Jung & Schön / Jeune et Jolie
Marine Vacth als Isabelle

Filmkritik

Jung & Schön / Jeune et Jolie

| Oliver Stangl |

Jung & Schön: gelungenes Porträt einer Schülerin mit Doppelleben

Schon die erste Einstellung spielt mit Neugier und ihrer Steigerung, der Begierde: Durch einen Feldstecher wird die 17-jährige Isabelle (Marine Vacth), die sich im Bikini am Strand räkelt, in den Blick gefasst. Doch der Beobachter ist nicht etwa ein alter Perversling, sondern ihr Bruder, der sie zum Essen ruft – und im weiteren Verlauf des Films immer wieder als Vertrauensperson herangezogen wird. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Denn die grazile Isabelle ist eine verschlossene junge Frau. Äußerlich idyllisch wirken die sommerlichen Urlaubstage am Meer, die am Beginn des Films stehen, doch der erste Sex am Strand mit einer Urlaubsliebelei entpuppt sich als unspektakulär und enttäuschend. Mutter und Stiefvater schmunzeln wohlwollend über die erwachende Sexualität der Tochter, doch bei Isabelle hat die Entjungferung Spuren hinterlassen. Zurück in Paris beginnt die Schülerin ein Doppelleben als Prostituierte, von dem weder die Familie noch die beste Freundin etwas ahnen…

Die Stärke des neuen Ozon ist nicht die offensichtliche Handlungsebene – sogar den alten Knacker, der beim Sex mit der Minderjährigen einem Herzinfarkt erliegt, gibt es – sondern die Inszenierung, die Situationen wie diese mit Hintergründigkeit auflädt. Man bekommt Isabelle im Laufe von vier Jahreszeiten oft nackt zu sehen, doch der Voyeurismus wird durch ein stetes Gefühl von Melancholie abgeschwächt. Ozon hält sich mit Urteilen und Psychologisierung zurück: Die Beweggründe Isabelles, von Marine Vacth sehr schön mit einer Aura aus Neugier und Zurückhaltung verkörpert, werden nicht banalisiert, stets umgibt sie etwas Geheimnisvolles. Monetäre Gründe erscheinen nicht als Antrieb – wie die Beute in Heisenbergs Der Räuber (der die Motivationen seiner Hauptfigur ebenfalls nur andeutete) sammelt sich das Geld einfach an, ohne ausgegeben zu werden. Ozon inszeniert präzise, Motive wie Türen oder Rolltreppen vermitteln die Erfahrungen und Grenzüberschreitungen Isabelles. Während die Kunden nach ihrem begehrenswerten Körper gieren, erscheint sie als Forschende, die Erfahrungen machen will, ohne zu urteilen. Anders die Familie. Als die Mutter hinter Isabelles Doppelleben kommt, ist sie entsetzt – und das, obwohl sie selbst eine Affäre unterhält und zu einem moralischen Urteil gar nicht das Recht hätte.

In Zusammenhang mit dem einzigen Kunden, den sie näher kennenlernen will, steht schließlich eine Begegnung am Ende des Films, die für Isabelle zur möglicherweise wertvollsten Erfahrung überhaupt wird … Die Geheimnisse, die jeder in sich trägt: Auch von ihnen handelt dieser gelungene Film.