Das erste Drehbuch Cormac McCarthys, ein mit einem attraktiven Star-Ensemble besetztes Projekt, inszeniert von Ridley Scott – da kann doch nichts schief gehen … eigentlich.
Wer hoch pokert, kann auch viel verlieren. Im Fall von Ridley Scotts The Counselor gilt das in gewisser Hinsicht für den Regisseur Scott ebenso wie für seine Titelfigur, einen erfolgreichen Anwalt im texanischen El Paso, der weit über seine Verhältnisse lebt und seine Gier nach Geld und Macht mit krummen Drogengeschäften abzudecken versucht. Michael Fassbender, der mit Scott bereits bei Prometheus zusammengearbeitet hat, wo er einen Androiden mimte, der naturgemäß viel schlauer ist als alle Menschheit zusammen, gerät diesmal in der Hauptrolle immer tiefer in die Bredouille und setzt dabei nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Frischverlobten Laura (Penélope Cruz) aufs Spiel.
Eingefädelt hat den so verführerischen wie riskanten Deal, der schließlich platzt, der bizarre Geschäftsmann Reiner (Javier Bardem) gemeinsam mit seiner gewieften Freundin Malkina (Cameron Diaz), die, wie sich bald herausstellt, ihren eigenen Kopf hat und ganz genau weiß, was sie will und wie sie es bekommt. Weniger schlüssig scheint sich dagegen Ridley Scott trotz aller Begeisterung für den Stoff bei der Umsetzung von Cormac McCarthys erstem Drehbuch gewesen sein. Mag sein, dass einige der Mängel, die der Film aufweist, zum Teil bereits in der Vorlage versteckt waren. Vielleicht war auch der Respekt vor dem Autor zu groß, was zumindest erklären würde, warum einige Szenen auf der Leinwand an ihre filmischen Grenzen stoßen. Nichtsdestotrotz besticht The Counselor durch seine äußerst sehenswerte Besetzung, zu der neben Brad Pitt und Newcomer Nathalie Dormer auch der stets wunderbare Bruno Ganz zählt.
Im hollywood-Reigen
Irgendwann arbeiten sie alle einmal, und manche auch gern wieder mit Sir Ridley Scott zusammen. Für seinen Prometheus-Nachfolger The Counselor hat er diesmal unter anderem Michael Fassbender, Javier Bardem und Penélope Cruz in ungewöhnlicher Pärchen-Konstellation vor der Kamera vereint. Ein Gespräch mit dem britischen Regisseur und seinen Darstellern über besondere Drehbücher, naive Männer, die Intuition von Frauen und den Reiz am Verbotenen.
Mr. Scott, wenn man sich Ihre Filmografie anschaut, fällt auf, wie konsequent und geschmeidig Sie sich zwischen den Genres hin und her bewegen. Gibt es ein bestimmtes Muster, nach dem Sie entscheiden, was als nächstes kommt, oder wonach wählen Sie Ihre Projekte aus?
Ridley Scott: Nein, meine Wahl ist völlig beliebig. Wenn es einen Plan gibt, dann den, dass es keinen gibt. Ich sitze nicht tagelang da und zerbreche mir den Kopf darüber, was als nächstes kommen müsste oder sollte. Als ich das Drehbuch von Cormac McCarthy in die Hände bekam, war ich begeistert. Für mich stand fest, dass ich das machen wollte. So einfach ist das bei mir.
Was genau haben Sie gedacht, als Sie das Buch zum ersten Mal gelesen haben?
RS: Eine der größten Herausforderungen bei dem Drehbuch bestand darin, dass Cormac kein Skript im herkömmlichen Sinn geschrieben hatte, selbst wenn er die besten Absichten hatte, dass es eins werden sollte. Es handelte sich eher um eine für seine Verhältnisse vielleicht etwas nüchternere Erzählung. Es gab keine klare Szenenfolge, sondern war in Buchform geschrieben. Ich hatte nicht damit gerechnet, aber als ich das Buch schließlich in die Hände bekam, war mir das ziemlich egal. Ich wollte das unbedingt machen. Der nächste Schritt bestand darin, die Vorlage in einzelne Szenen und Sequenzen zu zerlegen. Zum Beispiel war die Szene mit Bruno Ganz, dem Diamantenhändler, in Cormacs Fassung etwa acht Seiten lang, und das direkt am Anfang. Das heißt, da haben Sie eine neun Minuten lange Szene – und das nach gerade mal drei Minuten Gesamtlaufzeit des Films –, in der es lediglich um den Kauf eines Diamanten geht. Aber andererseits ist die Szene extrem wichtig und eine Art Metapher für die Geschichte an sich. Ich habe lange überlegt, wie wir das am besten machen, und meinte zu Cormac: „Ich fürchte, man muss an der Stelle vielleicht etwas kürzen.“ Daraufhin meinte er trocken: „Nein, am besten drehst du die Szene so und schneidest später.“ Auch gut, dachte ich, und dann haben wir es halt so gemacht.
War Cormac McCarthy auch am Set noch aktiv an den Dreharbeiten beteiligt?
RS: Nein, die Sache mit großen Autoren ist die: Ich habe im Lauf der Jahre tatsächlich einige gefragt, ob oder warum sie nicht auch einmal selbst Regie führen wollen, aber die Antwort war immer gleich. Alle haben gesagt: „Na ja, wenn ich das Drehbuch geschrieben habe, habe ich bei dem Film ja gewissermaßen auch Regie geführt.“ Und ich weiß genau, was sie damit meinen. Sie haben den Film für sich im Kopf durchlebt. Und was Cormacs Drehbuch angeht, das Buch war so schlüssig, so präzise, so klar … wie hundertprozentiger Alkohol.
Mr. Fassbender, Sie spielen im Film einen Anwalt, der sich in krumme Drogengeschäfte verwickelt, obwohl er ja nur zu gut weiß, dass es nicht richtig ist und vor allem, wie es enden kann. Was treibt ihn dazu? Ist es tatsächlich allein die Gier nach Macht und Geld?
Michael Fassbender: Ich habe mir genau diese Frage natürlich am Anfang auch gestellt, und dachte mir: „Wie kann der nur so naiv sein, zu glauben, dass er damit irgendwie durchkommen würde?“ Als Anwalt in El Paso müsste er es doch eigentlich besser wissen. Ich habe es dann zunächst auf seine Überheblichkeit geschoben, weil er ja eigentlich alles hat, aber den Hals halt nicht vollkriegt und immer noch mehr will, viel mehr. Als angesehener Anwalt verdient er ja nicht schlecht, aber das reicht ihm nicht, und vor allem reicht es nicht für einen 300.000 Dollar teuren Diamantenring oder einen Bentley oder die teuren Designeranzüge, die er trägt, und deshalb lässt er sich schließlich mit Reiner ein. Es gab da allerdings einen tatsächlichen Fall in New York. Das war auch ein Top-Anwalt, der sich mit krummen Geschäften ein Penthouse am Central Park, eine Yacht und diverse Häuser und Grundstücke in Europa zugelegt hatte, ich glaube, insgesamt im Wert von 80 Millionen Dollar. Und der Typ war auch Bester seines Jahrgangs an irgendeiner Eliteuni, also im Grunde hochintelligent. Aber die Gier nach dem Reichtum seiner Klienten wurde ihm zum Verhängnis. So tragisch die Geschichte auch ist, das war zumindest ein ziemlich gutes lebendes Bespiel, an dem ich mich für meine Figur orientieren konnte.
Reiner tut zwar so, als wüsste er es besser, ist aber im Grunde noch naiver als der Counselor. Mr. Bardem, wie sind Sie Ihre Rolle angegangen?
Javier Bardem: Die Figur war im Drehbuch ziemlich gut beschrieben und ich fand, es gab da recht viel Raum für Interpretation. Aber was mir sofort auffiel und mich am ehesten ansprach, war diese Nachtclubbesitzer-Attitüde: Ein Typ, der sich mit schönen Dingen und Menschen umgibt, die so sind, wie er gern wäre. Also auf seine Art nicht viel anders als der Anwalt. Es gibt einen Satz, den wiederholt Reiner mehrmals im Laufe des Films, und zwar: „I don’t know, I don’t want to know.“ Und genau das wollte ich in der Figur zum Ausdruck bringen, diese bewusste Ignoranz gegenüber der Realität. Das führt auch für ihn zu einem bösen Erwachen.
Wie war das, mit Ihrer Frau am gleichen Film zusammenzuarbeiten, aber eigentlich keine gemeinsame Szene vor der Kamera zu haben?
JB: Leider hatten wir keine gemeinsame Szene, aber das ist ja so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz im Film, also dass jeder seine ganz bestimmten Partner hat, mit denen er spielt und verhandelt, und trotzdem ist alles irgendwie ineinander verwoben und miteinander verbunden.
Mr. Scott, es gehören noch weitere Stars wie Brad Pitt und Cameron Diaz zum Ensemble des Films. Vor allem Cameron Diaz scheint dabei eine interessante Besetzung, weil sich ihre Figur sehr von den Rollen unterscheidet, mit denen sie am erfolgreichsten ist.
RS: Stimmt. Mit Brad hatte ich ja schon einmal zusammengearbeitet, bei Thelma & Louise. Da hatte er einen 15-minütigen Einsatz. Damit startete seine Karriere durch, und der Rest ist sozusagen Geschichte. Und was Cameron angeht, ist es nicht so, dass sie nicht auch schon ernste Rollen gespielt hätte, aber die fallen eben weniger auf, weil sie als die schöne Komödiantin so gefeiert ist. Aber ich mag Überraschungen in jeder Hinsicht. Sie war auf jeden Fall meine erste Wahl für die Rolle, und es freut mich, dass es tatsächlich geklappt hat.
Ms. Cruz, Sie haben zwar keine Szene mit Ihrem eigenen Mann, aber dafür bekommen Sie einen Heiratsantrag vom Counselor. War das nicht komisch? Kommen da Erinnerungen hoch?
Penélope Cruz: Ich versuche, mein Privatleben, meine Erfahrungen und Erinnerungen grundsätzlich auszuschalten, wenn ich mich in meiner Rolle befinde. Vor allem deshalb, weil ich gar nicht so viele Erfahrungen in meinem Leben sammeln kann, um all die verschiedenen Charaktere abzudecken, die ich spiele. Mal bin ich eine Kranke, mal eine Verrückte, mal verliebe ich mich in einen Transvestiten – da komme ich mit meinen persönlichen Erfahrungen nicht weit. Ich setze stattdessen lieber auf meine Intuition und Vorstellungskraft. Das ist gesünder, und ich kann mich besser darauf verlassen.
Sie nehmen eigentlich grundsätzlich von Filmen Abstand, in denen viel Gewalt vorkommt. Diesmal scheinen Sie sich in dieser Hinsicht recht weit vorgewagt zu haben. Was hat Sie überzeugt, diese Rolle trotzdem anzunehmen?
PC: Das stimmt, ich habe viele Rollen, und zwar gute Rollen, abgelehnt, weil mich die Art und Weise, wie in den Filmen mit Gewalt umgegangen wurde, nicht überzeugt hat. Und verstehen Sie mich nicht falsch, es geht nicht darum, die Dinge zu beschönigen oder im Film eine bessere Welt darzustellen als die, in der wir tatsächlich leben. Aber ich denke, es liegt eine große Verantwortung darin, wie Gewalt im Film dargestellt wird. Wenn Sie sich die Gewaltszenen in The Counselor anschauen, dann tut das weh, anders als zum Beispiel bei einem Computerspiel, bei dem Menschenleben völlig wertlos sind. Hier dagegen ist nichts cool oder lässig oder glamourös. Es mag sein, dass einige
Figuren so erscheinen, aber man will mit ihnen nicht tauschen, und darauf kommt es an. Ich persönlich verabscheue Gewalt jeglicher Art, und ich hatte durchaus meine Bedenken, bevor ich die Rolle annahm. Aber es war auch im Buch so beschrieben, wie ich es gerade versucht habe zu erklären, und ich wusste, dass Ridley Scott es auch so filmen würde. Das war ihm sehr wichtig, und mir auch.
Im Film beschreibt Reiner in einem Gespräch mit dem Counselor ein Gerät mit einer Schlinge aus Draht, aus der man sich nicht mehr befreien kann, wenn man sie um den Hals gelegt bekommt, und die einem schließlich die Kehle durchschneidet. Gibt es das Gerät tatsächlich?
RS: Sie meinen einen Bolito. Oh ja, ich kann Ihnen das Ding für schlappe 150 Dollar besorgen. Für wen wollen Sie das denn haben? Ich wüsste da schon einige! Nein, jetzt mal im Ernst, das Gerät haben wir erfunden. Aber Sie sprechen da einen interessanten dramaturgischen Punkt an, nämlich dass Reiner dem Counselor das Gerät am Anfang des Films beschreibt, und wenn Brad Pitts Charakter, Westray, damit umgebracht wird, hat man natürlich schon längst wieder vergessen, worum es geht, und erst in dem Moment, wo die Schlinge sich zuzieht, denkt man: „Aha, Bolito!“
Es sind vor allem die Männer, die im Film tragisch enden. Wenn man sich Cameron Diaz’ Figur anschaut, möchte man meinen, das liege daran, dass die Frauen den Männern zum Verhängnis werden. Gilt das Ihrer Ansicht nach auch für den Counselor?
MF: Nein, ich denke, Laura ist das Beste, was dem Counselor im Leben passieren konnte, aber er vermasselt es mit dem, was er tut. Ich habe mir den Anwalt immer als jemanden vorgestellt, der sich aus dem unteren Mittelstand hochgearbeitet hat, und der sich dafür schämt, wo er herkommt. Er versucht, das zu vertuschen mit der Art, wie er sich kleidet und mit dem Luxus, den er anderen vorlebt, sich aber eigentlich gar nicht leisten kann. Laura dagegen wäre mit viel weniger auch zufrieden gewesen, weil ihr die Liebe zueinander wichtiger war als alles andere. Bei Camerons Charakter geht es dagegen um etwas ganz anderes. Sie ist wie ein Raubtier, eine Jägerin und eine Überlebenskünstlerin – darin liegt die Crux ihrer Figur.
Wann waren Sie denn persönlich zuletzt in etwas Verbotenes verwickelt – falls überhaupt?
MF: Ich? Das kommt darauf an, wie man das betrachtet … Sagen wir es mal so: Es kommt öfter vor.
