –, dem Einatmen des ehrwürdigen Geruchs, ähnlich dem in einer alten Bibliothek, und vor allem beim Anblick der Regale voller Filmdosen, wird jedem Filmliebhaber doch etwas eng ums Herz bei dem Gedanken, dass diese kostbaren 16mm- bzw. 35mm-Streifen, die einen interessanten Teil der Geschichte Wiens repräsentieren, der chemischen Zersetzung zum Opfer gefallen wären, hätten sich nicht der Verein für Geschichte der Stadt Wien, das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft und das Wiener Stadt-und Landesarchiv ihrer erbarmt. Und „zersetzt“ ist hier im wahrsten Sinne des Wortes gemeint. Manche der über 700 „Wienfilme“ konnten nicht mehr gerettet werden.
Dachboden
Aber von Anfang an: Nach der Umstrukturierung der „media wien“, der ehemaligen Landesbildstelle Wien, übernahm das Wiener Stadt- und Landesarchiv im Wiener Gasometer im Jahr 2010 das Filmarchiv der „media wien“ von der Magistratsabteilung 13 (Bildung und außerschulische Jugendbetreuung). Das Filmarchiv umfasste fast 800 Auftragsfilme und Selbstdokumentationen der Stadt Wien und ihrer Magistratsabteilungen, Dokumentar-, Werbe- und Industriefilme, Wochenschauen und Amateuraufnahmen. Die Filme wurden auf dem Dachboden der ehemaligen Landesbildstelle gelagert und über die Jahre beinahe vergessen. 2010 wurden sie vom Wiener Stadt- und Landesarchiv zur Archivierung ins Depot aufgenommen und somit zugänglich gemacht.
2011 wurde das Projekt mediawien-film.at von den bereits erwähnten drei Institutionen ins Leben gerufen. „mediawien-film.at ist eine Online Datenbank zur Erschließung des Bestandes ‚Filmarchiv der media wien’“, heißt es auf der Homepage. Im Rahmen des Projekts wurden die alten wiederentdeckten Filme filmwissenschaftlich analysiert und historisch kontextualisiert sowie nach Kategorien für eine Datenbank erschlossen, soll heißen: digitalisiert. Dem Projekt wurde von der Stadt Wien vorerst Unterstützung für drei Jahre zugesagt. Bis dato wurden 263 Filme digitalisiert, und dank der anhaltenden Unterstützung durch die Stadt (bis 2016) werden es täglich mehr. Klaus Stefan, Kameramann und Produktionsleiter, der in der nun geschlossenen Abteilung Filmproduktion der „media wien“ tätig gewesen war und sozusagen gemeinsam mit den Filmen ins Stadt- und Landesarchiv übersiedelte, sichtet die Filme und ist für deren Digitalisierung verantwortlich. In etwa zehn Jahren, meint er, sollten „die wichtigsten“ Filme digitalisiert sein.
Die Digitalisierung und Speicherung übernimmt das Wiener Stadt- und Landesarchiv, der Verein für Geschichte der Stadt Wien trägt die Kosten für die Wissenschaftler und stellt seine Website für die Datenbank zur Verfügung, und das Ludwig-Boltzmann-Institut und seine Experten stellen die Hintergrundinformationen zusammen, die in der Datenbank abrufbar sind, beurteilt die stadtgeschichtliche Relevanz der Bearbeitung, usw. Und die Datenbank kann sich wirklich sehen lassen. Es gibt nicht nur technische Informationen zu den Filmen oder eine Auflistung der involvierten Personen, man findet auch dem Filmkontext entsprechende topografische und historische Informationen, wie zum Beispiel Zeitungsartikel zum Thema. Eine Filterung nach Dekade, Genre, Schauplatz und Raumnutzung ist möglich. Es gibt drei Kategorien: Filme (264), Akteure (429) und Landmarks (270), die Zahlen ändern sich ständig.
Die Auswahl der zu bearbeitenden Filme unterliegt Kriterien wie Zustand, Alter, Säuregehalt, stadtgeschichtliche Wichtigkeit, Rechte, usw. Jene Filme, deren Zustand am kritischsten ist, kommen zuerst an die Reihe. Die Digitalisierung wird allerdings nicht im Stadt- und Landesarchiv vorgenommen, sondern bei der Firma Synchro im 7. Wiener Gemeindebezirk. Die Filme werden deshalb „nur“ digitalisiert, weil die Anfertigung einer Kopie auf 16- bzw. 35 mm finanziell untragbar wäre und auch deswegen, weil sie zur privaten bzw. wissenschaftlichen Nutzung einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden sollen. Oder, wie es Brigitte Rigele, Direktorin des Wiener Stadt-und Landesarchivs, formuliert: „Nur erhalten nützt nichts, man soll sie sich auch ansehen können!“
Rechteprobleme
Die Qualität der digitalisierten Filme ist jedenfalls sehr hoch. Das zeitliche Spektrum reicht von 1908 bis 2010. Die Datenbank umfasst vorerst aber nur Filme bis zum Jahr 1980. Es handelt sich um Dokumentationen, Kurzfilme, Industriefilme, usw., sogenannte „sponsored films“, die kommunalpolitische Themen behandeln und entweder Werbe- und/oder Erziehungscharakter haben. Sei es in Asphalt eine Ode an den neuen Teer, der 1961 die Straßen Wiens verbessern soll, die Aufforderung, Schwimmen zu lernen, im amüsanten Animationsfilm Lerne Schwimmen, der als Werbefilm zwar etwas fragwürdige, aber für die damalige Zeit typische, sehr ehrliche Film Nachbar im Herbst oder die Doku-Reihe Ein Tag mit…. Neben Laien leisteten beliebte Schauspieler der damaligen Zeit wie Fritz Heller oder Heinz Conrads in jenen Filmen ihren Dienst an der Gesellschaft. Die Filme fanden auch schon vor dem Zeitalter des Fernsehens ihren Weg zum Publikum – nämlich im Kino, als Vorfilme. Heute sollen sie, so Rigele, nicht kommerziell, sondern privat und zu wissenschaftlichen Zwecken genutzt werden.
„Die komplexe rechtliche Situation“ stellt, laut Brigitte Rigele, eine Schwierigkeit im Rahmen des Projekts dar. Handelt es sich nicht um Eigenproduktionen der Stadt, müssen die Rechte für eine Veröffentlichung geklärt werden, damit der Film ins Netz gestellt werden darf, auch bei verwaisten Werken. Doch die Klärung der Rechte gestaltet sich oftmals äußerst schwierig, da bei den Filmproduktionen die rechtliche Situation oft nur mangelhaft deklariert bzw. dokumentiert wurde. Die Suche nach allen Beteiligten der Werke bleibt daher manchmal ohne Erfolg. Neben dem Faktor der Datenmenge, die bei diversen Werken immens ist, ist somit auch der Faktor Copyright ausschlaggebend dafür, ob ein Film in der Online-Datenbank abrufbar ist oder nicht. Manche sind demzufolge aus rechtlichen Gründen nur in Ausschnitten verfügbar.
Sollte jedoch jemand den Film gerne in voller Länge sehen, so könne er/sie dies gerne auf Anfrage tun, eben – je nachdem – am Schneidetisch oder am PC im Wiener Landes-und Stadtarchiv, so Klaus Stefan. Ihren Zweck habe die Datenbank schon des Öfteren erfüllt, erzählt Stefan: Einmal habe sich ein Herr gemeldet, der mit Freuden seine verschollen geglaubte Diplomarbeit an der Filmakademie Wien – über den Schlachthof St. Marx – wiederentdeckt habe. Oder: Ein Pensionist habe bekanntgegeben, dass er einer der Darsteller in einem Film sei. Informationen dieser Art werden vom Projektteam natürlich höchst erfreut entgegengenommen und tragen zur Vervollständigung der Datenbank bei.
Die Rettung der Filme und die Schaffung einer Online Datenbank mit einer Fülle an Hintergrundinformationen, die für jeden zugänglich ist – und das gratis – ist eine wahre Bereicherung für die Wissenschaft, für die Filmgeschichte, für die Stadt Wien, aber auch für jede Privatperson, die sich für Film, Geschichte, Werbung und ähnliches interessiert. Das Österreichische Filmmuseum etwa hat schon dreimal einen Film aus dem Filmarchiv der „media wien“ im Kino gezeigt! Mit der neuen Online Datenbank mediawien-film.at kann man sich nun auch von zu Hause aus näher mit der Thematik beschäftigen oder einfach –sehr zu empfehlen – nur zum Spaß Wienfilme schauen!
