Captain Phillips – Drei Farben der Wirklichkeit – Ein Interview mit Paul Greengrass

Drei Farben der Wirklichkeit

| Dieter Oßwald |

Paul Greengrass  über „Captain Phillips“, über die Arbeit mit Tom Hanks und über den globalen Konflikt zwischen Arm und Reich.

Für sein IRA-Drama Bloody Sunday gewann er den Goldenen Bären in Berlin. Mit seinen stilbewussten Agenten-Krimis Die Bourne Verschwörung und Das Bourne Ultimatum präsentierte der Brite Paul Greengrass profitables Popcorn-Kino der Premium-Klasse. Eine Oscar-Nominierung gab es für United 93, der von der Flugzeug-entführung während der Terroranschläge des 11. September handelt. Im Politthriller Green Zone ließ er danach Matt Damon in Bagdad die Lügen des Pentagon entlarven. Nun erzählt der Brite mit Captain Phillips und mit Tom Hanks in der Titelrolle die wahre Geschichte einer Schiffsentführung vor der somalischen Küste.

Laut Präsident Obama ist dieser Kapitän ein leuchtendes Beispiel für Mut. Ist er für Sie ein Held?
Zunächst ist er ein echter Typ, das mochte ich an ihm. Der Begriff des Helden wurde oft inflationär missbraucht und bekam eine sentimentale Qualität. Je öfter vermeintliche Helden bei jeder Gelegenheit überall ausgerufen wurden, desto stärker hat das Wort seinen ursprünglichen Wert verloren. Gerade deshalb hat es mir gefallen, wie eindrucksvoll und gebrochen Tom Hanks diese Figur gestaltet. Er zeigt ihre menschlichen Schwächen, ihre Angst und Unsicherheit. Zugleich gibt es Mut und Mitgefühl – das sind die Farben der Wirklichkeit.

Was macht für Sie die Star-Qualität von Tom Hanks aus? Am Aussehen kann es kaum liegen …
Tom Hanks ist ein Schauspieler, der stets nach Wahrhaftigkeit sucht und zwar im Bereich ganz normaler Menschen. Im Unterschied zu all den Superhelden auf der Leinwand hat Hanks immer auch den ganz normalen Typen verkörpert, der über sich hinauswächst – das gilt übrigens ähnlich für Matt Damon. Deswegen arbeite ich so gerne mit den beiden, und deswegen mag sie das Publikum so gerne.

Alle lieben Tom Hanks. Können Sie uns eine seiner negativen Eigenschafen verraten?
Da muss ich passen. Tom ist eine absolut liebenswerte Person, ein wirklich netter Typ, der sehr hart arbeitet. Alle Regisseure loben ihre Schauspieler in den höchsten Tönen – aber in diesem Fall entspricht es tatsächlich der Wahrheit. Ich kann es mit einem kleinen Beispiel unterstreichen: Üblicherweise bekommt ein Schauspieler am letzten Drehtag eine kleine Abschiedsrede mit obligatorischem Beifall. Bei Tom hingegen gab es tosenden Applaus von der gesamten Crew.

Sie gestehen den Piraten ausdrücklich zu, die Taten mit ihrer katastrophalen wirtschaftlichen Lage zu begründen. Wie schwierig ist solche Ausgewogenheit in Hollywood durchzusetzen?
Das kommerzielle Kino in den USA ist sehr stark auf seine Genres fixiert. Aber auch in diesem Rahmen gibt es mehr Möglichkeiten und Freiheiten, als man glaubt. Zumindest habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich immer das tun konnte, was ich wollte. Gefängnisse entstehen eben oft nur im Kopf und sind in der Wirklichkeit gar nicht vorhanden. Wer Einschränkungen erwartet, der wird sie finden. Wer sie nicht erwartet, der findet Freiheit.

Sie kommen ursprünglich vom politischen TV-Journalismus. Wie wichtig ist diese künstlerische Freiheit im Kino für Sie?
Für mich ist Wahrhaftigkeit das höchste Gut. Ich möchte meine Figuren so zeigen, wie ich sie sehe. Ich möchte die Welt so darstellen, wie ich sie erlebe. In meinen Geschichten verzichte ich auf Klischees und moralische Vorverurteilungen, soweit es nur möglich ist. Mir ist wichtig, die Menschlichkeit in den jeweiligen Situationen zu entdecken – und daraus ergibt sich die Wahrheit.

Sie haben eine große Liebe für kleine Räume. United 93 spielt in einem Flugzeug, Captain Phillips vor allem in einem kleinen Rettungsboot. Drehen Sie als nächstes im Dixie-Klo?
Das wäre großartig! Mein Kameramann Barry Ackroyd war tatsächlich ziemlich genervt von den Dreharbeiten in dieser Enge und hat verlangt, dass, wenn er den nächsten Film mit mir  macht, er dann sehr viel mehr Platz bekommt. Mir gefiel einfach der Kontrast zwischen dieser klaustrophobischen Atmosphäre im Rettungsboot und der unendlichen Weite des Ozeans.

Sind die Enge und die Weite der Räume eine Metapher?
Absolut, für mich ist das eine schöne Metapher für eine Welt, die aufgeteilt ist in Habenichtse und Wohlhabende. Die Schifffahrtsrouten der Reichen passieren die Strände der Ärmsten. Das war im 18. Jahrhundert der Fall, und das ist heute noch so. Man muss sich nicht wundern, dass dies zu Raubzügen führt. Seien es die Piraten von einst, Butch Cassidy und Sundance Kid, die Eisenbahnen überfielen, oder die Mafia, die LKWs plünderte. Wo es Verzweiflung und Armut gibt, dort blüht das Verbrechen. Und schnell entsteht daraus die organisierte Kriminalität.

Verstehen Sie Captain Phillips als einen Krimi?
Auf jeden Fall. Die besten Krimis erzählen bekanntlich auf sehr einfache und wahrhaftige Weise von einer Welt, die zwischen Arm und Reich geteilt ist. Mit solchen Geschichten lernt man zu verstehen, warum bestimmte Dinge so passieren, wie sie es tun. Das möchte ich moralisch überhaupt nicht bewerten, denn solch einer Haltung versperrt die Sicht auf die Wahrheit.

Die Piraten entern auf hoher See mit Ihrer Nussschale ein Containerschiff – wie dreht man das?
Wir haben tatsächlich fast alles auf hoher See gedreht, lediglich die Szenen, in denen Tom Hanks ins Meer fällt, entstanden im Studio. Auf diese Art zu drehen ist schwierig und bedarf einer Menge von Sicherheitsvorkehrungen – aber es ist machbar. Allerdings braucht man einen Star, der den Mut beweist, das alles zu machen.

Die Piraten sind mit dieser kleinen Leiter auf das große Schiff geklettert?
Absolut. Es handelt sich dabei sogar um das identische Schiff, wofür wir dessen Schwesterschiff für sechs Wochen während der Dreharbeiten genutzt haben. Auch das amerikanische Kriegsschiff und das Rettungsboot entsprechen genau dem Original von damals. Für mich sind das wichtige Elemente, denn diese echten Schauplätze haben sehr viel zu erzählen und tragen enorm zur Glaubwürdigkeit bei.

Was sagt der echte Kapitän Phillips zu Ihrem Film?
Sein Buch war die Basis für unseren Film, zudem haben wir bei den Militärs für die Geschichte recherchiert. Tom hat sich mit Phillips getroffen, um mehr über sein Verhalten, sein Denken und seine Körpersprache zu erfahren. Ich traf ihn, als er uns einmal bei Dreharbeiten besuchte. Inzwischen bereist er wieder als Kapitän die Meere.

Hatten Sie Kontakt mit den Piraten, deren Anführer in einem US-Gefängnis einsitzt?
Aus rechtlichen Gründen war das leider nicht möglich. Aber ich traf Leute, die ihn kannten. Zudem haben wir umfangreiche Recherchen zum Thema Piraten und dem ganzen System dieses organisierten Verbrechens unternommen.

Das Thema scheint mittlerweile aus den Medien verschwunden zu sein. Wie aktuell ist das heute noch?
Vor kurzem sagte ein US-Admiral, der für die Bekämpfung der Piraterie zuständig ist: „Unsere Chancen sind hundertmal größer, die Probleme in Afghanistan zu lösen als die Probleme mit der Piraterie.“ Wir erleben auf diesem Schauplatz die globalen Probleme zwischen Arm und Reich, die uns noch lange beschäftigen werden.

Sie haben für das Fernsehen gearbeitet. Viele Kreative sehen dort, nicht erst seit Breaking Bad, die Zukunft. Geht es Ihnen ähnlich?
Nein, die Zukunft gehört beiden Medien. Man kann im Fernsehen eine sehr lange Geschichte auf ganz raffinierte Weise erzählen. Aber dieser Effekt des gemeinsamen Kinoerlebnisses auf der Leinwand ist damit nicht zu schlagen. Jede Geschichte braucht ihr passendes Medium.