„The Big Bang Theory“: Wissenschaftsvermittlung der anderen Art.
Wenn es darum geht, die Überlegenheit der Stringtheorie im Vergleich zur Theorie der Schleifenquantengravitation unter Beweis zu stellen, nähert sich für den überwiegenden Teil der Menschheit der Spaßfaktor einem Nullpunkt an. Selbst der durch die „Science Busters“ bekannte Wissenschafter Werner Gruber würde vermutlich daran scheitern, dies in populäre Unterhaltung zu transformieren. Doch wenn Dr. Sheldon Cooper die fundamentale Bauweise des Universums mittels String- und der erweiternden M-Theorie erklärt, hängen ihm weltweit mittlerweile Millionen von eingefleischten Fans an den Lippen. Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine wissenschaftliche Lecture, ist Sheldon Cooper doch Mitglied des Kernteams der formidablen Sitcom The Big Bang Theory. Doch der unglaubliche Erfolgslauf dieser Serie – in den USA ist im September bereits Staffel sieben angelaufen, mit etwa 18 Millionen Zuschauern pro Folge – ist nicht nur wegen des wissenschaftlichen Hintergrunds ein Paradoxon. Denn in einer Ära des Fernsehserienbooms, in dem Autoren und Showrunner mit immer skurrileren Konzepten wie etwa transsexuellen Berufskillern die Aufmerksamkeit auf ihre Werke zu lenken versuchen, setzt The Big Bang Theory auf ein recht traditionalistisches Muster.
Der innere Kern der Gruppe unterschiedlicher Charaktere besteht aus vier wissenschaftlichen Koryphäen – alle in ihren Zwanzigern –, die am renommierten California Institute of Technology ihre Forschungen betreiben: dem theoretischen Physiker Dr. Sheldon Cooper, der sich mit dem Experimentalphysiker Dr. Leonard Hofstetter eine Wohnung in Pasadena teilt; dazu gesellen sich ihre Kollegen und Freunde, der Astrophysiker Dr. Rajesh Koothrappali und der Ingenieur Howard Wolowitz. Vervollständigt wird das Ensemble durch die Wohnungsnachbarin Penny – Kellnerin und recht erfolglose Schauspielerin, deren Nachnamen man kurioserweise bislang nicht erfahren hat –, die den bodenständigen Kontrapunkt zu den genialen Forschern bildet. Dass die dabei entstehenden Beziehungskonstellationen und -konflikte mittels geschliffener Dialoge samt Wortwitz und perfekt sitzender Pointen einen hohen Unterhaltungswert generieren, ist die geringste Überraschung, schließlich ist der kreative Kopf hinter The Big Bang Theory mit Chuck Lorre – hier gemeinsam mit Bill Prady – einer der versiertesten Serienentwickler, der als Autor und Produzent bereits für Erfolge wie Dharma & Greg und insbesondere Two and a Half Men verantwortlich zeichnete. Außergewöhnlich für eine Serie mit derart breitem Publikumszuspruch ist da schon das Faktum, dass vier der Protagonisten so gar nicht den gewohnten Mustern derartiger Serien entsprechen. Im Komödienfach wurden hochintelligente Charaktere bislang zumeist auf den Status des skurrilen Nerds reduziert, die als Randfiguren oder bestenfalls als Sidekicks agieren durften.
Nicht dass die Big-Bang-Truppe – vorsichtig formuliert – keine Manierismen aufweisen würde. Die reichen von zahlreichen zwanghaften Handlungen Sheldon Coopers, wie etwa seinem Anklopfritual oder seinen Problemen mit dem Erkennen von Sarkasmus, bis hin zum selektiven Mutismus von Rajesh – was dazu führt, dass dieser nur nach dem Konsum von Alkohol mit Frauen sprechen kann. Das sorgt naturgemäß für erprobte Pointen, doch werden die Protagonisten der Big Bang Theory dabei nicht als bemitleidenswerte Freaks, über die man sich primär lustig machen kann – wie das seit Jahrzehnten in unzähligen High-School-Komödien vorexerziert wird – porträtiert, sondern als komplexe Charaktere, deren Schrullen nur ein durchaus liebenswerter Teil ihrer Persönlichkeit sind.
Die wunderbare Welt des Dr. Cooper
Obwohl die fünf zentralen Charaktere ein perfekt eingespieltes Ensemble bilden, ist der Erfolg von The Big Bang Theory zu einem beträchtlichen Teil der Figur des Dr. Sheldon Lee Cooper anzurechnen. Ein selbst in dieser Gruppe hervorragender Wissenschaftler, ein hervorstechend genialer Mann, der zwei Doktor-, zwei Master- und einen Bachelortitel erworben und mit einem IQ von 187 samt einem eidetischen Gedächtnis das College bereits mit 15 Jahren abgeschlossen hat und auch im Alltag strikt verstandesmäßig handelt. Sheldon Cooper ist dabei der Prototyp des exzentrischen Wissenschaftlers – sein rigides Bestehen auf einen ganz bestimmtem Platz auf der Couch seines Wohnzimmers ist ein Running Gag der Serie –, der seine intellektuelle Brillanz sehr offensiv zur Schau stellt. Dass Dr. Cooper dabei zum Mittelpunkt und Sympathieträger der Serie wird, ist einerseits der kongenialen Darstellung seines Darstellers Jim Parsons geschuldet – abseits des Wortwitzes muss man sich einmal Zeit nehmen, auf die bis in kleinste Detail brillante Mimik und Körpersprache Parsons zu achten, der völlig verdient damit bereits drei Emmys einheimsen konnte. Dr. Sheldon Cooper verkörpert in seinem Auftreten aber auch die Rache der Intellektuellen und aller vornehmlich rational agierenden Menschen an der Borniertheit, Inkompetenz und Selbstgefälligkeit, der man tagtäglich in Gestalt von Behörden, Vorgesetzten oder unliebsamen Mitmenschen begegnet. Im Wissen, die besseren Argumente zu haben, widersetzt sich Sheldon Cooper Unvernunft mit jener Vehemenz, die man selber selten wagt, etwa wenn er die Beantwortung der Fragen bei der Führerscheinprüfung wegen derer unpräzisen Formulierungen verweigert oder die Kompetenz des Vorsitzenden beim Verkehrsgericht, der Dr. Coopers Verteidigung ignoriert, mit „Sie präsidieren nur am juristischen Katzentisch“ in Frage stellt.
Diese derartig strikte rationale Orientierung ist jedoch nicht nur Gegenstand zahlreicher Pointen, sondern ein tragendes Element der Big Bang Theory. In der Originalfassung ähneln alle Titel der einzelnen Episoden nicht nur wissenschaftlichen Experimenten oder Versuchsanordnungen, die zahlreichen wissenschaftlichen, zumeist hochkomplexen Exkurse in die Welt der Physik entsprechen höchsten wissenschaftlichen Standards. Ein Umstand, der übrigens auch von der wissenschaftlichen Gemeinde honoriert wird, wie Gastauftritte von Nobelpreisträger George Smoot oder Stephen Hawking unterstreichen. Es zählt zu den Kunststücken der Serie, einer solchen Materie Witz zu verleihen, ohne ins Triviale abzugleiten, und wissenschaftliche Prinzipien auch auf Probleme des Alltags zu übertragen – im besten Comedy-Sinn. So verweist Sheldon zur Klärung des Verhältnisses von Leonard und Penny – deren On/Off-Beziehung ein durchgängiges dramaturgisches Element darstellt – auf jenes Gedankenexperiment des Begründers der Quantenmechanik, Erwin Schrödinger, das unter dem Titel „Schrödingers Katze“ zu Berühmtheit gelangte. Und anstelle den Samstagabend auf einer Party zu verbringen, zieht Dr. Sheldon Cooper es vor, einen mentalen Ausflug ins Flächenland – basierend auf Edwin Abbotts mathematischen Essay – zu unternehmen. Wer schon einmal unter dem üblichen Smalltalk auf derartigen Festivitäten gelitten hat, wird diese Alternative gar nicht mehr so abwegig finden.
Neben all seiner oft hintergründigen und herrlich verschrobenen Witzigkeit ist The Big Bang Theory aber auch ein Plädoyer für Individualität und den Mut, zu seinen Eigenheiten zu stehen, auch wenn dies vom überwiegenden Teil der Welt als reichlich skurril angesehen werden könnte. In der wunderbaren Welt der Big Bang Theory ist es eben kein unüberwindlicher Gegensatz, tagsüber die Struktur des Universums zu ergründen und nachts Halo zu spielen oder darüber zu diskutieren, ob man bei Star Trek Captain Kirk oder Captain Picard den Vorzug gibt. Wer dem Versuch Dr. Sheldon Coopers, die Welt zu ordnen und zu sortieren und dem daraus resultierenden Ordnungsparadigma, seine Frühstücksflocken numerisch nach ihrem Ballaststoffgehalt zu sortieren, mit Unverständnis gegenübertritt, dem kann man ohnehin nur mehr Sheldons Credo entgegenhalten: „I’m a scientist, I never apologize for the truth.“
