Mit seiner neuen Serie „Hannibal“ serviert Creator Bryan Fuller ein deftiges 13-Gänge-Menü und öffnet damit ein noch ausstehendes Kapitel im Universum von Thomas Harris.
„I don’t find you very interesting“, sagt Graham, während er herzhaft Lecters hausgemachten „Protein-Snack“ verspeist. „You will“, antwortet Lecter.
Es war Regisseur Jonathan Demmes Romanadaption Silence of the Lambs (1991) und eine sechzehnminütige Performance von Anthony Hopkins, die aus einer literarischen Figur ein Synonym für Kannibalismus und aus dem Serienmörder ein gesellschaftstaugliches, popkulturelles Motiv machte. Frei nach dem Motto „Eat the rude“ nährte „Hannibal the Cannibal“ unseren Appetit auf Horror, doch es sind die Vision von Creator Bryan Fuller und die Interpretation von Mads Mikkelsen, die diesem Charakter auf subtile und enigmatische Weise neues Leben schenken. Die Serie setzt vor ihrer Literaturvorlage „Red Dragon“ (1981) und deren Verfilmungen Manhunter (Michael Mann, 1986) und Red Dragon (Brett Ratner, 2002) an und schließt damit eine Lücke im Œuvre von Schöpfer Thomas Harris, der hier auch als Koautor geführt wird. Bisherige Versuche, den Kannibalen in freier Wildbahn zu zeigen (Hannibal, Hannibal Rising) verweilten im Schatten ihrer Vorgänger.
Weil er in einer Mordserie an jungen Frauen in einer Sackgasse gelandet ist, holt Jack Crawford (Laurence Fishburne) Will Graham (Hugh Dancy) ins Team. Der Profiler, der nach einem Nervenzusammenbruch an der FBI-Akadamie unterrichtet, hat – nicht unähnlich einem Superhelden – eine zweischneidige Gabe. Er kann sich in die Psyche von Kriminellen hineinversetzen und deren Fantasien rekonstruieren. „My horse is hitched to a post that is closer to Aspergers and autistics than narcissists and sociopaths”, sagt er über sich selbst. Weil Graham psychisch labil ist, stellt Crawford ihm den Psychiater Dr. Hannibal Lecter zur Seite, der glaubt, in Will einen Freund gefunden zu haben und fortan als Mentor und Stabilisator fungieren soll.
Wie bei Demme steht im Zentrum der Serie nicht ihr titelgebender Held. Im Unterschied zu Clarice Starling läuft Hannibals Patient und Kollege Graham jedoch mit jedem neuen Fall Gefahr zu zerbrechen. Im Sinne Nietzsches: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
Der Reiz Hannibals gutbürgerlicher Küche und der Serie von Bryan Fuller liegt u.a. darin, dass seine Gäste nicht wissen, dass die Kalbsleberpastete nicht von einem Kalb stammt – wir aber schon. Die Episoden sind im Original charmant mit Begriffen aus der französischen Küche wie „Apéritif“ oder „Sorbet“ betitelt, die Zubereitung von Menschenfleisch mit einem kulinarischen Consultant abgesprochen. Die Opfer in Hannibal werden uns, mitunter auf dem Teller, wie Kunstobjekte offeriert und so der Mord zur Kunst, der Mörder zum Künstler erhoben. Menschliche Pilzkolonien und Mädchen, gepfählt auf Hirschgeweihen, können auch appetitlich aussehen.
Mit zwei Beaus, dem Briten Hugh Dancy und dem gegenwärtig begehrtesten dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen, ist das Projekt geschmackvoll ausgestattet. Beide unterwandern sie in der Gesellschaft verankerte Ideologien und bringen den Krankheitsbegriff zum Einstürzen. Eine Konversation zwischen Lecter und seiner Psychiaterin veranschaulicht die Idee von Gesundheit als eine Form von Angepasstheit, psychische Erkrankungen als Alternative zur Norm und Ausweg aus einer existenziellen Krise.
„It takes one to know one“
Nach einem TV-Jahrzehnt, das mit Tony Soprano, Don Draper, Walter White oder Frank Underwood den Antihelden zum Helden beförderte, mit Dexter Morgan den Psychopathen als Spektakel und Sekundärerfahrung zelebrierte und uns nicht selten moralisch den Boden unter den Füßen wegzog, müssen wir uns fragen: Haben wir dieses Klischee nicht schon bis in seinen letzten Winkel exploriert? Die Antwort des Fernsehjahres 2013 lautet: nein. Mindestens sieben neue Projekte erforschen das Motiv des Serienmörders, u.a. Bates Motel, The Following, The Fall oder The Bridge.
Schon seit den Siebzigern erfreut sich der Serienmörder in der Öffentlichkeit einer dubiosen Faszination. Er hat ein Konzept, aber kein erkennbares Motiv, was ihn zur metaphysischen Inkarnation des Bösen macht. Er verkörpert all jene Ängste, die unsere westliche Kultur unterdrückt und lebt suppletorisch für uns eine exzessive Existenz aus. Kann man dieser Theorie nichts abgewinnen, gibt es u.a. auch die Lesart des Serienmörders als pervertierte Verlängerung kapitalistischer Arbeitsrationalisierung. Vielleicht lässt sich ja der Grad der Zivilisation einer Gesellschaft am mentalen Zustand ihrer Psychopathen messen. Aber in einer Zeit, in der Psychopharmaka Hochsaison feiern, müssen Ermittler mindestens genauso schizoid sein wie ihre Täter. Will Graham repräsentiert, ähnlich wie der funktionstüchtige Soziopath Sherlock Holmes, das Ende der Dichotomie von Wahnsinn und Genie, was nicht selten ermüdend mitanzusehen ist. Das Team bleibt den Charakteren von Harris treu. Hannibal ist ein kultivierter Snob mit einem makaberen Sinn für Humor und einer Schwäche für Haute Cuisine. Er pariert, klopft, beizt, brät und tranchiert. Mads Mikkelsen mimt ihn aalglatt, eitel und nicht humorlos, aber undurchdringlicher als Hopkins oder Brian Cox in Manhunter.
Creator Bryan Fuller war bekannt für, aber wirtschaftlich erfolglos mit Serien wie Pushing Daisies oder Dead Like Me. Als er sich dazu entschloss, die Serie zu schreiben, fragte er sich, was David Lynch mit Dr. Lecter gemacht hätte, denn sowohl Lynch als auch Peter Weirs The Last Wave und Stanley Kubricks The Shining (mit Augenmerk auf die Badezimmer in Episode 1 und 7) seien Quelle der Inspiration gewesen. Das Konzept konnte die Erwartungen der US-amerikanischen Kritik übertreffen, wurde aber nicht wegen seiner „tadellosen“ Drehbücher und bedeutungsschwangeren Dialoge, sondern aufgrund seiner polierten Bilder zu einer der größten Überraschungen des Jahres. Auch wenn Hannibal – wie beispielsweise Criminal Minds (seit 2005) – episodisch in einer Endlosschleife und fast im Wochentakt einen skurrilen Serienkiller abarbeitet und man den Eindruck gewinnt, dass jeder fünfte Amerikaner ein Serienmörder sein muss, folgt die Serie parallel dazu eben dem subversiven Katz-und-Maus Spiel zwischen Lecter und Graham, das die gesamte Staffel umspannt und kleine Plot Twists zu bieten hat.
Feministische Sprengkraft hat die NBC-Serie nicht (weil keine Clarice Starling), doch Hannibal punktet da, wo es Network-Serien in der Regel nicht können: mit einer genießbaren Portion Gore, Überraschungsmomenten und reizvollen Schauspielern, und vor allem mit der mal feinfühligen, mal übersteigerten Ästhetik von Regisseuren wie David Slade (Hard Candy) und Guillermo Navarro (Pan’s Labyrinth), die surrealistische (Alp-)Traumsequenzen mit impressionistischen Details alternieren. Betritt Will einen Tatort, wird die Szene mit ihm in der Rolle des Täters zurückgespult.
Obwohl die Einschaltquoten kein Feuerwerk auslösten, reichte der Funke, um das Projekt zu verlängern. Hannibal hat zunächst einen eigenartigen Vorgeschmack, entwickelt dann aber ein kräftiges Aroma und ein delikates Finale. Kompliment an die Küche.
