Eine klare Haltung zeigen und spannende Filme erster Güte produzieren: Das Filmmuseum erinnert in einer Retrospektive an die Glanzzeit des Politthrillers.
Am Anfang des Films Cadaveri eccellenti (Die Macht und ihr Preis, Regie: Francesco Rosi, 1976) spaziert der von Charles Vanel gespielte Staatsanwalt bedächtig durch die Kapuzinergruft Palermos, wo mittels eines besonderen Verfahrens mumifizierte Leichen ihre letzte Ruhestätte erhalten haben. Meditativ betrachtet der Jurist die sich in den Korridoren befindlichen Mumien, ehe er die Grabstätte verlässt – um wenig später einem Mordanschlag zum Opfer zu fallen. Die Gruft mit ihrer morbiden Atmosphäre, die einstmals Lebendiges auf bizarre Art konserviert, ist ein symbolträchtiges Bild für den Zustand des Staates und der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rosi in Cadaveri eccellenti anprangert.
Rosis Film ist ein hervorragendes Beispiel für jenes Kino der sechziger und siebziger Jahre, das in der Form hochspannender – vornehmlich italienischer und französischer – Thriller und Krimis aktuelle soziale und politische Zustände thematisierte und dabei dezidiert linke Positionen auf die Agenda zu setzen verstand. Das mag angesichts der Entwicklungen der Gegenkultur der sechziger Jahre und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüche sowie dem Erstarken linksliberaler Positionen noch nicht die große Überraschung sein. Doch was im Rückblick erstaunlich erscheint, ist die Tatsache, dass ein Kino mit derartigen Positionen – die vor allem durch die Studentenbewegung Teil des politischen Diskurses waren – Gehör und breiten Zuspruch bei einem Genre-affinen Publikum finden konnte.
Unter den engagierten Regisseuren war Costa-Gavras vielleicht derjenige, der seine Überzeugungen am deutlichsten formulierte. Der gebürtige Grieche, der schon als junger Student nach Frankreich gezogen war, inszenierte 1969 mit Z einen stilbildenden Film im Subgenre des Politthrillers. Z, neben zahlreichen anderen Preisen auch mit zwei Oscars ausgezeichnet, thematisiert anhand der Ermordung eines Oppositionellen bei einer Kundgebung – deutlich angelehnt an den gewaltsamen Tod von Grigoris Lambrakis – und den folgenden Ermittlungen eines engagierten Untersuchungsrichters den Weg Griechenlands in die Diktatur, der im Putsch der Obristen von 1967 gipfelte. Dass Costa-Gavras mit seinen prononcierten Überzeugungen seinen kritischen Blick nach allen Seiten richtete, bewies er mit seinem darauffolgenden Film L’Aveu (Das Geständnis, 1970). Kaum verklausuliert setzt sich der Film mit dem Schicksal des tschechischen Kommunisten Artur London, dem Anfang der fünfziger Jahre mit haltlosen Spionagevorwürfen ein Schauprozess gemacht wurde, auseinander und formuliert dabei eine flammende Anklage gegen den Totalitarismus stalinistischer Prägung. Im Vergleich zu den Spannungsbögen von Z wirkt L’Aveu mit seinen repetitiven Sequenzen, die die perfiden Foltermethoden, denen der Protagonist ausgeliefert ist, beinahe körperlich spürbar machen, geradezu spröde inszeniert, was der Eindringlichkeit jedoch keinen Abbruch tut.
Ein weiteres Paradebeispiel für politisch engagiertes Kino in publikumswirksamer Form ist État de siège (Der unsichtbare Aufstand, 1972). Costa-Gavras greift darin die tatsächlichen Geschehnisse rund um die Entführung und Ermordung des CIA-Mitarbeiters Daniel Mitrione in Uruguay auf, um die Methoden der autoritären Regimes Lateinamerikas und die Interventionspolitik der USA in dieser Region anzuprangern. Dabei wird der von Yves Montand gespielte Protagonist, der im Film Philip
Michael Santore heißt und offiziell als US-Experte für Verkehrsfragen gilt, tatsächlich jedoch den örtlichen Polizeiapparat berät – auch in Sachen Terrorismusbekämpfung bis hin zu Foltermethoden –, von der Untergrundbewegung der Tupamaros gekidnappt. Im Verlauf seiner Gefangenschaft wird er von den Mitgliedern der Stadtguerilla einem Verhör unterzogen, das in geradezu prophetischer Sicht dem Diskurs ähnelt, der sich 1977 zwischen Hanns Martin Schleyer und seinen Entführern von der RAF entwickeln sollte. Santore muss in dem Verhör seine Kollaboration und in Folge auch die der USA mit dem autoritär agierenden Regime eingestehen. Dieses reagiert mit immer drastischeren Maßnahmen, was zu einer zunehmenden Radikalisierung führt, von der – dies wird von Costa-Gavras keineswegs ausgeblendet – auch die zunächst idealistisch agierende Widerstandsbewegung nicht ausgenommen ist.
Anhand einiger der engsten Mitarbeiter von Costa-Gavras zeigt sich nachdrücklich, dass die Linke mit diesem Kino eine populäre Plattform gefunden hatte: Yves Montand, der in allen drei erwähnten Filmen Hauptrollen spielt, zählte über viele Jahre zu den Sympathisanten der französischen KP, Mikis Theodorakis, Komponist des Scores von Z und État de siège, war als überzeugter Linker aktiv im Widerstand gegen die griechische Junta, war deswegen inhaftiert und wurde später ins Exil gezwungen, Jorge Semprún, Ko-Autor von Z und L’Aveu, kämpfte schon in der Résistance gegen die Nazis und engagierte sich später als Mitglied der spanischen KP gegen das Franco-Regime.
Spannte Costa-Gavras anhand der Schauplätze seiner Filme einen beinahe globalen Bogen, so fokussierte Francesco Rosi auf die Zustände in seiner Heimat Italien. Rosi, der bereits viel früher mit Salvatore Giuliano (1962) und Le mani sulla città (Hände über der Stadt, 1963) die unheilvolle Verbindung von Mafia und Politik thematisiert hatte, setzte sich in Il caso Mattei (Der Fall Mattei, 1972) mit einer legendären Figur der italienischen Nachkriegsgeschichte auseinander. Als Vorsitzender des staatlichen Energiekonzerns Eni versuchte Enrico Mattei, die Vorherrschaft der sieben global operierenden Ölmultis zu brechen und Italien dadurch unabhängiger zu machen. Der charismatische Mattei agierte dabei ebenso erfolgreich wie unkonventionell – und er schlug beinahe revolutionäre Wege ein: Die Erdöl produzierenden Länder der Dritten Welt sah er als gleichberechtigte Partner an, die Dienstautos der Direktoren von Eni ließ er über Nacht einziehen. Als Enrico Mattei im Oktober 1962 bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz nahe Mailand ums Leben kam, hielten sich – entgegen der offiziellen Unfallversion – hartnäckig
Gerüchte, die zahlreichen mächtigen Gegner des unbequemen Mannes hätten da ein wenig nachgeholfen. In einem rasanten Kaleidoskop, das Zeit- und Erzählebenen durcheinanderwirbelt und mit Dokumentarischem vermengt, begibt sich Francesco Rosi auf die Spur einer charismatischen Persönlichkeit, die sich trotz klarer Wertvorstellungen letztlich doch auch in das für Italien so verhängnisvolle Geflecht aus Politik, Wirtschaft und Verbrechen verstrickt hatte.
Der eingangs erwähnte Cadaveri eccellenti ist hingegen ein Polit-Thriller klassischen Zuschnitts: Inspektor Rogas (Lino Ventura) ermittelt in einer Mordserie, der mehrere Staatsanwälte zum Opfer gefallen sind. Zunächst weist alles auf den Rachefeldzug des Opfers eines Justizirrtums hin, doch nach und nach kommt Rogas hinter ein Komplott, in das höchste politische Kreise verstrickt sind. Diese beabsichtigen, durch die Anschläge eine Destabilisierung des Staates und damit den Einsatz des Miltärs – was einem Staatsstreich gleichkäme – herbeizuführen. Ruft man sich die in den achtziger Jahren bekannt gewordenen Aktivitäten der geheimnisumwitterten Organisation Propaganda Due – zu deren prominenten Mitgliedern übrigens ein gewisser Silvio Berlusconi zählte – mit ihren Umsturzplänen in Erinnerung, erscheint Cadaveri eccellenti keineswegs mehr als bloßes Konstrukt eines phantasiebegabten Drehbuchautors. Dass auch unverhohlen Kritik an der über viele Jahrzehnte staatstragenden Democrazia Cristiana geübt wird, hat vermutlich dazu beigetragen, dass Rosi und die Produktionsfirma mit Cadaveri eccellenti Probleme mit der italienischen Justiz bekamen.
Die deutliche Warnung vor einem autoritär agierenden Staat, dessen Institutionen von reaktionären und rechtsextremen Zirkeln unterwandert und zusehends der demokratischen Kontrolle entzogen werden, ist ein zentrales Motiv des Politthrillers der siebziger Jahre, die dabei verwendeten Sujets dagegen höchst unterschiedlich: Florestano Vancini greift in Il delitto Matteotti (Die Ermordung Matteottis, 1973) auf ein historisches Ereignis zurück. In seinem dokumentarisch anmutenden Drama beleuchtet er das Schicksal des sozialistischen Politikers Giacomo Matteotti, der 1924 eindringlich vor der Gefahr des Faschismus warnte und wenige Tage danach von Mussolinis Schergen umgebracht wurde. Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger, Elio Petri, 1970) nimmt auf bitterböse Weise die Voreingenommenheit von Polizei und Justiz aufs Korn. Henri Verneuil inszenierte mit I…comme Icare (I wie Ikarus, 1979) einen packenden Verschwörungsthriller, der – mit deutlichen Querverweisen auf das Attentat auf John F. Kennedy – ein Komplott von organisiertem Verbrechen und Geheimdienst impliziert. Apodiktisch bezog Gillo Pontecorvo, dem mit fünf seiner Filme im Filmmuseum ein gesonderter Programmpunkt gewidmet ist, Stellung. La battaglia di Algeri (Die Schlacht um Algier, 1966), eine Aufarbeitung des Algerien-Kriegs, zeigt mit semi-dokumentarischer Direktheit, wie sich bei den Kämpfen in der Kasbah von Algier dieser Konflikt brutal zuspitzte und Gräueltaten von beiden Seiten überhand nahmen. Das Historiendrama Queimada (1969) – mit Marlon Brando in der Rolle eines verschlagenen Agenten im Auftrag des britischen Empire – erweist sich als wenig verklausulierte Parabel auf den Imperialismus und das koloniale Gehabe der westlichen Welt.
Dass sich politisch klar positioniertes, engagiertes Kino und publikumswirksame Aufbereitung glänzend vereinigen ließen, lässt sich anhand von Damiano Damiani, einem der produktivsten Regisseure dieser Ära, demonstrieren. Damianis Filme sind geradlinig in Szene gesetzte Arbeiten, die sich bewährter Genre-Elemente zum Spannungsaufbau bedienen, jedoch ihre inhaltlichen Anliegen in diesem Rahmen präzise zu formulieren verstehen. Im Mittelpunkt des Films Io ho paura (Ich habe Angst, 1977) steht der Polizist Ludovico Graziano (Gian Maria Volonté), der fürchtet, er könnte bei politisch motivierten Attentaten auf Politiker und Justizvertreter in Ausübung seines Dienstes – wie schon etliche seiner Kollegen – getötet werden. Also lässt er sich als Leibwächter einem älteren Richter zuteilen, der „nur“ einfache kriminelle Delikte bearbeitet – ein vermeintlich angenehmer Job. Doch eher zufällig stößt dieser Richter auf einen Fall, bei dem er einer Verschwörung rechtsradikaler Kreise auf die Spur kommt. Trotz der politischen Brisanz und der damit verbundenen Gefahren ermittelt der Richter – ein aufrechter und pflichtbewusster Mann – konsequent weiter, was Graziano, der eigentlich keine Schwierigkeiten haben will, nicht ganz recht ist. Doch als der Richter einem Anschlag zum Opfer fällt, erkennt der Polizist, dass höchste Kreise des politischen Systems und der Justiz an der Verschwörung beteiligt sind. Er selbst gerät als möglicher Mitwisser der richterlichen Ermittlungen ins Visier der Verschwörer. So muss Graziano gezwungenermaßen den Kampf aufnehmen und schon bald erkennen, dass er allein gegen das System steht. Io ho paura generiert eine Atmosphäre von bedrückender Bedrohlichkeit, bei der sich der Einzelne zusehends hilflos jenem unheilvollen Filz aus politischen, ökonomischen und kriminellen Interessen gegenübersieht, der die italienische Gesellschaft seit Jahrzehnten zu ersticken droht.
Die in Io ho paura skizzierte Verschwörung hatte mit dem Anschlag auf die Piazza Fontana in Mailand im Dezember 1969 einen realen Hintergrund: Mit einer „Strategie der Spannung“ beabsichtigten rechte und paramilitärische Geheimorganisationen, wie die bereits erwähnte Propaganda Due und Gladio, das politische Klima zu verschärfen und linke Bewegungen zu diskreditieren. Angesichts dieses Szenarios – das 1980 mit dem Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna seinen traurigen Höhepunkt finden sollte – wirkt die Atmosphäre von Io ho paura noch bedrückender. In Il giorno della civetta (Der Tag der Eule, 1968) lässt Damiani einen engagierten Polizeibeamten, der aus dem Norden nach Sizilien versetzt wurde, an dem Geflecht aus Politik, Wirtschaft und Mafia scheitern. Die als Folge dieser Verflechtungen entstehende Atmosphäre der Angst, die zunehmend auch in Paranoia umschlägt, verarbeitet Damiani kongenial in Perché si uccide un magistrato (Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?, 1975). Der Mord am titelgebenden Juristen, den jedermann zunächst als politisch motiviert ansieht, erweist sich schlussendlich als banales Verbrechen aus Leidenschaft. Das Motto jener Tage, alles Private sei politisch, erfährt hier auf bitter-ironische Weise seine Paraphrasierung.
